Von null auf Schweiz in eineinhalb Stunden: So lange ist man mit dem Zug von Zürich in die 40.000-Einwohner-Stadt Chur im Kanton Graubünden unterwegs. Vor den Fenstern ziehen jene Bilder vorüber, die man als Schweizneuling vor der Reise so im Kopf hatte: grüne Wiese, glitzernde Seen und in der Ferne schneebedeckte Gipfel. Dabei ist die Strecke nicht einmal eine jener Panoramastrecken, die zumindest aus der Tourismuswerbung jeder kennt. Sie wissen schon: Glacier Express, Bernina Express & Co., Züge mit besonders großzügigen Panoramafenstern, die durch die hochalpine Landschaft gleiten …
Mehr als 5000 Kilometer ist das Schienennetz der Eidgenossen lang, die von sich sagen können, die fleißigsten Bahnfahrer Europas zu sein. 1300 Kilometer davon gelten als landschaftlich besonders reizvoll. Sie sind Teil der „Grand Train Tour of Switzerland“. Einmal mit dem Glacier Express von Zermatt nach St. Moritz fahren? Ein Erlebnis! Ebenfalls lohnenswert: Etwas weniger bekannte Strecken ausprobieren, das eine oder andere Städtchen unterwegs erkunden, Weltbekanntes einmal aus anderer Perspektive betrachten.
Tschüschinas in Graubündens Hauptstadt Chur
Angekommen in Chur, kann man dort die Reise mit dem legendären Bernina Express fortsetzen. Doch es wäre schade, die älteste Stadt der Schweiz links liegenzulassen. Wir spazieren durch die kopfsteingepflasterte und autofreie Altstadt. Die Giebel und Erker der Häuser im Bündner Heimatstil, die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurden, ziehen die Blicke auf sich. Das gilt auch für die surreale Metallskulptur des berühmtesten Sohns der Stadt vor dem Bündner Kunstmuseum. Der oscargekrönte HR Giger wurde 1940 in Chur geboren. Stadtführer Christian Bucher kennt sein Werk und jeden Stein seiner Heimatstadt, egal aus welcher Epoche. „Für mich ist das sicher der schönste Hochaltar in der Schweiz“, schwärmt er beim Anblick des spätgotischen Meisterwerks in der 800 Jahre alten Kathedrale. Sein Tipp für alle, die es lieber sportlich angehen und das vielleicht auch noch mit schöner Aussicht: Am Rande der Altstadt in die Gondel einsteigen und hinauf geht’s auf den Hausberg Brambrüesch, wo man wandern, biken und skifahren kann.
Gutes Essen versprechen die 13 Gault-Millau-Punkte der Veltliner Weinstube zum Stern. Den Crashkurs Rumantsch gibt es in der gemütlichen holzgetäfelten Stube obendrauf. Das Rätoromanische mit seinen unterschiedlichen Dialekten ist in Graubünden neben Deutsch und Italienisch offizielle Amtssprache. Auf die Teller kommen Maluns, Pizochels, Capuns Sursilvans und als Dessert Cupetta con Tschüschinas. Wir sind uns nicht einig, was besser ist: die traditionellen Gerichte, die man als „Bündner Trilogie“ zum Durchkosten serviert, oder die wunderbaren Namen der Köstlichkeiten.
Nostalgiezug mit Harry-Potter-Charme
Schon beim Spaziergang in Chur lässt unser Stadtführer keinen Zweifel daran: Die Graubündner sind stolz auf ihre Rhätische Bahn (RhB), deren Anfänge auf die Pionierzeit des Eisenbahnbaus Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen – auch wenn ein Holländer den Grundstein für das Unternehmen legte, den es als Begleitung seiner an Tuberkulose erkrankten Frau nach Davos verschlagen hatte. Rund ein Drittel des 384 Kilometer langen Schmalspurschienennetzes liegt auf über 1500 Metern Höhe. Ähnlich wie bei der Fahrt über den Semmering kann man schon auf der Strecke von Chur über Landquart nach Davos-Platz nur den Hut vor der Meisterleistung der Ingenieure ziehen. Dort steigen wir von der modernen Zuggarnitur in den Nostalgiezug nach Filisur um. In der ersten Klasse der historischen Zuggarnitur wähnt man sich bei Harry Potter. Wo die Landschaft mit ihren steilen Hängen nicht passte, wurde sie passend gemacht. In großen Schleifen geht es dort bergauf und bergab, wo die direkte Linienführung für den Zugverkehr sonst viel zu steil wäre.
