Im Fall einer 17-jährigen Tirolerin, die am Montag von ihrem 18-jährigen Freund mit einem Messer getötet worden sein soll, gibt es weiter keine Anzeichen auf eine Vorgeschichte in Sachen Gewalt. LKA-Leiterin Katja Tersch sagte der APA am Mittwoch, dass Befragungen von Zeugen keinen Hinweis ergeben hätten. Der Polizei war zuvor ebenfalls nichts bekannt. Der Freund hatte anschließend Suizidbegangen, indem er von einer Brücke sprang. Die junge Frau wollte sich, wie Befragungen ergaben, von ihrem Freund trennen, sagte LKA-Leiterin Katja Tersch zur APA.

Dem gewaltsamen Tod dürfte unmittelbar zuvor ein Streit voraus gegangen sein, sagte Tersch. Die beiden waren seit einem Jahr in einer Beziehung, hatten jedoch nicht zusammengelebt. Es kam in dieser Zeit zu keinen Streitigkeiten, die der Polizei bekannt gewesen seien, hieß es. "Es liegt weder eine polizeiliche Vormerkung, noch ein Betretungsverbot oder eine Wegweisung vor", berichtete die LKA-Leiterin. Beide seien "einer geregelten Arbeit" nachgegangen.

Häusliche Gewalt zuletzt stark gestiegen

Fälle häuslicher Gewalt waren zuletzt in Tirol gestiegen. Tersch verwies im APA-Gespräch darauf, dass sich in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen wegen Gewalt des Partners bei der Polizei oder bei Opferschutzeinrichtungen melden würden. Dies zeige auch die Kriminalstatistik eindrücklich. 1.556 Gewaltdelikte im privaten Raum wurden 2021 in Tirol zur Anzeige gebracht, ein Anstieg von 16,1 Prozent im Vorjahresvergleich, im Jahr 2020 wurde ebenfalls eine Zunahme von 16,3 Prozent verzeichnet.

Tirols oberste Kriminalbeamtin führte dies einerseits auf die erschwerten Umstände durch die Corona- und nun Wirtschaftskrise zurück, andererseits auch auf die verstärkte Thematisierung. Sie glaubte, dass sich dadurch mehr Frauen trauen würden, bei Gewalt in einer Beziehung Hilfe zu suchen. "Es ist wichtig, dass Opfer den Schritt wagen", appellierte sie an Betroffene.

Obduktion durchgeführt

Mehrere Passanten waren am Montagabend im Bereich der Highline unterwegs. Der junge Mann sei beobachtet worden, wie er "alleine auf der Brücke hin und herging", so die LKA-Leiterin. Die Polizei war auf die Tat durch eine Passantin aufmerksam gemacht worden, die am Montag gegen 20.30 Uhr den Suizid des jungen Mannes gemeldet hatte. Daraufhin sei die Leiche der 17-Jährigen in dem Pkw gefunden worden.

Am Dienstag wurde bei den beiden Leichen eine Obduktion durchgeführt. Es wurde dabei bestätigt, dass die 17-Jährige an den Folgen mehrerer Messerstiche am Oberkörper verstorben war. Der Mann starb an den Folgen des Sturzes.

Das Opfer stamme aus dem Bezirk Imst, auch ihr Freund habe dort gelebt. Ersten Ermittlungen zufolge habe der 18-Jährige seine Freundin am Montag zwischen 17.00 und 18.00 Uhr von der Arbeit abgeholt und sei mit ihr Richtung Reutte gefahren. Wohin die beiden wollten, war vorerst nicht bekannt.

Siebter mutmaßliche Femizid

Bei dem tödlichen Messerangriff auf die 17-Jährige handelt es sich laut APA-Zählung in diesem Jahr um den siebenten vollendeten mutmaßlichen Femizid, begangen durch (Ex-)Partner. Sieben weitere Frauen wurden heuer getötet, zwei von ihren Söhnen, zwei von anderen Frauen, drei durch Personen ohne Naheverhältnis. Außerdem starb ein sechsjähriges Mädchen durch seinen Vater, der anschließend Suizid beging.

Laut der Leiterin des Frauenhaus Tirol, Gabriele Plattner, wird ein Femizid selten im Affekt begangen, wie sie im APA-Gespräch ausführte. Zumeist lägen auch "gewaltförmige Beziehungsmuster" vor. Femizide seien "lediglich die Spitze des Eisbergs", wenn es um Gewalt an Frauen gehe. Es bestehe "großer Aufholbedarf" in puncto Geschlechtergerechtigkeit und Gewaltschutz. Bei den Femiziden liege Österreich "im traurigen europäischen Spitzenfeld", hielt Plattner fest.

Die Tiroler Gewaltschutzexpertin pochte auf "ausgebaute Kooperation und Vernetzung zwischen Frauenorganisationen und Unterstützungseinrichtungen sowie Zusammenarbeit mit Polizei und Gerichten". Die Schaffung von Geschlechtergerechtigkeit und den Abbau von Abhängigkeitsverhältnissen sah sie als "dringende Aufgabe der Politik". Aus dem Umstand, dass es sich um zwei sehr junge Menschen handelte, leitete Plattner die Forderung ab, mehr in Präventionsarbeit für Teenager zu investieren, etwa in Form von Informationsveranstaltungen an Schulen.

Die Tat führte auch zu weiteren Reaktionen und Forderungen. SPÖ-Frauenvorsitzende Abg. Eva-Maria Holzleitner forderte in einer Aussendung erneut einen Krisengipfel mit Frauenorganisationen und Gewaltschutzeinrichtungen. "Kein Tag vergeht, ohne dass einer Frau Gewalt angetan wird", kritisierte sie. Die Bundesregierung sei bei der Umsetzung der Istanbul-Konvention säumig. Holzleitner mahnte 228 Millionen Euro und 3.000 zusätzliche Vollzeitstellen angesichts der offensichtlichen "Lücken im Gewaltschutz" ein. Selbiges forderte der Österreichische Frauenring (ÖFR), die Dachorganisation österreichischer Frauenvereine.