Gewerkschaften schreien bei der Arbeitszeit Alarm: Die in Deutschland geplante Umstellung auf eine Wochenarbeitszeit würde nach Darstellung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zu überlangen Arbeitstagen von bis zu 12 Stunden und 15 Minuten führen.
Die tägliche Arbeitszeit würde massiv verlängert. Die Folgen wären Gesundheitsrisiken, mehr Krankheitstage und mehr Druck auf Familien, warnt eine Analyse des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht (HSI) der Stiftung. Die Neuerung könnte „wirtschaftlich sogar kontraproduktiv wirken“.
„Mit der heutigen Work-Life-Balance wäre es sich nicht ausgegangen“
Ein Arbeitstag von über 12 Stunden lässt nicht nur die Alarmglocken bei den Gewerkschaften klingeln, sondern auch im Forum der Kleinen Zeitung. Zahlreiche Userinnen und User haben sich zum Thema zu Wort gemeldet - die Gefühle sind gemischt. Nach dem Motto „Früher war alles besser, früher war alles anders“ argumentiert beispielsweise Osttirol2016: „Ich habe als junger Mann auch jede Überstunde dankbar angenommen, die mir angeboten wurde. Teilweise bin ich pro Monat auf 50 und mehr Überstunden gekommen und konnte mir so ein Eigenheim bauen. Mit 55 Jahren schuldenfrei kann ich nun mit meiner Familie meine Pension genießen. Nur mit Raunzen alleine oder mit der heutigen Work-Life-Balance wäre es sich nicht ausgegangen.“
Und auch josef0106 erinnert sich an damals und an die Vorteile von Überstunden: „Wir waren für jede Überstunde dankbar, wieder ein kleiner Schritt näher zum Eigenheim!“
„Für mich wäre es ein Horror, wenn ich nur acht Stunden arbeiten könnte“
Dass längere Arbeitstage durchaus Vorteile haben können, erklärt Benjamin123 anhand eigener Erfahrungen: „Ich finde es um einiges besser, länger zu arbeiten und danach einen größeren Freizeitblock zu haben. Ich bin Pendler und weniger Arbeitstage heißt weniger Zeit im Auto und weniger Spritverbrauch. Für mich wäre es ein Horror, wenn ich nur 8 Stunden arbeiten könnte. Es ist eben sehr individuell. Aber ich verstehe auch Leute, die es nicht wollen.“
„Viele haben keine Ahnung, welche halsabschneiderischen Verträge abgeschlossen werden“
Deutlich längere Arbeitstage kommen aber nicht bei allen Forumsteilnehmern gut an. Klassenkampf macht auf mögliche Nachteile aufmerksam: „Viele alte Leute, die hier kommentieren, haben keine Ahnung, welche halsabschneiderischen Verträge in der Arbeitswelt mit jungen Generationen abgeschlossen werden. (...) Hier haben auch viele offensichtlich keine Ahnung, dass Bewerbungsverfahren psychologische/soziologische Auswahlverfahren sind, mit einer Vernetzung und Persönlichkeitsanalysen. Das wird immer mehr werden (...).“
„Solche Maßnahmen sind da kontraproduktiv - in mehreren Aspekten“
Besonders kritisch stehen einige User der Freiwilligkeit dieser Änderung gegenüber. So auch Mein Graz: „Wenn Überstunden freiwillig geleistet und auch bezahlt werden, ist nichts dagegen einzuwenden. Häufig werden die Arbeitnehmer jedoch unter Druck gesetzt und dann werden die Stunden nicht ausbezahlt, sondern aufs Überstunden-Konto geschrieben. Und wenn wenig Arbeit ist, werden die Leute nach Hause geschickt. Der Einzige, der dadurch einen Vorteil hat, ist der Arbeitgeber.“
Und dass eine Aufteilung der Arbeitszeit auf mehrere Arbeitskräfte sinnvoller wäre, als Einzelpersonen übermäßig lange Arbeitstage leisten zu lassen, meint Reiskocherfahrer: „Statt Einzelne auszuquetschen wäre es sinnvoll, die Arbeitsleistung bzw. Zeit sinnvoll aufzuteilen. Im Artikel wird explizit erwähnt, dass so viel Arbeit jeden Tag ihren gesundheitlichen Tribut fordert. Was tun die Arbeitnehmer dann im Alter, wenn sie nicht mehr können? Alle reden davon, dass Alte länger arbeiten sollen. Und in Wirklichkeit tun sie sich verdammt schwer damit, überhaupt Arbeit zu finden. Solche Maßnahmen sind da kontraproduktiv. In mehreren Aspekten.“