Das Landwasserviadukt im Blick
Dass mit der „rhätischen Bahn in der Landschaft Albula/Bernina“ ein Teil des Schienennetzes samt der Umgebung, in die es eingebettet ist, den Titel „UNESCO-Weltkulturerbe“ trägt, wundert nicht. Sensibel versucht man dabei, neue Wege zu finden, das Welterbe erlebbar zu machen. „Wenn man es nur erhält, haben nur die Historiker und die Freaks ihre Freude“, unterstreicht Roman Cathomas von der RhB. Und so überquert man nicht nur als Passagier des Bernina Express das berühmte Landwasserviadukt. Man kann es auch von oben bewundern: Von der Aussichtsplattform Schmitten hat man die roten Zuggarnituren, die auf dem Berg auftauchen und über die kühne Konstruktion rollen, gut im Blick. Vom Fuß der 65 Meter hohen Pfeiler aus betrachtet, sieht das Landwasserviadukt nicht weniger eindrucksvoll aus. Entlang der Bahnstrecke wurden Wanderwege ausgeschildert. Zu Fuß unterwegs freut man sich, dass die Schweizer nicht nur ein Herz für historische Bahnstrecken haben, sondern auch für den modernen ÖV. Den 400-Seelen-Weiler Alvaneu, in dem das ehemalige Bahnwärterhäuschen zur Ferienwohnung umfunktioniert wurde, fährt der Bus im Stundentakt an.
Apéro in der italienischsten Stadt der Schweiz
Zweieinhalb Busstunden und ungezählte Kehren über den San-Bernardino-Pass später landen wir in der angeblich italienischsten Stadt der Schweiz: Bellinzona. Mit mediterranem Klima und 2170 Sonnenstunden im Jahr wirbt die Hauptstadt des Tessins. Im südlichsten Kanton der Schweiz bleibt es bei unserem Besuch zwar bedeckt, der eigentliche Schatz der Stadt ist aber auch bei grauem Himmel ein eindrucksvoller Anblick. Die größte spätmittelalterliche Festungsanlage Europas ist dort zu sehen. Auch sie zählt zu den neun UNESCO-Weltkulturerbestätten, die es in der Schweiz gibt. Drei Burgen thronen über der Stadt, dazu kommt noch eine mächtige Wehrmauer, die die umkämpfte Stadt am Fuß der Alpen schützte. „In den Burgen lebte man nicht, sie dienten als reine Verteidigungsanlagen“, erzählt Stadtführerin Carolina Peter, während wir vom Castel Grande in die Altstadt hinuntersteigen. Dort bieten Produzenten aus der Region wie jeden Samstag ihre Spezialitäten an. Wer Ziegenkäse oder Lardo einkaufen möchte, ist hier richtig. Für die Eiligen gibt’s Polenta-to-Go, wer Zeit hat, trifft sich zum Apéro auf der Piazza.
Hundert Täler vor den Panoramafenstern
Memo an mich: Das nächste Mal unbedingt auch Zeit für einen Spaziergang durch Locarno einlegen. Wir erhaschen mit dem Zug von Bellinzona kommend zumindest ein paar Blicke auf die hübsche Stadt am Lago Maggiore, bevor es mit der Centovalli-Bahn weitergeht. Vor den großen Panoramafenstern des Zugs, der seit 102 Jahren steile Streckenabschnitte bezwingt, das, was schon der Name der Schmalspurbahn verspricht: Hundert Täler. Über 83 Brücken und Viadukte, die den Blick freigeben auf Dörfer mit urigen Steinhäusern und tief eingeschnittene Flussläufe, erreicht man in nicht ganz zwei Stunden Fahrzeit das italienische Domodossola.
Eiger, Mönch und Jungfrau im Blick
Eine kurze Diskussion über den smarten integralen Taktfahrplan der Schweizer Öffis später, weitet sich in Spiez im Berner Oberland wieder der Blick: Segelboote tummeln sich auf dem langgestreckten Thunersee. Bis zum Seeufer hinunterziehen sich in Spiez die Weinberge. Auf 600 Meter Seehöhe wird hier mit Unterbrechungen seit der Römerzeit Wein angebaut. Wer nach einem Spaziergang durch die Rebberge oder der Verkostung eines Riesling-Sylvaners und Blauburgunders noch einmal die Perspektive wechseln möchte, besteigt die „Bubenberg“. Das Ausflugsschiff bringt seine Passagiere ins mondäne und quirlige Interlaken. Abenteuersport wird im Mekka der Paraglider und Skydiver großgeschrieben. Weniger Abenteuerlustige nehmen die Standseilbahn auf den Harder Kulm und genießen den Blick auf türkis schimmernde Seen und die 4000er-Gipfel von Eiger, Mönch und Jungfrau. Ein Geheimtipp ist die Fahrt auf den Hausberg von Interlaken nicht, doch: Wo sonst, schlemmt man Rösti und Käsefondue mit so einer Aussicht?