Sie formte die britische Modegeschichte wie kaum eine andere: Mit ihrem exzentrischen Stil und ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit revolutionierte Vivienne Westwood von der britischen Insel aus die internationale Modelandschaft und hob die Punk-Bewegung, die sich in Großbritannien in den 70er-Jahren manifestierte, hinauf in den High-Fashion-Olymp.

Eine gekonnte Mixtur aus historisch inspirierter Bekleidung, außergewöhnlichen Textilien und einzigartigen Mustern machte die Kreationen der Britin, die in der Grafschaft Derbyshire in den englischen Midlands aufwuchs, zu einem Statement für Individualismus und Freiheit. Dass Westwood eines Tages als eine der führenden Namen der britischen Modeindustrie gehändelt werden würde, hätte die junge Vivienne, die sich ursprünglich zur Lehrerin hatte ausbilden lassen, sich wohl nicht gedacht. Im Gegenteil, noch am Höhepunkt ihrer Karriere ließ Westwood die Welt wissen, dass ein Fußfassen in der Modewelt nie ihr primäres Ziel gewesen sei. "Ich wollte keine Modedesignerin sein", stellte sie 2009 im "Time"-Magazin klar. "Ich wollte lieber lesen und intellektuelle Dinge machen."

"World's End" in London
© IMAGO/Alex Amoros (IMAGO/Alex Amoros)

Kings Road – Die Geburtsstätte der Punk-Mode

Als Mutter zweier Söhne begann die Britin bereits früh, selbst Kleidungsstücke zu nähen und sich mit der Zusammensetzung von Stoffen zu beschäftigen. Aus einer Passion und Liebe dafür, Dinge zu ihren Wurzeln zurückzuverfolgen und aus bereits Existierendem Neues zu schaffen, entwickelte sich ein Können, das bezeichnend sein sollte für die Karriere einer der wohl bekanntesten britischen Designerinnen der Welt. Ihre unkonventionelle Einstellung zum Leben und zur Mode würde sich in weiterer Folge unbestreitbar in ihren Kreationen widerspiegeln.

Die Geburtsstätte Westwoods als Modedesignerin und somit die Wiege der Punk-Mode findet sich in der Londoner Kings Road 430. Dort eröffnete die gelernte Lehrerin, die bis Anfang der 70er-Jahre unterrichtete, ihre erste Boutique – gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Malcolm McLaren, unter dem Namen "Let it Rock". Doch ehe sich die Location zur Anlaufstelle für die exzentrisch-rebellische junge Punk-Bewegung entwickelte und von dort die Welt im Sturm eroberte, mussten sowohl Westwood als auch die verkaufte Mode mehrere Entwicklungsphasen durchlaufen. Von Second-Hand-Kleidung über Teddy-Boy-Anzüge und Mode aus der Hippie-Bewegung, hin zu Rocker-Outfits und S&M-Ausstattung. Der Laden war so vielschichtig wie Westwood selbst, ein Spiegel der rebellischen Seele einer Ikone in den Kinderschuhen.

"Nostalgia of the Mud"

Mehrere Jahre und Namensänderungen später etablierte sich das Geschäft, das seit 1979 unter "World's End" bekannt ist, mit Kunden wie Sid Vicious von den Sex Pistols und Mark Stewart zu einem Pol der Londoner Punk-Rock-Szene. 1975 übernahm McLaren zudem das Management der Sex Pistols.

Hatte Westwood zuvor im eher niederschwelligen Rahmen Mode designt, stieg sie Anfang der 80er-Jahre in die professionelle Modewelt auf. Mit Designs, die sich am Stil sagenumwobener Seefahrer orientierte und einer Sommerkollektion, die Muse aus Motiven aus dem Wilden Westen zog, machte die Britin das erste Mal von sich reden. Seither ziert die Fassade von "World's End" zudem eine Uhr mit 13 Ziffern, deren Zeiger sich rückwärts bewegen. 1982 schaffte die Designerin den Sprung über den Ärmelkanal in die Modehauptstadt Paris und war nach Mary Quant die erste Britin und inmitten der französischen Mode-Elite die erste englische Designerin seit den 60er-Jahren. Die Kollektion "Nostalgia of the Mud". Zerschlissene Röcke, sichtbare Nähte, ausgestellte Röcke in khaki und schlammbraun inszenierte die exzentrische Britin die Verbindung der post-industriellen Welt mit der nackten Natur.

Die wahre Liebe Aktivismus

Ein Wendepunkt in der Karriere der Designerin, die sich mit ihrer Rebellion gegen das Gewöhnliche Kollektion um Kollektion nach oben arbeitete – und dennoch nie ihre eigenen Werte vergaß. 1990 folgte ihre erste Herrenkollektion, die sie in Florenz präsentierte.

Galt die Mode und der Ausdruck von Individualität durch Textilien als die große Passion Westwoods, fand die Designerin ihre große Liebe tatsächlich anderorts – im Aktivismus und im Einsatz für andere Menschen und den guten Zweck. Das Leben im blendenden Scheinwerferlicht der Modeindustrie hielt sie nicht davon ab, sondern beflügelte durch ihren Einfluss ihren Einsatz für Frieden, Menschen- und Tierrechte. Bereits seit 2007 hatte die Designerin aufgrund eines Gesprächs mit der Tierrechtsorganisation PETA keine Tierfelle mehr verwendet.

Universum für sich

2012 spendete sie eine Million Pfund an "Cool Earth", die sich für den Erhalt der Tropenwälder einsetzen. Auch eine Greenpeace-Protestaktion gegen Erdölbohrungen initiierte die engagierte Britin. Auch ihre eigene Webseite "Climate Revolution" betrieb die Engländerin, die in ihrem Heim in Clapham verstarb. Für die Freilassung von Assange hielt sie zum 50. Geburtstag des Wikileaks-Gründers einen Protest vor dem Londoner Parlament ab.

Unangenehm, auffällig, exzentrisch und doch am Boden geblieben – Vivienne Westwood und ihre Mode, ein Universum für sich. Längst vergangene Epochen verschmolzen mit der rebellischen Energie Großbritanniens Gesellschaft der 70er-Jahre formten eine Modeschöpferin, die nachhaltig Spuren hinterließ.