Es ist eine andere Welt, in die man eintritt, wenn man den Wald betritt: der Geruch von Baum, Laub und Moos, gedämpftes Licht, das durch die Baumkronen bricht. Das alles könnte man wahrnehmen, wenn man den Blick nicht fieberhaft suchend auf den Boden richten würde. Schwammerlsucher sind eine spezielle Spezies in einem Habitat, das ohnehin nicht arm an Vielfalt ist. Die Suche nach Speisepilzen macht uns zum Jäger, aber auch zum Gejagten, denn die Konkurrenz, die schläft nicht – im doppelten Sinn, denn der frühe Vogel fängt auch hier bekanntlich den Wurm. Wäre man nur auf Pilzschau, dann könnte man es gelassener angehen, denn Pilze sind uns eigentlich immer einen Schritt voraus.

Auch wenn wir sie nicht sehen, denn ihre nahezu unsichtbaren Sporen sind eigentlich überall: „Die Welt der Pilze ist ausgesprochen umfangreich. Es ist eine enorme Vielfalt, die sich meist den Waldbesuchern nicht zeigt“, so Gernot Friebes, Pilzexperte im Universalmuseum Joanneum. Der Pilz ist der Inbegriff eines Early Adopters, anpassungsfähig bis in die unwirtlichsten Gegenden dieser Welt: von der Wüste bis zum Meer, im Salzwasser, im Süßwasser und auch in den alpinen Regionen. Kein Wunder, dass sie neben den Tieren und Pflanzen ein eigenes Reich bilden, erklärt der Experte: „Sie unterscheiden sich von den Pflanzen dadurch, dass sie heterotrophe Organismen sind. Das heißt, dass sie auf organische Verbindungen angewiesen sind, die bereits in der Natur vorhanden sind.“

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Auch wenn sie sich sozusagen im Stillen beschäftigen, ist ihre Funktion in Ökosystemen gewaltig. Drei große Gruppen stechen dabei heraus, gibt Gernot Friebes einen Einblick: „Es gibt die symbiontisch lebenden Arten wie die Mykorrhiza-Pilze. Gerade diese Pilze haben in den heimischen Wäldern eine unglaublich große Bedeutung, weil sie mit den Pflanzen in Symbiose leben, von der beide profitieren.“ Zu diesen Pilzen gehören unter anderem die Steinpilze, Trüffel, aber auch die Fliegenpilze. Noch zwei weitere Eigenschaften sind unverzichtbar: Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Zersetzung von totem organischen Material, das sich sonst schnell in den Wäldern stapeln würde. Nicht zu vergessen die parasitären Pilze, auch sie sind unverzichtbar, mahnt der Experte ein: „Sie befallen geschwächte Bäume oder dergleichen und sorgen dafür, dass Platz für Jungwuchs entsteht.“


Apropos Jungwuchs, wie sich das heurige Pilzjahr noch entwickeln wird, ist vor allem eine Frage des Wetters. Die bisherige Ernte war durchwachsen. Ein kühles Frühjahr, danach lange Trocken- und Hitzeperioden und windige Phasen, die die Wälder austrocknen. Keine allzu guten Voraussetzungen: „Pilze brauchen Feuchtigkeit.“ Deshalb rät Gernot Friebes Schwammerlsuchern auch dazu, sich Niederschlagskarten anzuschauen: „Denn wenn man in den Wald geht und alles ist staubtrocken, dann ist die Chance, dass man Speisepilze oder andere Pilze findet, sehr gering.“ Genauso kann man aber mit Niederschlagskarten gute Hotspots ausmachen. Hat es einmal geregnet, ist aber Geduld gefragt, denn von heute auf morgen wächst kein Pilz, ein bis zwei Wochen sollte man dann einplanen.

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Stellt sich die Frage: Nadelwald, Laubwald oder Mischwald? „In den meisten Waldtypen sind bei uns Speisepilze zu finden. Wichtig ist es, auf die Bodenbeschaffenheit zu achten“, erläutert Friebes. Böden, die stark mit Gräsern und krautigen Pflanzen verwachsen seien, würden auf forstliche Eingriffe hindeuten. Hier sinken die Chancen, Pilze zu finden, wohingegen die Chancen in jenen geschlossenen Wäldern steigen würden, die über schöne Moosschichten verfügen. Und zu finden gibt es in Österreich genug: Rund 5000 höhere Pilze gibt es, wovon 200 bis 300 als essbar gelten. Doch aufgepasst, 20 Arten – darunter der Knollenblätterpilz und der Orangefuchsige Schleierling – werden als wirklich giftig eingestuft. Schwammerlsucher sollten hier Vorsicht walten lassen, warnt der Pilzexperte eindringlich: „Wenn man Speisepilze sammeln möchte, dann sollte man auch wirklich nur jene sammeln, die man auch ganz sicher kennt. Und im Idealfall kennt man auch die Doppelgänger sehr gut, damit es da nicht zu Verwechslungen kommt.“

Dann noch zur ewigen Streitfrage: Dreht man Pilze heraus oder schneidet man sie ab? „Dem Pilz ist das egal. Kennt man ihn nicht, sollte man ihn nie abschneiden, weil unten am Stiel wichtige Merkmale zur Pilzbestimmung zu finden sind.“ Grundsätzlich gilt aber: Dreht man etwa einen großen Steinpilz heraus, sollte man das Loch zudecken. Noch etwas sollten Waldbesucher beherzigen: Pilze, die man nicht braucht, sollte man nicht ausreißen. „Auch wenn sie für den Menschen nicht genießbar sind, erfüllen sie wichtige Funktionen für den Wald, Insekten und Tiere.“