Als Angela Merkel auftaucht, ist es, als sei lebendige Geschichte in den Raum getreten. Beim Durchqueren des Studios in einem alten Berliner Lagerhaus strahlt die 70-Jährige eine in sich ruhende Stärke aus. Für das Fotoshooting hatte sie nur 15 Minuten eingeräumt. Die Fotografin konnte die Nacht zuvor vor Aufregung kaum schlafen. Merkel beruhigt sie mit einem freundlichen Lächeln. Als jedoch vorgeschlagen wird, dass sie für eine Nahaufnahme eine Hand sanft an ihr Gesicht legen soll, sagt sie leise, aber bestimmt: „Das möchte ich nicht.“
Sie lächelt wieder, als die Fotografin zwei Lieder spielt, die Merkel für ihre Abschiedszeremonie 2021 auswählte – „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ von Hildegard Knef und „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen. Als ein drittes, Merkel nicht so geläufiges Lied – „This Bitter Earth“ von Dinah Washington – abgespielt wird, murmelt Merkel: „Spielen Sie die anderen beiden nochmal?“ Immer wieder unterbricht sie das Shooting, um die Bilder auf dem Laptop der Fotografin zu begutachten: „Nicht schlecht.“ Ihre Aufmerksamkeit wirkt weniger eitel als vielmehr detailverliebt. Zehn Minuten nach Beginn des Shootings schaut sie mich mit einem schelmischen Glitzern in den Augen an und hebt leicht die Augenbrauen, als wollte sie sagen: „Das reicht doch für ein Foto.“
Der perfekt getimte Rücktritt
Merkel war ebenso präzise bei der Wahl des Zeitpunkts ihres Rücktritts von der politischen Bühne. Nach 16 Jahren im Amt, in denen sie vier aufeinanderfolgende Amtszeiten absolvierte, sagte sie: „Genug ist genug.“ Der richtige Zeitpunkt sei in der Politik „von enormer Bedeutung. Man muss seinen Moment wählen. Das ist der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg.“ Als sie 2021 zurücktrat, galt ihre politische Karriere als die erfolgreichste der neueren Zeit.
Rasch kommt das Gespräch auf ihre mehr als 700 Seiten langen Memoiren mit dem Titel „Freiheit“, die soeben erschienen sind. „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen das getan, was mir wichtig war“, sagt sie kühl. Merkel war so lang Kanzlerin eines geeinten Deutschlands, dass man leicht vergisst, dass sie die ersten 35 Jahre ihres Lebens hinter dem Eisernen Vorhang in der DDR verbracht hatte. Die volle Bedeutung dieser Lebensphase wurde ihr selbst erst bewusst, wie sie sagt, als sie ihre Memoiren schrieb.
„1989, als die Mauer fiel, ging ich sofort in die Politik und begann, so viele Dinge zu tun, dass ich überhaupt keine Zeit hatte, über mein Leben in der DDR nachzudenken“, sagt sie. „Während dieses Schreibprozesses musste ich nun aber darüber reflektieren, was für ein Mensch ich während des Regimes in der DDR war. Was haben mir meine Eltern mitgegeben? Was habe ich gelernt? Ich war nicht einer der sehr mutigen Menschen, wie die Aktivisten, die den Staat direkt konfrontierten. Aber ich gehörte auch nicht zu denen, die immer wirklich die Linie des sozialistischen Staates verfolgten. Diese Position neu zu bewerten, war wirklich interessant.“
Hinter dem Eisernen Vorhang
Angela Merkel wurde im Juli 1954 als Angela Kasner in Hamburg geboren. Sechs Wochen später zog die Familie in die DDR, ein damals erst fünf Jahre altes Land, wo ihr Vater, ein protestantischer Pastor, eine Stelle in Quitzow antrat. Drei Jahre später wurde er Leiter eines kirchlichen Seminars in Templin, etwa 80 Kilometer nördlich von Berlin, wo Angela bis zu ihrem Studium in Leipzig lebte.
