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MorgenpostChristian Kern trat die Flucht nach vorne an und hinterlässt einen Scherbenhaufen.

 

Geschätzte Leserinnen und Leser!

Trete so zurück, dass du noch im Abgang hinauffällst. Dieser Politiker-Weisheit hat Christian Kern mit seiner katapultartigen Selbstnominierung zum SPÖ-Spitzenkandidaten für die EU-Wahl noch eine neue Dimension verliehen. Seine angeschlagene Partei als total überrumpelt dastehende Truppe noch tiefer in Konfusion zu versetzen, dass sie nicht einmal mehr weiß, ob und wann der bevorstehende Parteitag stattfinden wird, hat so noch keiner geschafft. Das bleibt so historisch wie Kerns kürzeste Amtszeiten als Bundeskanzler und als SPÖ-Parteivorsitzender.

Ob es am Ende ein Überraschungscoup wird, mit dem sich der abtretende SPÖ-Chef in ein absolutes Spitzenamt der EU-Nomenklatura in Brüssel hieven kann, entscheidet sich, wenn Kern eine europaweite Spitzenkandidatur der Europäischen Sozialdemokraten zugestanden wird, deren Granden heute am Rande des EU-Gipfels in Salzburg tagen. Der  Showdown, wie man es genau nicht machen sollte, findet ja vor den staunenden Augen auch von 28 europäischen Staatsführern statt, die in der Mozartstadt über die Migrationskrise beraten. Die heutigen Präsidiums- und Vorstandssitzungen seiner ahnungslos düpierten und alternativlos zerknirschten  Parteigenossen, die sich dahinter stellen müssen, werden heftig verlaufen. Wir belagern live.

Noch herrscht Schockstarre in der Partei, wenngleich seit der Nationalratswahl Kerns Ablöse nur noch als Frage der Zeit schien. Welcher Job in der Privatwirtschaft, so wurde ständig gefragt, findet sich für den Ex-Kanzler, dem die Niederlage gegen den um fast die Hälfte jüngeren Herausforderer Sebastian Kurz die Gelassenheit des alerten Ex-Managers raubte und der als Oppositionsführer mit sichtlich gezwungener Leidenschaft gegen die rechtskonservative Bundesregierung nur trotzig anrannte? Noch am Dienstagnachmittag war von großem Geld und einem Job für den russischen Energiekonzern Gazprom die Rede.  Stattdessen reitet Kern nun in Richtung Brüssel aus, seinem Wunsch, erst 2019 als Parteichef abgelöst zu werden, wird nicht stattgegeben. In den pragmatischen Zirkeln der Wiener SPÖ hatte sich zuletzt schon der Druck gegen Kern massiv verstärkt, als er eine erweiterte Parteivorstandssitzung  zur Absegnung des neuen Parteiprogrammes am Tag einer Wiener Landtagssitzung ansetzte und so einen Großteil der Funktionäre ausbremste. So trat Kern auch eine Flucht an vor absehbarer massiver Schelte und empfindlicher Schlappe auf dem Parteitag, doch er hinterlässt einen Scherbenhaufen.

Die Nachfolge ist völlig ungelöst. Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser stand auf keiner Liste für die Nationalratswahl und könnte daher als SPÖ-Chef im Parlament höchstens als Besucher auf der Galerie auftreten. Das macht völlig klar, warum er abwinkt. Peter Doskozil wurde erst vor wenigen Tagen der Weg zum Landeshauptmann des Burgenlandes geebnet und müsste wieder eine Kehrtwendung mit Vollbremsung hinlegen. Von Quereinsteigern dürfte die SPÖ vorerst die Nase voll haben, weshalb die toughe Pamela Rendi-Wagner ebenso ausscheidet wie die wieder aufgewärmte Spekulation um Medienmanager Gerhard Zeiler. So deutet alles auf  Doris Bures als Nachfolgerin Kerns hin, die eigentlich als eine logische Spitzenkandidatin für die EU-Wahl gegolten hatte. Zufall? Bei einer persönlichen Begegnung mit Kern bei einem Sommerevent in Kärnten drehte dich der Small Talk zur Frage, was der Herbst bringt, genau und schon sehr kryptisch darum: was passiert am Parteitag, kandidiert Bures, und wenn nicht, wer dann? Kirchtagsstimmung war nicht verspürbar.

Angetreten war Kern wie ein Heilsbringer gegen die Erstarrung der alten SPÖ-ÖVP-Koalition. Seine TV-Ansage gegen die „Machtversessenheit und Zukunftsvergessenheit“ der ausgezehrten Bundesregierung macht ihn zum Hoffnungsträger. Kern war der erste SPÖ-Chef, der das Wort Standortpolitik in den Mund nahm. Ein europäisches Thema, bei dem sich  Österreich in Vielem verändern muss, aber auch Herzeigbares leistet, wie Dienstagabend auch der Diskussionskreis der Industriekapitäne in einem hochkarätigen Kleine-Zeitung-Salon mit Hubert Patterer festhielt. Doch dem Autor der Morgenpost selbst blieb live die Spucke weg, als Kern bei seinem ersten großen Parteiauftritt am Parteitag der Kärntner SPÖ zur Digitalisierung und den Datenriesen das alte Muster Maschinensteuer aus dem Hut hervorholte. Seinen entscheidenden strategischen Fehler, als frisch gekürter Faymann-Nachfolger nicht sofort Neuwahlen anzusetzen, sondern sich dann umgekehrt von Kurz überrumpeln zu lassen, haben ihm seine Genossen nicht verziehen, am allerwenigsten vermutlich er sich selbst.

Eine weiterhin abwechslungsreiche Woche wünscht Ihnen

Adolf Winkler

adolf.winkler@kleinezeitung.at

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