In der Schauspielschule schrieb Daniel Craig eines Tages drei Worte auf, die sein Leben veränderten. Es waren die 1980er-Jahre, und der junge Mann mit den markanten blauen Augen war nur ein weiterer der vielen Möchtegerns – ein Schauspieler, der versuchte, nicht abgelehnt zu werden. Also hörte er aufmerksam zu, als der Theaterregisseur Declan Donnellan einen Vortrag hielt, und schrieb in ein Notizbuch, das er noch heute besitzt: „Werde nicht verbittert.“

„Und schau“, donnert Craig, ein Mann, der immer so zu sprechen scheint, als ob er möchte, dass jemand im Nebenzimmer zuhört, „ich kann immer noch neidisch sein. Bis heute denke ich: ‚Oh, warum hat der diese Rolle bekommen?‘ Aber man muss sich sein Versagen eingestehen, denn man kann nicht kontrollieren, was andere Leute denken. Man muss einfach hoffen und weitermachen, denn ich konnte mein Leben natürlich nicht durchplanen“.

Wir treffen uns zum Interview auf einen Kaffee in London, der Schauspieler trägt kuschelige Winterkleidung und kommt lässig in einem belebten Viertel an, wobei seine Sonnenbrille seine einzige Verkleidung ist. Craig ist ein amüsanter Gesprächspartner, was überraschen mag. Immerhin war er 15 Jahre lang jener Schauspieler, der James Bond von „Casino Royale“ bis „No Time to Die“ mit einer solchen Ernsthaftigkeit gab, dass er von der Trauer bis zum Sterben alles durchlief. Erst zuletzt war Craig in lockereren Rollen zu sehen – als campender Südstaaten-Detektiv in den „Knives Out“-Filmen, mit einem schwungvollen Tanz für einen Wodka-Werbespot und jetzt in Luca Guadagninos verschwitztem, schäbigem Drama „Queer“.

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In der Türkei ist der Film verboten

In dem Film, der auf einer semi-autobiografischen Novelle von William S. Burroughs basiert, spielt Craig den Amerikaner William Lee: Mexiko-Stadt in den 1950er-Jahren, Lee treibt sich betrunken und high in Bars herum und beginnt eine erotische Affäre mit einem viel jüngeren Mann. Schon bald steht Craig nackt im Dschungel, vollgepumpt mit dem halluzinogenen Trank Ayahuasca, in Szenen, die an Rollen seiner frühen Karriere erinnern – an das extreme Francis-Bacon-Biopic „Love Is the Devil“ (1998), in dem er den Geliebten des Künstlers, George Dyer, spielte, oder an „The Mother“ (2003), in dem er sich auf eine Affäre mit einer viel älteren Frau einließ. Denn dieses Experimentieren ist das, was Craig schon immer gemacht hat. „Also nein, es fühlt sich überhaupt nicht seltsam an“, sagt er mit einem Achselzucken über den Film „Queer“, der in der Türkei verboten wurde und wegen der Oralsex-Szenen Schlagzeilen machte.

Die Sexszenen zwischen den beiden Männern wirken chaotisch. „Ja, denn Sex ist chaotisch“, sagt Craig. Und solch realistischer Sex wird auf der Leinwand nicht oft gezeigt. „Stimmt. Es gibt schreckliche Sexszenen, und ich habe wahrscheinlich schon in einigen mitgespielt. Es war also wichtig, sich nicht zu zieren.“ Aber jede Sexszene – mit einem Kollegen und beobachtet von der Crew rundum – sei seltsam, „Queer“ verdiene darum Anerkennung dafür, Einstellungen zu zeigen, die vor Lust nur so triefen. „Das ist es, was Sexualität ausmacht“, sagt Craig, „sie ist nicht nur zärtlich, sondern auch tierisch...“

Ein Leben nach 007

Am Anfang der Bond-Karriere habe er gedacht, er müsse daneben noch andere Filme drehen, „aber das tat ich dann doch nicht. Ich war dabei, ein Star zu werden, was auch immer das bedeutet. Und es kamen dann – ganz anders als früher – unglaublich viele Rollenangebote. Nach jedem Bond-Film war ich übrigens so erschöpft, dass ich sechs Monate brauchte, um mich emotional zu erholen. Ich hatte immer die Einstellung, dass das Leben an erster Stelle stehen muss, und als die Arbeit eine Zeitlang an erster Stelle stand, hat mich das sehr belastet.“

Craig ist 56 und genießt offenbar die beste Zeit seines Lebens. Er ist sehr stolz auf Bond, aber weil er wegen dieser Filme oft und lang von seiner Familie getrennt war, hat ihn dazu gebracht, seine Rollen sorgsamer zu wählen. Jetzt kann er seine Zeit mit seiner Frau Rachel Weisz und seiner sechsjährigen Tochter Grace zwischen New York und London mehr genießen. Craig hat noch eine erwachsene Tochter aus einer früheren Beziehung, während Weisz mit dem Regisseur Darren Aronofsky einen Sohn im Teenageralter hat.