Pastorentochter in einem kommunistischen Staat zu sein weckte Misstrauen, und von klein auf lernte Angela von ihren Eltern, Diskretion und Vorsicht zu üben. „Das Leben in der DDR war ein ständiger Balanceakt“, schreibt sie im Buch. „Man konnte morgens sorgenfrei aufwachen, aber wenn man eine politische Grenze überschritt, konnte sich das Leben innerhalb von Sekunden dramatisch ändern und die gesamte Existenz gefährden.“
Als 1961 die Berliner Mauer fast über Nacht gebaut wurde, veränderte sich das Familienleben dramatisch. Es gab keine Besuche von Verwandten aus dem Westen mehr; selbst Telefonate mit Schulfreunden mussten vorsichtig geführt werden, im Bewusstsein, dass die Stasi mithörte. Sie musste Russisch lernen und entschied sich für ein Physikstudium, „weil es eine Wissenschaft war und selbst die DDR wissenschaftliche Fakten nicht verdrehen konnte. Zwei plus zwei war immer noch vier. Das bedeutete, dass ich über alles Neue, was ich lernte, sprechen konnte, ohne mich zensieren zu müssen.“
Nach ihrem Abschluss 1978 trat sie der Abteilung für Quantenchemie an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin bei, wo sie promovierte und bis zum Fall der Mauer 1989 arbeitete. Noch im selben Jahr trat sie einer kleinen neuen Partei bei, Demokratischer Aufbruch, wurde zur Sprecherin eines Ortsverbands gewählt und wenige Wochen später zur nationalen Sprecherin ernannt. Innerhalb weniger Monate fusionierte die Partei mit der ehemaligen CDU-Ost. In Westdeutschland wurde die CDU vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl geführt. Im Jänner 1991, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, ernannte Kohl sie zur Bundesministerin für Frauen und Jugend in seiner Regierung, in der sie bis zum Machtverlust der CDU 1998 diente.
DDR als Schule für die Politik
Viele der Eigenschaften, die ihr in der Politik zugutekamen, lassen sich auf ihr Leben in der DDR zurückführen, insbesondere Vorsicht und Diskretion. Als die Stasi versuchte, sie damals in ihren Zwanzigern als Informantin zu gewinnen, folgte sie dem Rat ihrer Mutter und sagte, sie sei viel zu indiskret, um als Spionin zu arbeiten, was nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein konnte. Ihre wissenschaftliche Ausbildung lehrte sie methodische Logik, die viele Bewunderer als Grundlage ihres strategischen Erfolgs sehen. Ihr Misstrauen gegenüber Extremen, ihr Glaube an den Mittelweg und an die Fähigkeit der Menschheit, sich zu integrieren und zu vereinen, könnten ebenfalls in ihrer frühen Lebensphase begründet sein.
Das erzwungene Erlernen der russischen Sprache als Kind erwies sich später in ihrer Arbeitsbeziehung zu Putin als hilfreich. Den hielt die gemeinsame Basis aber nicht davon ab, bei ihrem Treffen 2007 in Sotschi seinen schwarzen Labrador mitzubringen, weil er genau wusste, dass sie Angst vor Hunden hatte. „Ich konnte an Putins Gesichtsausdruck erkennen, dass er die Situation genoss.“ Merkel biss die Zähne zusammen und sagte nichts. Sie hielt sich, wie sie es oft in ihrem Leben tat, an das britische Sprichwort: „Never explain, never complain.“ – Nie erklären, nie klagen.
Auf die Frage, ob sie sich in irgendeiner Weise glücklich schätzt, in der DDR aufgewachsen zu sein, antwortet sie: „Für einige Leser mag das überraschend sein, aber der Titel des Kapitels über meine Familie lautet ‚Eine glückliche Kindheit‘. Und ich war wirklich glücklich. Das System hat mich nicht gebrochen, weil ich gute Eltern hatte. Vielleicht waren auch meine persönlichen Eigenschaften positiv. Ich bin in der Natur aufgewachsen. Aber ich würde nicht sagen, dass ich glücklich war, in der DDR aufgewachsen zu sein. Unter den gegebenen Umständen hatte ich wirklich Glück und ein glückliches Leben. Aber ich würde niemandem empfehlen, in einer Diktatur aufzuwachsen“, fügt sie trocken hinzu. „Wir sind froh, dieses Kapitel der Geschichte hinter uns gelassen zu haben.“
Das Phantom der Oper
Es ist schwer, nicht das Gefühl zu haben, dass auch die Ära von Merkels nüchterner Politik der Vergangenheit angehört. Geprägt vom Schatten der Erinnerung an das nationalsozialistische Deutschland, lehnte sie jegliche Anzeichen von politischem Spektakel oder Demagogie ab und stand Barack Obama anfangs misstrauisch gegenüber, da sie seiner rhetorischen Brillanz nicht traute. Ihre Reden, schrieb ein Biograf, seien „aggressiv langweilig“ gewesen, und ihre Privatsphäre schützte sie mit größter Disziplin.
