Viele Eltern kennen diese Situation. Das Kind liegt im Bett und schläft vermeintlich tief und fest, man hat es sich gerade auf der Couch gemütlich gemacht – und plötzlich steht der Sprössling mitten im Wohnzimmer, redet wirres Zeug – und geht wieder ins Bett. Am nächsten Tag hat er oder sie keine Ahnung mehr von dem Vorfall. Kommt das ein-, zweimal vor, ist das kein Grund zur Sorge.
Schlafwandeln oder „Somnambulismus“ bei Kindern an sich sei allerdings keine Seltenheit, so Oberarzt. Dr. Harald Kenzian vom Villacher Schlaflabor: „Es ist eine typische Erkrankung des Kindesalters bis 14 Jahre, wenngleich es auch im Erwachsenenalter vorkommt, aber die Kinder sind deutlich führend.“ 15 bis 30 Prozent aller Kinder hätten zumindest einmal eine Episode, die Schlafwandeln oder einen schlafwandelähnlichen Vorfall gezeigt habe.
Bekanntestes Beispiel sei etwa der Nachtschreck, lateinisch Pavor nocturnus, so Kenzian, der recht häufig vorkomme. „Kinder, die zum Nachtschreck neigen, wachen plötzlich in der Nacht auf, sind aber nicht wach. Sie schreien auf, sind nicht zu erreichen, zeigen eine völlig verschreckte Symptomatik, hängen wie wild an der Mama oder stoßen sie weg, erkennen sie auch nicht.“ Das Gebaren dauere in etwa 15 bis 20 Minuten. Danach legt sich das Kind wieder hin, schläft weiter und weiß am nächsten Tag nichts mehr.
Dass ein schlafwandelndes Kind aus dem Fenster stürzt und sich verletzt, wie es zuletzt in Kärnten passiert ist, kommt zum Glück sehr selten vor. „Das ist eher die Ausnahme“, sagt Kenzian, er spricht von rund zwei bis drei Prozent aller Kinder, die ein- bis zweimal pro Woche tief schlafwandeln im klassischen Sinn.
Die Ursache für Schlafwandeln liegt laut Kenzian im noch unreifen frühkindlichen Gehirn. Auslöser wären dann Stressfaktoren wie Fieber, Infektionen, Schlafentzug, belastende oder aufregende Situationen, „zum Beispiel, wenn ein Kind das erste Mal auswärts schläft“. Auch genetische Faktoren würden eine Rolle spielen: „Man weiß, dass Nachtschreck oder das klassische Schlafwandeln in Familien gehäuft auftritt.“ Mit „Mondsucht“, wie die Schlafstörung früher im Volksmund genannt wurde, habe sie jedenfalls nichts zu tun, verweist Kenzian diese Theorie ins Reich der Fantasie.
Und was genau passiert beim Schlafwandeln im Gehirn des Kindes? Kenzian: „Es ist ein Mischzustand aus Schlafen und Erwachen, ein ‚Erwachzustand‘ aus einem tiefen, tiefen Non-REM-Schlaf, in dem der Körper einen Muskeltonus hat. Das Erwachen funktioniert aber nicht vollständig. Ein normales Kind wacht vielleicht kurz auf, dreht sich einmal im Bett um und schläft weiter.“ Doch bei den betroffenen Kindern passiere es, dass sich das Gehirn nur teilweise aktiviere: „Es kommt zur Aktivierung von speziellen Gehirnzentren, und die genügen, dass das Kind sich zum Beispiel aufrichtet und mit dem Kopf hin- und herschlägt oder andere Bewegungen macht. Oder aus dem Bett aufsteht und durch die Wohnung geht, was im aktuellen Fall passiert ist.“ Diese Kinder seien durch Ansprechen kaum zu erreichen, „sie wollen ihr Programm durchziehen“, könnten Gefahren aber nicht erkennen und sich daher schwer verletzen.
Die richtige Reaktion
Wie verhalten sich nun Eltern richtig, die mit einem schlafwandelnden Kind konfrontiert sind? Kenzian: „Da die Kinder nicht wach sind, reagieren sie nur teilweise. Man soll keinesfalls an ihnen herumrütteln, sondern sie ruhig ansprechen, sanft berühren und mit ihnen gemeinsam wieder versuchen, zurück ins Bett zu gehen.“ Keinesfalls solle man versuchen, sie aus diesem Dämmerzustand herauszuholen: „Das kann dann auch in Angstreaktionen, in Verletzungen der Kinder oder auch in Aggressionen der Kinder umschlagen.“
Für den Fall, dass das Kind häufig schlafwandelt, empfiehlt Kenzian dringend, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen: „Fenster und Türen abschließen und Schlüssel verstecken, Stolperfallen beseitigen, Ecken und Kanten polstern, im Zimmer des Kindes ein kleines Nacht- oder Orientierungslicht anbringen – und wenn nötig eine Alarmmatte vor das Bett oder die Zimmertüre legen, die die Eltern aufweckt.“
Käme es häufig zu Schlafwandelepisoden, sei es zudem wichtig, den Kinderarzt zu informieren, der das Kind gegebenenfalls an einen Neurologen oder ans Schlaflabor weiterschickt. In manchen Fällen kann das nächtliche Verhalten Symptom einer schwereren Erkrankung sein.
Die gute Nachricht: Das Schlafwandeln hört laut Kenzian meist mit Erreichen der Pubertät auf.