Mit Rachel Weisz war Daniel Craig auch bei den Filmfestspielen in Venedig, um „Queer“ vorzustellen, und danach bei der Pariser Modewoche. Da wie dort trug er ziemlich kühne Kleidung, eine Zeitung kommentierte dazu augenzwinkernd, der Schauspieler wäre wohl in einen „schrägen Vintage-Laden“ eingefallen

PFW - Loewe Arrivals PFW - Daniel Craig, Rachel Weisz arrived at Loewe Fashion show during Womenswear Spring-Summer 2025 show as part of Paris Fashion Week on September 27, 2024 in Paris, France. Photo by Nasser Berzane/ABACAPRESS.COM Paris France PUBLICATIONxNOTxINxFRAxUK Copyright: xBerzanexNasser/ABACAx
Daniel Craig (56) und seine Frau Rachel Weisz (54), beide im Loewe-Outfit, im Herbst bei der Modewoche in Paris © IMAGO

Ja, sein Outfit war sowas von entfernt von dem Smoking, in dem er 15 Jahre lang als 007 die Welt rettete. Craig lacht. „Ich sitze nicht mit einer Gruppe von Beratern am Tisch und sage: ,Okay, Leute, was ist mein Image für dieses Jahr?‘“ Er habe einfach den Modedesigner Jonathan Anderson getroffen, „und seine Klamotten sind einfach großartig“, schwärmt er. „Normalerweise würde ich so etwas nie tragen, aber ich dachte mir, pfeif drauf. Gehe ich zu weit? Egal. Es macht einfach Spaß.“

Egal sei ihm auch, wer ihn als Bond ablösen könnte, sagte Craig schon in vielen Interviews. „Aber natürlich interessiert es mich!“, gesteht er nun. „Ich sage bloß immer, dass es mich nicht interessiert, weil mich die Leute ständig fragen und ich ein mürrischer alter Mann bin. Und es ist nicht meine Entscheidung oder mein Problem. Aber in Wahrheit ist es mir wichtig, sehr wichtig. Denn ich liebe Barbara Broccoli und Michael G. Wilson, die Produzenten, ich wünsche ihnen Glück für die richtige Wahl.“

Winkt eine Oscar-Nominierung?

Craig wurde 1968 in Chester als Sohn einer Kunstlehrerin und eines Stahlbauers geboren. 1984 trat er dem National Youth Theatre bei und zog nach London, aber erst Mitte der 1990er-Jahre nahm seine Karriere richtig Fahrt auf. Er schreibt der BBC-Serie „Our Friends in the North“ zu, dass er gelernt hat, wie man vor der Kamera agiert, und danach kamen die Rollen schnell und mit den besten Regisseuren: Roger Michell („Enduring Love“), Sam Mendes („Road to Perdition“), Steven Spielberg („München“). Craig brachte Typen mit eiserner Zuversicht auf die Leinwand, aber immer auch mit Verletzlichkeit – eine Mischung, die er wohl nie besser hinbekommen hat als in Guadagninos „Queer“.

Craig hat viel von sich selbst in „Queer“ eingebracht, und die Vielschichtigkeit dieses William Lee war reizvoll. „Männliche Verletzlichkeit ist interessant, denn so hart Männer auch erscheinen mögen, sie sind alle verletzlich. Wir alle verstecken uns - vor unseren Kindern, Ehefrauen, Kollegen. Der Panzer der Männlichkeit ist stets da. Warum? Ich grüble oft darüber.“

Den stets angesoffenen Lee spielt er brillant. Er wollte ihn so darstellen wie „betrunkene Menschen, die nicht betrunken erscheinen wollen“. Die Rolle könnte nach der Nominierung bei den Golden Globes, die heute in Los Angeles vergeben werden, auch zu einer ersten Oscar-Nominierung führen. Wäre ihm das wichtig? „Natürlich!“, platzt es aus Daniel Craig heraus, „ich wäre überglücklich, wenn ich eine Nominierung erhalten würde. Und auch wenn Auszeichnungen vom Winde verweht werden, kann ich nicht sagen: ‚Das ist mir scheißegal!‘ Früher war man am Boden zerstört, wenn eine Ablehnung nach der anderen kam und man das ohnmächtig über sich ergehen lassen musste. Aber heute läuft alles bestens für mich.“