Sie und ihr zweiter Ehemann, Joachim Sauer, 75, Professor für Quantenchemie, zogen nie in die offizielle Kanzlerresidenz in Berlin ein. Sie lernten einander kennen, als sie 30 Jahre alt und bereits von ihrem ersten Ehemann, Ulrich Merkel, einem Physikstudenten, geschieden war, den sie mit 23 Jahren geheiratet hatte. Auch Sauers erste Ehe, aus der er zwei Söhne hat, war so gut wie beendet. Nach vielen gemeinsamen Jahren heirateten sie 1998 in einer privaten Zeremonie ohne Gäste. Ein Biograf zitiert Merkel mit den Worten aus dem Jahr 1990: „Ein Kind zu haben, würde bedeuten, dass ich die Politik aufgeben müsste.“ Und das tat sie nie. Als ich sie zu dieser Entscheidung frage, sagt sie lediglich: „So ist es gekommen, und ich bin glücklich damit. Ich bin zufrieden.“
Deutschlands ehemaliges Kanzlerpaar lebt bis heute in einer bescheidenen, mietpreisgebundenen Wohnung in Ost-Berlin. Solange Merkel Kanzlerin war, entkamen sie an Wochenenden in ein schlichtes kleines Landhaus in der Uckermark, das sie heute noch genießen. Das Refugium beschrieb ein Freund einst als „unfertig“, gebaut vor dem Fall der Mauer, „als man im Osten jedes Holzstück zusammenschnorren musste“. Merkel ging gerne selbst einkaufen, und sogar ihr Markenzeichen – Hosen und Blazer – passierte zufällig, als sie sich zu Beginn ihrer politischen Karriere das Bein brach und nicht in einem Kleid auf Krücken gehen konnte.
Wer aus ihren Memoiren Einblicke in ihr Privatleben erwartet, wird enttäuscht. Über ihren ersten Ehemann schreibt sie nur, dass sie eines Morgens, drei Jahre nach der Hochzeit, mit „einem Koffer in der Hand“ die Wohnung verließ, und ein Jahr später waren sie geschieden. Ihr zweiter Ehemann, privat ebenso zurückhaltend wie sie, wurde von der deutschen Presse aufgrund seiner Opernleidenschaft und Publikumsabneigung „Phantom der Oper“ genannt. Und er nahm er nicht einmal an ihrer Amtseinführung 2005 teil.
Trump nur wenige Seiten wert
Unser Treffen fand nach der US-Präsidentschaftswahl statt. Niemand wird überrascht sein, dass sie in ihrem zuvor fertig geschriebenen Buch betont: „Ich wünsche mir von Herzen, dass Kamala Harris ihren Konkurrenten besiegt“, aber es ist dennoch verblüffend, ihre offene Präferenz für das Ergebnis einer ausländischen Wahl zu lesen. „Das ist die Freiheit, die ich jetzt habe“, bemerkt sie mit einem trockenen Lächeln. „Aber das Wahlergebnis war klar. Und das ist Demokratie.“
Ihre Gedanken zu Trumps erster Amtszeit beschränken sich auf wenige Seiten in ihrem Buch, wo sie enthüllt, dass sie sich selbst tadelte, ihn 2017 dazu gedrängt zu haben, dass sie für die Kameras die Hände schütteln sollten. Sie erkannte einen Moment zu spät, dass seine Unhöflichkeit pure Absicht war. „Er wollte Gesprächsstoff durch sein Verhalten schaffen“, schreibt sie, während sie so tat, „als wäre für mich das auch ganz normal.“ Ihr Fazit aus ihrem Washington-Besuch: „Es konnte keine kooperative Arbeit für eine vernetzte Welt mit Trump geben.“
Welchen Rat gibt sie den Weltführern, die jetzt wieder mit ihm zusammenarbeiten müssen? Sie zögert. „Ja, nun, ich denke, Ratschläge von Ex-Politikern am Rande sind immer ein bisschen schwierig. Ich kann nur sagen, dass meiner Erfahrung nach das Beste ist, authentisch zu bleiben, die Gedanken zu äußern, die man überall äußert, und diese auch gegenüber dem amerikanischen Präsidenten zu vertreten. Und auch seine Argumente anzuhören.“
In einem stimmte sie jedoch mit Trump überein. „Da gab es einen Punkt, den ich akzeptieren musste: Er sagte, dass unsere Verteidigungsausgaben nicht ausreichten.“ Merkel selbst hatte so argumentiert, konnte ihre Koalitionspartner aber nicht überzeugen. „Aber ansonsten: Einfach standhaft bleiben. Man muss nicht besonders freundlich sein, aber auch nicht besonders hart. Man sollte einfach so sein, wie man ist. Man muss das Beste aus der Situation machen. Und vor allem keine Angst haben. Keine Angst!“
In der Ruhe liegt die Kraft
