In einer Hotelsuite im Londoner West End schenkt Harris Dickinson Nicole Kidman eine Tasse Tee ein. Der junge, aufstrebende Schauspieler kümmert sich liebevoll um seinen gefeierten Co-Star. Nichts an dieser Geste würde einem normalerweise ungewöhnlich vorkommen. Es sei denn, man hätte knapp 24 Stunden zuvor gesehen, wie Dickinson Kidman befahl, auf Hände und Knie zu gehen und Milch aus einer Untertasse zu seinen Füßen zu lecken.

Das ist eine Szene aus dem Erotikthriller „Babygirl“, der ab 30. Jänner in den österreichischen Kinos anläuft. Die 57-jährige Kidman spielt darin Romy, eine verheiratete, aber sexuell frustrierte Geschäftsführerin eines Robotikunternehmens, während der 28-jährige Harris Dickinson Samuel gibt, einen lüsternen Praktikanten, dessen völliger Mangel an Unterwürfigkeit ihre eigene Unterwürfigkeit entfacht. Zu Hause warten Romys gut aussehender Ehemann, Theaterregisseur Jacob, gespielt von Antonio Banderas, und zwei Töchter. Das macht das erotische Harakiri von Romy noch einmal rätselhafter.

Eine Firmenchefin und ein Praktikant in einer verhängnisvollen Affäre: Nicole Kidman (57) und Harris Dickinson (28) in „Babygirl“, ab 30 Jänner im heimischen Kino zu sehen

Töchter werden den Film nicht sehen

Zur Vorführung von „Babygirl“ in London kam Dickinson, der vor allem durch die satirische Tragikomödie „Triangle of Sadness“ (Goldene Palme in Cannes 2022) bekannt wurde, mit seiner Mutter, einer Friseurin, und seinem Vater, einem Sozialarbeiter. „Am Anfang war ich etwas verunsichert, dass mich meine Eltern mit einem der größten Filmstars im Bett sehen werden. Aber wir sind ja keine prüde Familie, also warum nicht? Und Sex ist kein Thema, vor dem wir zurückschrecken sollten.“

„Nun, meine Töchter werden den Film nicht sehen“, wirft Kidman ein, „aber sie haben ohnehin selbst erklärt, dass sie Mama so nicht sehen wollen“, stellt sie klar. Sie meint ihre zwei Töchter mit Ehemann Keith Urban, Sunday Rose (16) und Faith Margaret (14). Ihre Adoptivkinder mit Ex-Ehemann Tom Cruise, Isabella und Connor, sind jetzt 32 und 29 Jahre alt und können wohl sehen, was sie wollen.

Von „To Die For“ bis „Dogville“ hat Kidman immer eine furchtlose Ader gezeigt, aber „Babygirl“ würzt diese Kühnheit noch mit ihrem oft unterschätzten komischen Talent. Halina Reijn, die Drehbuchautorin und Regisseurin von „Babygirl“, hat den Film etwas verschmitzt als „Sittenkomödie“ bezeichnet. Die ehemalige Schauspielerin, die selbst einmal (in „Black Book“) unter der Regie von Paul Verhoeven, dem Regisseur des Erotikthriller-Klassikers „Basic Instinct“, vor der Kamera stand, weiß nur zu gut, in welcher Tradition sie arbeitet.

Für Kidman, die 1967 auf Hawaii geboren wurde, weil ihre australischen Eltern damals dort lebten, dann aber in einem Vorort von Sydney aufwuchs, waren diverse Erotikthriller ein zentraler Bestandteil ihrer Kinoerfahrungen: „Sie waren so populär, als sich mein Geschmack herausbildete. Sie liefen in den Multiplex-Kinos, sie waren totaler Mainstream.“

Erotikthriller als Mainstream

Harris Dickinson hingegen wurde 1996 geboren, also zu einem Zeitpunkt, als Erotikthriller aus der Mode kamen, während das Internet plötzlich Zugang zu weit schärferem Material bot. „Da hatte ich natürlich Lücken“, gesteht er und erklärt, dass Regisseurin Reijn ihm eine Empfehlungsliste schickte, die etwa Michael Hanekes grimmige „Klavierspielerin“ nach Elfriede Jelinek mit Isabelle Huppert enthielt oder „9 1/2 Wochen“ mit diesem Kühlschrank-Vorspiel von Kim Basinger und Mickey Rourke. „Aber sie war sich darüber im Klaren, dass unser Film keine Nachahmung sein und für sich selbst stehen sollte.“

