LockdownSchulen wollen autonom über Schließung von Klassen und Schulen entscheiden

Rund 70 Prozent der Kinder sind österreichweit am ersten Tag des Lockdown in die Schule gekommen. Schulen wurden von Eltern mit Mails bombardiert. Lehrer wollen autonome Entscheidung über Schließung von Klassen. Bildungsministerium verweist auf eine neue Freiheit, die nur genützt werden müsse.

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© APA/ROLAND SCHLAGER
 

Laut Bildungsministerium besuchten in sieben Bundesländern in etwa drei Viertel der Kinder die Schule, in der Steiermark waren es sogar 80 Prozent, in Salzburg waren es dagegen nur rund 50 Prozent und in Oberösterreich zwischen 60 und 70 Prozent. Tendenziell kamen an den Volksschulen in manchen Bundesländern weniger Kinder, an den Sekundarstufen waren überdurchschnittlich viele Kinder anwesend.

Dabei handelt es sich allerdings erst um erste Zahlen aus den Bildungsdirektionen. Die Zahlen schwanken darüber hinaus je nach Schultyp und Standort. Der Montag sei außerdem noch ein Übergangstag, an dem viele Eltern noch nicht endgültig entschieden hätten, hieß es aus dem Ministerium.

Autonome Entscheidung?

Direktoren- und Lehrervertreter wollen die Möglichkeit bekommen, direkt am Schulstandort über das Schließen von Klassen bzw. die Umstellung auf Distance Learning zu entscheiden. Unterdessen zeigen Elternbriefe von Schulen, dass diese etwa mit Schularbeiten in der geplanten Zeit des Lockdown unterschiedlich umgehen - gleichzeitig lassen sie darauf schließen, dass Eltern mit der Entscheidung, ihr Kind in die Schule zu schicken oder nicht, oft überfordert sind.

Die Details haben es in sich - unter anderem stellen sich Fragen wie der Umgang mit Schularbeiten und Tests oder das Mitkommen bei der Stoffvermittlung für die Daheimgebliebenen. Hier sind die Vorgaben des Bildungsministeriums dehnbar. So sollen etwa Tests und Schularbeiten "nach Möglichkeit nicht stattfinden". Die Vermittlung von Unterrichtsinhalten soll "den Gegebenheiten angepasst" werden. Wer nicht am Präsenzunterricht teilnimmt, ist mit "Lern- und Übungsaufgaben auszustatten", die selbst erarbeitet werden müssen - wobei die Lehrer "wenn machbar" für Fragen zur Verfügung stehen.

Das dürfte zu einem wahren Mail- und Anrufbombardement bei den Direktoren geführt haben, wie diverse Elternbriefe nahelegen. Ein Schulleiter spricht etwa darin von einer "unzumutbaren Entscheidung" für die Eltern und empfiehlt "vorerst" die Teilnahme am Präsenzunterricht, andere vermeiden dezidiert eine von den Eltern eingeforderte irgendwie geartete Empfehlung.

An der einen Schule sollen Schularbeiten zumindest in den ersten Tagen mit den entsprechenden Schutzbestimmungen durchgeführt werden, da sich die Kinder ja schon darauf vorbereitet hätten. Andere sagen diese ab, wiederum andere machen die Entscheidung klassenweise von der Rückmeldung der Eltern bzw. der geplanten Anwesenheit der Schüler abhängig.

Konkretisiert werden von den meisten Schulen die "Lern- und Arbeitspakete": Dabei handelt es sich vor allem um die Information über die in dieser Zeit geplanten bzw. durchgenommenen Kapitel bzw. Beispiele in den Büchern sowie die Hausübungen. Lehrer können ihren Unterricht gleichzeitig streamen, sind dazu aber nicht verpflichtet. Eines machen praktisch alle Schulen klar: Da die Vorgabe derzeit die Abhaltung des normalen Präsenzunterrichts vorsieht, werden dafür vorerst auch alle Lehrerinnen und Lehrer gebraucht - insofern sei Distance Learning für die Daheimgebliebenen grundsätzlich nicht möglich.

Die Lehrer-Gewerkschafter an den Pflichtschulen und den AHS sprechen sich grundsätzlich für offene Schulen aus. Gleichzeitig verlangen sie aber, dass die komplette Umstellung auf Distance Learning auch auf Schulebene möglich sein müsse. Das Schließen von Klassen wiederum soll ebenfalls entweder auf Schulebene (AHS) oder durch die Bildungsdirektion (Pflichtschule) mit nachträglicher Genehmigung durch die Gesundheitsbehörde erfolgen können. Ähnliches hatten am Freitag bereits die AHS-Direktoren gefordert. Außerdem soll an den Schulen häufiger PCR-getestet werden.

