Leave nothing but footprints: Das Motto ökologisch nachhaltig Reisender haben sie sich schon vor 68 Millionen Jahren zu Herzen genommen. Mehr als 4500 einzelne Fußabdrücke von Dinosauriern, von den Riesentieren einst in den matschigen waagerechten Boden gestempelt, sind heute auf einer 80 Meter hohen, von der Tektonik fast senkrecht aufgerichteten Kalksteinwand zu bestaunen. Sie liegt auf dem Werksgelände einer Zementfabrik am Rand von Sucre, der Hauptstadt Boliviens, wo 1825 die Unabhängigkeitserklärung des Landes unterzeichnet wurde. Die auf 2800 Meter Seehöhe gelegene Universitätsstadt gilt aufgrund ihres angenehmen Klimas, prachtvoller Kolonialbauten und gepflegter Plätze und Parkanlagen als eine der schönsten Südamerikas.
Und ein guter Ort, um Richtung Altiplano – der weitläufigen Anden-Hochebene – aufzubrechen. Beispielsweise in das einen kurzen Flug oder eine gut zehnstündige Busfahrt entfernte Potosì. Der karge Felskegel des Cerro Rico, des „reichen Berges“, prägt Gesicht und Geschichte der Stadt, seitdem die Inkas in seinem Inneren Silber entdeckten. Ab dem 16. Jahrhundert wird der Berg von den spanischen Konquistadoren mittels Sklavenarbeit ausgebeutet und Potosì zu einer der wohlhabendsten Städte ihrer Zeit.
Potosì: Silberberg, Minenkultur und gefährliche Bergwerksgeschichten
Nahe des Hauptplatzes, in einer der engen Gassen, hat Jhonny seinen „Firmensitz“. Ein garagenartiger Speicher, in dem er schwarze Gummistiefel, blaue Überziehhosen und orange Jacken sowie Helme, Stirnlampen und dazugehörige Akkus für seine Kundschaft in Holzregalen lagert: Standardausrüstung für die Touren in den Berg, die er anbietet. Zunächst geht es aber zum Mercado de los Mineros – dem Markt der Minenarbeiter.
Hier gibt es alles, was sie für ihre achtstündigen Schichten brauchen. Werkzeug, Dynamit und die klassische „Jause“: 96-prozentigen Alkohol zum Trinken, Kokablätter zum Kauen und „Lejía”, eine süßliche Aschenpaste, die die Alkaloide in den Blättern besser zugänglich macht. Dreieinhalb Jahre hat Jhonny selbst in der Mine gearbeitet. „Ich kündigte den Bergleuten mit lauter Stimme die Dynamitexplosion an.“ Später sammelte er Erz und schob die verbeulte Transportkarre durch die engen, niedrigen Schächte nach draußen. „Das war gefährlich, man konnte auf giftige Gase stoßen oder es gab Einstürze.“
Damit das nicht passiert, bringen die insgesamt 14.000 Minenarbeiter, die sich heute noch durch das fast 2000 Kilometer lange Labyrinth aus staubig-feuchten, teilweise nur notdürftig bis gar nicht abgesicherten Stollen graben, „El Tio“ – dem „Onkel“ – regelmäßig Geschenke. Kokablätter, Zigaretten und Schnaps, die bei zahlreichen Schreinen vor blutroten Puppen hinterlegt werden, sollen den spirituellen Grubenbesitzer gütig stimmen. Die Wirkung bleibt relativ: Unfälle und Lungenerkrankungen drücken die Lebenserwartung hier auf 45 bis 60 Jahre, und damit deutlich unter den Landesdurchschnitt von rund 70 Jahren.
Salar de Uyuni: Die größte Salzpfanne der Welt erleben
Vier Stunden dauert die Busfahrt aus der Silberbergbaustadt über die leere Weite der Hochebene nach Uyuni, einem zügigen Ort am Rande des Salar de Uyuni, der mit 10.000 Quadratkilometer größten Salzpfanne der Welt. Früher Eisenbahnknotenpunkt für den Erztransport Richtung Chile, ist die Stadt heute Ausgangspunkt für Touren in die Salzwüsten- und Vulkanlandschaft des Südwestens. Kurz hinter den letzten Häuserzeilen werden aus den Straßen staubige Pisten – und plötzlich ist da nur noch Weiß.
Der Horizont löst sich auf. Himmel und Boden verschmelzen zu einer flirrenden Fläche, die jede Orientierung unterwandert. Die Geländefahrzeuge, die die Besucher über den uferlosen Salzsee transportieren, scheinen zu schweben. Es ist, als hätte jemand die Welt auf ein Minimum reduziert: Salz, Licht, Wind. Unter den Schuhsohlen knirscht die Salzkruste, wenige Zentimeter bis mehrere Meter dick. Inmitten dieses Werks von Sonne und Zeit ragt die Isla Incahuasi auf, ein Hügel aus fossilem Korallenriff, übersät mit jahrhundertealten Kakteen.
Sonnenuntergang über dem Salar: Magische Farben im Spiegel der Salzpfanne
Am frühen Abend das nächste Naturschauspiel: Der Horizont färbt sich rosa, dann violett, später in glühendes Orange, bis er schließlich die Sonne verschluckt. Zurück bleibt eine Fläche, die im Zwielicht silbern schimmert, als wäre sie aus Metall gegossen. Das Bild trügt nicht. Unter der makellosen Oberfläche lagert Lithium – der Schatz der Energiewende, Lebenselixier allgegenwärtiger Batterien und Akkus. Der Salar ist nicht mehr nur Fotomotiv, sondern zur Bühne hungriger Wirtschaft und geopolitischer Begehrlichkeiten mutiert.
Die 5000 bis 6000 Meter hohen Gipfel der Vulkankette, die sich am Weg Richtung chilenischer Grenze wie ein Spalier aufbaut, scheint das wenig zu beeindrucken. Wie schweigendes Wachpersonal zieren sie eine karge Landschaft, in der die Natur mit farbenprächtigen Seen ihr impressionistisches Talent beweist. Die Laguna Colorada glüht rot wie oxidiertes Metall. Ihre Farbe verdankt sie Algen und Sedimenten, die im extrem salzhaltigen Wasser gedeihen. Einige Kilometer weiter schimmert die Laguna Verde in surrealen Farben, die sich je nach Lichteinfall und Wind ändern. Mal ist das Wasser smaragdgrün, mal milchig hell.
In dieser gewaltigen, scheinbar lebensfeindlichen Komposition aus Stein, Wasser und Salz wirken die fragilen Flamingos wie ein Gegenentwurf. Zu Hunderten stehen sie auf drahtdünnen Beinen im seichten Wasser, filtern mit ihren gebogenen Schnäbeln Algen und Kleinstlebewesen aus der Sole. Wenn sie auffliegen, blitzen ihre Flügel schwarz und pink. Eine kurze Farbexplosion im Schatten der stummen Riesen.