In den letzten beiden Jahren scheint sich das Bewusstsein vieler in Bezug auf regionale Produzenten, Kulinarik oder auch Handwerk geändert zu haben. Da bewegt sich gerade sehr viel und umso schöner ist, dass Ihr genau solche Protagonisten vor Euer Mikro holt. Nach welchen Kriterien wählt ihr Eure Gäste aus?

BIANCA BLASL: Mit "BauertothePeople" bringen wir seit zwei Jahren die Menschen rund ums Essen wieder zusammen. Deshalb wollen wir mit allen reden: vom Bauer, über Fleischer, Industrie, Supermärkte, Wirte, Konsumenten und alles davor und dazwischen. Denn heute ist der Weg vom Feld bis auf unsere Teller weit und komplex geworden. Uns sind die Verbindungen und das Gespür zueinander abhandengekommen. Früher haben wir vielleicht noch mit dem Fleischer über das Schnitzel geredet, das einmal ein Schwein war. Vielleicht mit dem Bauer, bei dem es gelebt hat. Diese Momente, diese Orte gibt es heute kaum mehr, da wir in einer hoch spezialisierten, arbeitsteiligen Welt leben. Wir reden nicht mehr miteinander. Das wollen wir ändern. 2020 haben wir deshalb "BauertothePeople" ins Leben gerufen. Ein Ort, an dem die Menschen rund um die Themen Essen und Landwirtschaft wieder zusammen kommen. Durchs Reden entstehen neue Perspektiven und Lösungen. Ums Essen geht es dabei nur vordergründig. Das große Ziel ist es, der Entfremdung unserer Gesellschaft entgegenzuwirken, die gerade beim Thema Lebensmittelproduktion und Essen besonders deutlich wird. Und Essen müssen wir ja alle, und schon das verbindet.

Aus dem Erfahrungsschatz Eurer Gespräche: Wie dickköpfig muss man als Individuum sein, um so wichtige Themen auch nachhaltig zu verankern und vor allem voranzutreiben?

BLASL: Da muss ich lachen! Sehr! Mein Großvater hat immer gesagt: Nichts was sich lohnt zu erreichen, ist einfach. Aber alleine schafft man es nicht, auch wenn wir dickköpfig und hartnäckig sind. Nur gemeinsam geht es. Wir haben einander und unsere Community. Wenn uns also jemand unterstützen will: Ihr findet uns auf www.BauertothePeople.at.

WILHELM GEIGER: Wir sprechen mit vielen Unternehmer*innen. Wenn es darum geht, Dinge oder Themen voranzutreiben, braucht man einen starken inneren Antrieb, eine persönliche Vision, die einen leitet, und eine gewisse Unerschütterlichkeit gegenüber Fehlschlägen, Rückschlägen und auch gut gemeinten Ratschlägen. Am Ende des Tages bringt ein reiner Dickkopf nichts, wenn man andere Menschen erreichen will. Entweder löst man ein Problem, befriedigt ein Bedürfnis, erleichtert etwas. Kurzum, schafft für andere einen Nutzen. Und da die anderen meist nicht drauf gewartet haben, dass man etwas macht, muss man erst mal unter Beweis stellen, dass man diesen Nutzen auch schaffen kann und will. Dafür braucht es einen Dickkopf aber vor allem auch Leidenschaft und ein gutes Team. Das „Gründerteam“, wie es so schön heißt, muss sich gut ergänzen. Bianca und ich ergänzen uns sehr gut. Und es steht auch im Buch: Das Ziel, uns gegenseitig nicht zu erwürgen, ist nach wie vor erreichbar.

Zu Gast bei Stefanie und Ferdinand Köberl vom Gredlbauer
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Warum ist bewusster Konsum überhaupt so wichtig?  

BLASL: Jeder kann in seinem Rahmen etwas bewegen. Dabei ist wichtig, nicht immer allen andern die Schuld in die Schuhe zu schieben und selbst etwas zu tun. Und mal vor der eigenen Haustüre zu kehren. Ich weiß, das mögen wir Menschen gar nicht. Deshalb finde ich Essen ja so großartig, denn da fällt mir das auch persönlich nicht schwer, mit dem Bewegen und Bewusstsein und Ändern, weil ich es einfach mit Genuss und Spaß verbinde. Was mich sehr nervt ist dieses gegenseitige aufeinander hinhauen und einen Schuldigen suchen: "Der Konsument hat es in der Hand“, „Der Handel muss etwas ändern“, „Die Gastronomen müssen sich endlich bewegen“, „Die Politik muss etwas an den Rahmenbedingungen ändern“. Diese Schuldzuweisungen lähmen uns. Da bewegt sich dann keiner mehr, wenn immer der andere Schuld hat. Wir alle sind verantwortlich etwas zu tun und wir alle können das auch. Genau aus dem Grund wollen wir ja auch die Leut zusammen bringen, und zwar alle.