Und das tut „Babygirl“ auch. Einer der kühnsten Schachzüge des Films ist die direkte und ehrliche Darstellung der weiblichen Lust. Anfangs hatte Kidman Angst vor den Szenen, gesteht sie: „Aber Halina Reijn hat gesagt: ,Ich bringe dich da durch. Es wird sicher sein, aber ich will die Verlegenheit beim Sex zeigen und das Ringen auch.‘ Denn so viel von Romys Sexualität ist in ihrem Kampf um Freiheit doch gefangen. Das ist wohl ein roter Faden, der sich durch die Sexualität vieler Frauen zieht: Was sie meinen, dass sie als Partnerinnen sein sollten, und was sie dann tatsächlich sind.“

Dickinson lehnt es ab, sich zu diesem Thema zu äußern. „Für mich ist es schwierig, darüber zu sprechen, ohne unterqualifiziert zu klingen“, sagt er. Dennoch fand Kidman in ihm einen glänzenden Szenenpartner: „Ich habe die Hälfte der Zeit nicht einmal bemerkt, wo die Kamera war, weil Harris und ich so gut miteinander auskamen, dass es sich nicht so anfühlte, als gäbe es eine Performance.“ Und obwohl die beiden mit einer Intimitätskoordinatorin zusammenarbeiteten, betont Kidman, dass Spontaneität immer noch im Mittelpunkt stand. „Wir haben eigentlich nicht viel geprobt und uns vorher nicht kennengelernt. Es herrschte also nicht die Vertrautheit, die es heute zwischen uns gibt. Es gab immer noch ein Element der Gefahr, sogar des Unbehagens, und ich denke, das war gut; wir brauchten das.“

Jugend ist Macht

Kidman beschreibt die Schauspielerei als „Energie, die Schwingungen, die man zwischen Menschen spürt. Man kann darüber reden, so viel man will, aber man kann es nicht einfach intellektualisieren, man muss es zulassen. Als ich das Mädchen in der Rave-Szene küsse, war das nicht im Drehbuch vorgesehen. Als wir uns ausgezogen haben und auf der Tanzfläche herumgewirbelt und fast zertrampelt wurden, stand das auch nicht im Drehbuch.“

Glaubt Kidman, dass heutzutage ein Altersunterschied einer älteren Frau Macht über einen jüngeren Mann verleiht? „Oh, ganz sicher nicht“, sagt sie, „denn Jugend ist Macht. In unserem Film hat Samuel einen großen Teil der Macht in ihrer Beziehung, auch wenn Romy an ihrem Arbeitsplatz mächtig ist. Ihr Alter verleiht ihr weniger Macht, wenn sie mit einem jungen Mann zusammen ist. Die einzige Macht, die sie wirklich hat, ist, dass sie ihn feuern kann, aber sie weiß nicht, ob sie das will. Ein Teil ihrer Reise besteht darin, dass ihre Wünsche, die Dinge, die sie sexuell sucht, sie sehr verwirren und sie sie nicht offen aussprechen kann.“

In einem Interview, das sie in ihren 20ern gab, sagte Kidman einmal, sie fühle sich dazu hingezogen, sexuell frustrierte ältere Frauen zu spielen, was „Babygirl“ wohl zum Höhepunkt ihres Lebenswerks macht. Warum reizte sie die Idee seinerzeit? „Ich finde, Sexualität wird auf der Leinwand immer noch zu wenig thematisiert, vor allem in den USA. Im europäischen Kino ist das anders, dort gehört es einfach dazu. Aber in Amerika, England und Australien sprechen wir nicht darüber, obwohl es so sehr zu unserem Menschsein gehört. So wie ich im Laufe meiner Karriere immer wieder Themen wie Verlust, Trauma und Trauer aufgegriffen habe, habe ich auch Geschlechterrollen thematisiert – vielleicht, weil wir über diese Dinge nicht sprechen, weil sie uns unangenehm sind. Ich bin also sehr dafür, Dinge einfach einmal auszuprobieren und zu sehen, wie sie ankommen.“