So ein Käse! In aller Früh, wenn der vermeintlich menschenleere, lückenlos von adretten, sich an Schönheit übertreffenden Häusern gesäumte Platz das pittoreske Instagrammotiv schlechthin liefern würde, verhindern dies ein Müllwagen und emsige Saubermacher. Sie beseitigen in eidgenössischer Ordnungsmanier die letzten Spuren des vortäglichen Mittelalterfestes.
Burgfrauen und Ritter sind über Nacht abgezogen. Sonst aber scheint das autofreie 80-Seelen-Kleinod Gruyères, das zu den schönsten Dörfern der Schweiz zählt, förmlich dem Mittelalter entschlüpft – umgeben von Schweizer Voralpengipfeln, wie kitschig gezeichnet auf einer Anhöhe posierend.
Das imposante Chateau de Gruyères hat 800 Jahre Geschichte zu erzählen. Es wird übrigens auch Schloss Greyerz genannt. Denn in diesem Teil der „Swiss Romande“, dem sogenannten Röstigraben, der auch gerne mit der traditionellen Kartoffelspeise assoziiert werden darf, spricht man großteils Französisch und Deutsch. Auch die Tradition der Käseherstellung – und zwar der nach seiner Herkunftsregion benannte Gruyère – wird hier bereits seit dem Jahre 1115 von Generation zu Generation weitergegeben.
Alles Käse!
Nach „Fondue Moitié-Moitié“ – halb Le Gruyère, halb Vacherin Fribourgeois – duftet es im Bilderbuchort an allen Ecken und Enden. Im urgemütlichen Hotel Le Saint Georges lässt es sich preisgekrönt genießen. Denn dort bringt jener Käser, der unter dem Titel „Champion du Monde de Fondue 2023“ firmiert, das Aroma in den Topf. Ja, hier leistet man sich alle zwei Jahre diese Weltmeisterschaft – dem Gruyère zuliebe.
War es der Käse oder doch die Magie des Ortes? Welcher Faszination auch immer erlegen, hinterließ hier so mancher seine Spuren. Charlie Chaplin besuchte die Idylle gerne mit Freunden, sein Sohn Michael erstand schließlich das Maison Bourgeoisie, ein Juwel unter den bis ins 14. Jahrhundert datierenden Häusern.
Förmlich wie ein Kontrapunkt fühlt sich das hiesige Tibet Museum im ehemaligen Seelsorgehaus und seiner Kapelle an, dessen Stifter Alain Bordier sich auch in den Ort verliebt hat. Heute darf man sich hier an 350 Werken der Himalayakunst vom 6. bis zum 18. Jahrhundert erfreuen.
Die echten „Ausreißer“, besser gesagt Außerirdische, inmitten dieser Schweizer Idylle sind das Museum und die Bar des Oscar-Preisträgers und Alien-Filmfigur-Schöpfers H. R. Giger, der ebenfalls dem hiesigen Charme erlag. Neben seinen eigenen Werken findet sich in seiner Privatsammlung auch ein Œuvre des Österreichers Ernst Fuchs. In der gotischen Bar des Schweizer Maestros wird ein Drink, den man unter einem Gewölbe aus Knochenimitationen schlürft, zum schrägen, surrealen Erlebnis.
Ode an die Kuh
Ganz real und omnipräsent ist in La Gruyère die große Welt der Kühe. „Die Schweizer Kühe, und ganz besonders jene aus dem hiesigen Kanton Freiburg, haben tolle Wimpern und einen speziellen Blick“, lässt Urs Weber vom Schweiz Tourismus schmunzelnd wissen. Sie sind auf alle Fälle die eigentliche Basis für den würzig bis süßen Geschmack der Region.
Dementsprechend lässt man sie hier nicht nur mit allgegenwärtigem Kuhglockengeläut „zu Wort“ kommen, sondern holt die „heiligen Kühe“ auch in Storytelling-Manier auf die Bühne. So weiht Kuh Cerise im lehr- wie erlebnisreichen „Maison du Gruyère“ in die Geheimnisse des g’schmackigen Juwels ein. Dem Käsemeister darf hier beim Wenden der fünf bis 18 Monate reifenden Laibe im Reifungskeller auf die Finger geschaut werden.
Richtig süß wird es schließlich bei Kuh Gwendoline im „Maison Cailler“. Sie schwärmt in der Hochburg der Schweizer Schokoladenwelt stellvertretend für 1800 Kolleginnen der Region vom guten Almgras, das sie wiederkäuend magisch in Milch verwandelt. Letztendlich schmeckt man sie köstlich in der Schokolade.
Mit einer über 200-jährigen Tradition ist Cailler die älteste noch existierende Schokoladenmarke der Schweiz. Dementsprechend wird im Erlebnistempel der Versuchungen das süße Schweizer Wahrzeichen mit allen Raffinessen von informativ bis unterhaltsam gewürdigt. Nach den Gaumenfreuden in der Degustationsstraße wird es allerdings Zeit, bei einem kräftigen Spaziergang auf eine der Bilderbuchalmen die Kalorien wieder abzuarbeiten.