Wissenschaft und Schüler fordern Distance Learning

Wissenschafter appellierten am Montag in einem Offenen Brief, die Schulen und Universitäten sofort zu schließen und "Distance Teaching" anzubieten. Die aktuellen Maßnahmen seien ohne Schulschließungen nicht effektiv genug. "Wenn Sie es nicht morgen anordnen, werden Sie es in einer Woche tun müssen", sind die Start- und Wittgensteinpreisträger Erich Gornik (TU Wien), Hanns-Christoph Nägerl (Uni Innsbruck), Norbert Mauser (Uni Wien) und Peter Markowich (Uni Wien) sowie Robert Elsässer (Uni Salzburg) überzeugt. Zudem fordern sie eine "Verpflichtung zur Heimarbeit, wo immer das nicht unmöglich ist". Ein solch "richtiger Lockdown von zwei Wochen würde reichen, die vierte Welle zu brechen".

Ebenfalls 14 Tage Distance Learning - allerdings mit Betreuungsmöglichkeit - fordern rund 100 Schulsprecherinnen und Schulsprecher in einem Offenen Brief. Bundesschulsprecherin Susanna Öllinger von der ÖVP-nahen Schülerunion setzt unterdessen auf "wirklich sichere und offene Schulen für die, die in die Schule wollen", durch lückenloses Contact Tracing und eine strengere Teststrategie. Für jene, die aus Angst vor Ansteckung daheimbleiben, müsse es allerdings einen funktionierenden Hybridunterricht geben. Vom Bildungsministerium fordert sie dringend klarere Kommunikation ein, die derzeitige Situation in den Schulen sei nämlich "sehr chaotisch". SPÖ-Bildungssprecherin Petra Vorderwinkler ortet gar ein "Management by Chaos am Rücken der Kinder, Eltern und Lehrer*innen".

Aus dem Bildungsministerium heißt es dazu, es herrsche größtmögliche Freiheit, mit der die Schulen erst umgehen lernen müssten:

  • Schularbeiten, wenn möglich, nicht, aber doch: dann nämlich, wenn den Schülerinnen und Schülern, etwa dann, wenn sie bereits vorbereitet sind, größerer Schaden aus der Nicht-Abhaltung entstehen würde. Allerdings müssten dann alle die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen.
  • Anwesenheit in der Schule nicht, aber doch: dann nämlich, wenn es die Eltern so entscheiden. Keine Anwesenheitspflicht also, aber doch eine deutliche "Einladung", weiterhin am Präsenzunterricht teilzunehmen.
  • Distance Learning eigentlich nicht, aber doch: dann nämlich, wenn die Lehrer Ressourcen dafür haben. Konkret ist das dann der Fall, wenn ohnehin alle Kinder einer Klasse zu Hause sind, oder wenn zum Beispiel jene Kinder, die in der Schule sind, in einem Raum sind mit dem Lehrer und seinem Computer, oder wenn Kinder aus mehreren Klassen zusammengezogen werden und dadurch Raum ensteht für einen der Lehrer, Online-Unterricht zu machen.

Faßmann entschuldigt sich

Bildungsminister Heinz Faßmann hat sich beim Lehrpersonal für das Informationschaos rund um die Auswirkungen des Lockdowns für die Schulen entschuldigt. Es sei ihm bewusst, dass man "wahnsinnig wenig Zeit hat", sich vorzubereiten. Er selbst habe auch erst Freitagfrüh vom Lockdown erfahren, er bitte um Nachsicht, so Faßmann im Ö1-Morgenjournal. Doch ihm seien die offenen Schulen und der Präsenzunterricht sehr wichtig. Man habe aus der Erfahrung der anderen Lockdowns gelernt, welche Belastung durch geschlossene Schulen auf die Familien zukäme. Um diese Belastung zu reduzieren, sei dieses Modell entwickelt worden, "auch mit der Bitte, dem übergeordneten Ziel, der Kontaktreduktion, Folge zu leisten und nur die Kinder in die Schule zu schicken", wo es notwendig sei.

Anders als bisherige Lockdowns

In den bisherigen Lockdowns war es bei den Schultypen anders. Damals kamen an den Volksschulen deutlich mehr in die Klassen als an den Unter- und Oberstufen. Dass es diesmal eher umgekehrt ist, dürfte an der für ältere Schüler schon verfügbaren Impfung liegen.