Die Ukrainer haben allerdings gute Gründe, Angst zu haben, werfe ich ein. Ich war mir aus ihrem Buch nicht sicher, ob Merkel den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj besonders mag, aber sie wirkt verwundert, als ich das frage. „Das ist eine Frage, die Sie stellen können, wenn es um persönliche Freunde ginge. Ich respektiere ihn. Ich respektiere wirklich, was er getan hat und was er seit Putins Angriff auf die Ukraine erreicht hat, denn in den ersten Stunden nach dem Angriff wären viele Menschen geflohen und hätten das Land seinem Schicksal überlassen. Er hat das nicht getan. Ich denke, das war der wichtigste Schritt, der der Ukraine die Hoffnung und die Möglichkeit gegeben hat, aus diesem schrecklichen Krieg als unabhängiges Land hervorzugehen.“
Gibt es diese Möglichkeit noch? „Das ist unser Ziel, und in dieser Hinsicht unterstütze ich, was die derzeitige deutsche Regierung und die EU tun. „Aber“, fügt sie nachdrücklich hinzu, „ich glaube, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt – und die heute Verantwortlichen müssen diesen Zeitpunkt bestimmen – Gespräche führen müssen. Es wird keine Lösung geben, die rein militärisch ist.“
Merkels Glaube an politische Gespräche ist grenzenlos. In ihrer ersten Woche als Kanzlerin sagte sie zu einem Mitarbeiter, es sei gut, dass niemand ihr vorher gesagt habe, wie viele Sitzungen sie würde absolvieren müssen, da die Zahl „lächerlich“ sei. Doch ihre Fähigkeit, Konsens zu schaffen, wurde legendär. Sie ist stolz auf den Erfolg der EU bei der Aushandlung eines Brexit-Abkommens. „Wir erzählen der Welt, wie man Konflikte friedlich löst, und dann will jemand die EU verlassen, und wir haben Konflikte. Die Welt wird uns nicht mehr glauben, wenn wir solche Dinge nicht einmal unter Freunden hinbekommen.“ Auf ihrem Schreibtisch im Kanzleramt stand einst ein Plexiglaswürfel mit den Worten: „In der Ruhe liegt die Kraft.“
Macht als Mittel zum Zweck
Vor unserem Treffen ist die von Olaf Scholz geführte Koalitionsregierung in Deutschland zusammengebrochen, was das Land in einen langen Winter der Unsicherheit stürzt. Mit Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine und Trump im Weißen Haus: Fürchtet sie, dass die Stimmen, die sagen, wir befinden uns in Vor-Kriegszeiten, recht haben könnten? „Ich hoffe, sie haben es nicht.“
„Natürlich denke ich manchmal, wenn ich bestimmte Entwicklungen verfolge: ‚Was hätte ich in dieser Situation getan?‘ Aber ich bin erleichtert, jetzt keine Macht mehr zu haben und auch nicht mehr diese Verantwortung tragen zu müssen, sodass ich einfach einen Samstag ohne Sorgen genießen kann. Und wenn Dinge passieren, sind andere Menschen verantwortlich. Das ist eine große Erleichterung. Ich hatte das große Glück, diese Verantwortung zu tragen. Und jetzt bin ich auch glücklich, sie hinter mir gelassen zu haben.“
Das große Rätsel um Angela Merkel ist, wie jemand, der offenbar so wenig Begeisterung für persönliche Macht hat, diese dennoch 16 Jahre lang gewinnen und behalten konnte. Ihr Mentor, Kanzler Kohl, wurde einmal gefragt, was sie antreibe, und antwortete: „Macht, Macht, Macht.“ Doch sie schreibt, dass sie an dem Tag, an dem sie Kanzlerin wurde, „glücklich und stolz“ war, und das war’s. Es gibt kein weiteres Wort über ihren Triumph.
Merkel präzisiert: „Für mich ist Macht die Möglichkeit, Dinge zu beeinflussen, Dinge zu schaffen, Ideen in Gesetze umzusetzen, also wollte ich diese Macht natürlich. Und ich wäre keine 35 Jahre in der Politik geblieben, wenn ich die ganze Zeit in der Opposition gewesen wäre. In der Opposition kann man auch viele Ideen entwickeln. Aber viele dieser Ideen landen am Ende im Papierkorb, und ich wollte wirklich Dinge beeinflussen. Also hatte ich einen gewissen Ehrgeiz nach Macht.“
Als wir uns verabschieden, erzähle ich ihr noch, wie viele Leute mich gebeten haben, sie anzuflehen, in die Politik zurückzukehren. Nicht unzufrieden lächelnd sagt sie: „Nein.“