Die nächtlichen Dementis klangen wie die Beschwichtigungen zweier viertelwüchsiger Streithähne, die gerade beim Raufhandel ertappt wurden, sich das zerzauste Haar glattstrichen und die heraushängenden Hemden hastig in die Hose zurücksteckten.
 
Nein, „liebe“ Medien, es habe keinen Abbruch der Verhandlungen gegeben, beteuerte Herbert Kickl kalmierend auf Facebook, der Plattform der Erziehungsberechtigten. Das sei eine Ente. Kickl schrieb doch tatsächlich „liebe Medien“, und nicht „liebe Feinde“ wie noch beim letzten Mal. Die Schalmeientöne klangen verräterisch. Die ÖVP räumte zwar ein, weiterverhandeln zu wollen, gestand aber immerhin eine „schwierige Phase“ ein. Glättungsversuche überwogen auf beiden Seiten, als die Medien kurz vor Andruck ihre Seiten zurückholten und die Nachrichtenportale aktualisierten.
 
In Wahrheit hing über den Chefverhandlern von ÖVP und FPÖ in den blauen Büroräumlichkeiten in Wien schweres, dunkles Gewölk. Das Zerwürfnis entzündete sich an einem „positiven Angebot“, wie es die freiheitlichen Chefverhandler euphemistisch bezeichneten, ein auf den Tisch gelegtes Ressortverteilungsoffert, das die Gegenseite als „blanke Brüskierung“ und „machtrauschartige Eruption“ empfand, wie aus VP-Insiderkreisen zu hören war. „Nicht in diesem Leben, nicht auf diesem Planeten werde man dem Vorschlag jemals zustimmen“, zitierte „Heute“ einen hohen Funktionär.
 
Demnach sollten so gut wie alle sensiblen Wächter-Bereiche wie Verfassung, Europa und Medien im Bundeskanzleramt gebündelt bleiben. Die Nachrichtendienste sollten einem „unabhängigen“ Staatssekretariat zugeordnet werden, Finanzen und Innenressort ebenfalls der FPÖ zufallen. Als die VP-Abordnung unter Christian Stocker den Machtverteilungsentwurf als unannehmbar zurückwies, soll Kickl erbost aufgestanden und mit den Worten „Dann geh ich jetzt in die Hofburg und berichte dem Bundespräsidenten“ den Raum verlassen haben. Die ÖVP berief in einer Folge ein virtuelles Krisentreffen des Parteivorstandes ein, um die Lage und das weitere Vorgehen zu erörtern. Die Stimmung soll aufgeladen und explosiv gewesen sein, berichten Teilnehmer. Einige Spitzenvertreter aus den Bundesländern sollen angesichts der Eskalation offen für einen Abbruch plädiert haben, um nicht der „völligen Selbstaufgabe“ anheimzufallen. Mitten in die Sitzung hinein platzte dann laut Teilnehmern ein überraschender Anruf Herbert Kickls, hörbar bemüht, die Wogen zu glätten.
 
Am Ende soll es der Stoiker Stocker gewesen sein, der beschwichtigend auf die Erzürnten einwirkte und die Weichen für eine Fortsetzung der Verhandlungen stellte. Wann das heute der Fall sein soll, blieb im Nachhall des Donnergewitters ungewiss.
 
Das Einzige, das feststeht: Das Misstrauen und der Zweifel sitzen mit am Verhandlungstisch.
 
Herzlich,

Ihr