An den Schulen gilt ab heute durchgehend Maskenpflicht - an den Volksschulen, Mittelschulen, AHS-Unterstufen und Sonderschulen müssen Schüler mindestens einen Mund-Nasen-Schutz tragen, alle anderen Schüler sowie alle Lehrer brauchen eine FFP2-Maske. Abgenommen werden darf die jeweilige Maske nur während der Maskenpausen beim Lüften. Außerdem wird dreimal pro Woche getestet - mindestens einmal per PCR-Test.

"Es zeigt sich, dass die Bevölkerung sehr verantwortungsvoll mit unserem Modell umgeht", meinte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) in einer Stellungnahme. "In Salzburg und Oberösterreich, den Ländern, die sehr betroffen sind, kommen deutlich weniger Schüler als in den anderen Bundesländern. Insgesamt haben die Eltern Vertrauen in unser System und sind froh, dass die Kinder getestet werden."

Kommentare (11)
RonaldMessics
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Schon wieder so a Shit Idee, denn

...scheinbar ist es diesen Menschen egal wie dann Mehrkinderfamilien mit Unterrichtspflicht zurecht kommen, bei denen die Kinder in verschiedene Schulen unterrichtet werden. Außerdem schafft dies noch mehr Verwirrung.

Hawkeye2209
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Eltern und Schüler haben genau null Entscheidungsfreiheit

15 von 22 Kindern einer Klasse einer AHS in Klagenfurt (nicht mehr schulpflichtig und großteils geimpft) blieben heute zu Hause. Eltern bekommen ein Mail, wo darauf hingewiesen wird, dass am Präsenzunterricht festgehalten wird. Mag sein, dass die Schulen sichere Orte sind, aber die teils langen und weiten Schulwege werden nicht berücksichtigt.
Eine Klasse einer HTL plädiert geschlossen für Distanzunterricht und wird ignoriert. Sogar Tests und Schularbeiten werden planmäßig abgehalten. Ebenso ist auch hier der Schulweg irrelevant, da die Direktoren scheinbar in der Nähe wohnen bzw. mit Privat PKW anreisen.
Spannend ist, dass bei beiden Beispielen bisher keine erhöhten Motivation seitens der Lehrer seit September zu bemerken war. Ergo wird wegen einem dahindümpeln an den nächsten 13 Schultagen festgehalten …

frogschi
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Bei 70% Präsenzschülern?

Da haben die Bürger eigentlich klar ihren Willen bekundet.

erstdenkendannsprechen
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man bekundet seinen willen nicht wirklich,

wenn man keine wahl hat.

frogschi
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Das ist eine Feststellung, welche an sich viel Weisheit birgt,

doch hier nicht wirklich passt. Man hat ja die Wahl. Schule oder zuhause.

Pollheim
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In den..

…höheren Schulstufen vielleicht aber was macht man mit den kleineren die nicht alleine daheim bleiben können und die Eltern nicht frei bekommen oder keinen Urlaub mehr haben?

PiJo
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Dann haben wir wieder einen Fleckerlteppich

1 Kind in der Schule eines zu Hause kann diese Regierung ueberhaupt etwas entscheiden damit eine Familie den Tagesablauf vernuenftig planen kann.Wenn die Eltern alles selbst entscheiden muessen braucht es keinen Minister mehr der ein Tohuwawohu verursacht

erstdenkendannsprechen
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sie können ja selber entscheiden.

dann schicken sie halt beide kinder in die schule oder lassen sie beide daheim.

chh
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Gar nicht so einfach

Vorgabe Genereller Präsenzunterricht: Aufschrei jener, die sich um die Gesundheit der Schüler und eventuelle Weiterverbreitung in den Familen sorgen.
Vorgabe Generelles Distance-Learning zuhause: Aufschrei jener, die keine Betreuungsmöglichkeit zuhause haben oder sich um den Lernerfolg Sorgen machen.
Vorgabe Eltern sollen entscheiden: Aufschrei siehe oben.

PiJo
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Aufschrei

Mit dieser Nichtverordnung kommt der Aufschrei von allen Seiten. Klare begruendete Anordnungen vermeiden das die Wahrheit ist den Menschen zumutbar und wird auch akzeptiert

frogschi
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Diese Verordnung ist doch sehr klar.

Sie stellt den Bürgern die Möglichkeit offen sich nach ihren individuellen Bedürfnissen zu entscheiden. Ich hätte mir nicht gedacht, dass dies doch einige Menschen scheinbar überfordert.