GEIGER: Bewusst sein, ist letztlich ja ein aktives Wissen. Unsere "Ahaa!"-Momente sind hier das beste Beispiel. Wenn man etwas hört, und auf einmal reißt es einen richtig her und man schreit das "Ahaa" oder "Boah Oag" so richtig raus, dann entsteht aus passivem Wissen ein aktives Bewusstsein, also ein Wissen um Hintergründe und Zusammenhänge. Wir haben alle viel Wissen aus Lernen, Erfahrungen, etc. in uns gespeichert, dass irgendwo in unseren Hirnwindungen herumliegt. Stimuliert man diese, etwa über spannende Inhalte und Dialoge, dann werden diese oft unerwartet verknüpft. Somit werden gewisse Ausschnitte der Welt zumindest vorübergehend greifbar und dadurch verändert sich auch vorübergehend unser Handeln. Nach dem direkten Gespräch mit dem Landwirt direkt im Bauernladen oder einem Spaziergang über den Hof besteht ein direkter Bezug zum Menschen und über diesen auch zum Produkt. Vorübergehend steigt das Bewusstsein und damit oft auch die Wertschätzung und Zahlungsbereitschaft für Produkte. Dieses Bewusstsein ist jedoch keine Konstante, sondern variiert über viele Faktoren und nimmt, wenn es nicht stimuliert wird, auch wieder ab. Aus dieser Sicht heraus ist ein dauerhaft bewusster Konsum für die meisten von uns gar nicht möglich, weil hierfür schlicht die Zeit und die Ressourcen fehlen. Wie es Bianca schon formuliert hat, sind es ganz viele Akteure, die im Hinblick auf Konsum eine Rolle spielen, um diesen dann letztlich so nachhaltig wie möglich zu gestalten.

Bei Hans-Peter Schlegl vom Hofveitl dreht sich alles um Boden-, Freilandeier und Direktvermarktung
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Kauft ihr selbst ausschließlich am Markt oder direkt beim Bauern ein oder darf es auch ab und an der Supermarkt sein?

BLASL: Ich muss schon wieder grinsen. Nein natürlich nicht. Sicher würde ich gerne, aber ich habe weder Zeit noch Geld dafür. Ich lebe in der Stadt. Da ist der Nahversorger der Supermarkt. Und da sind wir wieder beim bewussten Konsum und dabei, dass alle Glieder der Wertschöpfungskette verantwortlich sind: Mit all meinem Wissen rund um Essen, Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion bin ich in einem Supermarkt heute eigentlich „daschossen“ und könnte kaum etwas kaufen. Würde vielleicht nach fünf Stunden frustriert den Supermarkt verlassen und wäre immer noch hungrig. Aber natürlich kaufe ich ein, denn essen müssen wir alle. Zu den Bauern kommt man in Wien und auch anderswo meist nur mit dem Auto und Markt ist nur einmal in der Woche und da arbeite ich meist. Also wer ist jetzt schuld?

Welches Produkt aus eurer Region, hat euch erst unlängst so richtig begeistert?

BLASL: Ui, da gibt es einige. Ich esse ja so gern. Letztens haben wir einen Podcast mit dem Milchkandl gemacht, eine Molkerei-Genossenschaft im Waldviertel. Da gabs einen Liptauer und ich hätte fünf Gläser auf einmal essen können. So gut!

GEIGER: Mir fällt da auch dieses Erlebnis ein. Aber da sind wir wieder dabei: Das ist einfach zeitlich nah und mir daher noch gut im „Bewusstsein“. Die Milch der dortigen Genossenschaft hat einen relativ hohen Fettanteil. Und speziell mein heiß geliebter Frühstückskaffee schmeckt damit einfach noch um ein Eck besser. Außerdem hatten wir die Gelegenheit, die Bauern kennenzulernen, welche die Milch produziert haben und ausführlich mit ihnen zu sprechen. Das sind die wunderbaren Gelegenheiten, die unsere „Arbeit“ mit sich bringt. Uns ist aber auch bewusst, dass diese Gelegenheit viele Menschen nicht haben. Und damit wären wir wieder beim Kern von BauertothePeople.

Welches Gespräch hat euch persönlich in all den Episoden am meisten berührt und warum?

BLASL: Da gab es einige. Doch was mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, war das Gespräch mit Thomas Reisecker. Ein Schweinebauer aus Oberösterreich. Ich habe ihn als unendlich positiven und engagierten Menschen kennengelernt. Unseren Podcast haben wir bei ihm am Küchentisch sitzend aufgenommen. Seine Kinder und Frau um uns herumsitzend. Er hat seinen Hof vom Vater übernommen und der Vater hat den Hof mit ihm so geplant, dass er so ist, dass das ein Leben lang für Thomas passt. Da wurde natürlich auch viel Geld investiert. In neue Ställe und dergleichen. Bei Thomas werden die Schweine auf Vollspaltenböden gehalten. Wie übrigens 60 Prozent der Schweine in Österreich. Das sind jene Betonspalten, durch die die Schweine ihren Mist treten, damit sie sauber bleiben. Vor gar nicht allzu langer Zeit der heiße Schweiß und die Innovation in der Schweinehaltung. Warum? Massive Arbeitszeitersparnis. Weil das Ausmisten wegfällt. Das ist insofern wichtig, weil es immer weniger Bäuerinnen und Bauern gibt, aber immer mehr Menschen die essen wollen. Diese Hintergrundinfos und Geschichten zu den Bauern gibt es auch in unserm Buch. Nun hat Thomas so einen Stall, war immer sehr stolz auf seinen Betrieb. In unserem Gespräch hat sich irgendwas in ihm verändert. Er meinte, er will uns gar nicht in den Stall lassen. Er hat gemerkt, er will seine Schweine eigentlich anders halten. So, dass sie artgerechter leben können. Doch er ist jetzt über vierzig und die Investition seines Lebens hat er schon mit dem Stall gemacht. Das geht einfach nicht noch mal. Und hat während unseres Podcasts angefangen zu überlegen: Was kann man in dem Rahmen, den man hat, ändern und verbessern. Was und wen braucht es dazu. Jetzt gib es ein Projekt, mit Universitäten, Bauern und Kammern, dass jenen SchweinebäuerInnen, die nicht mehr eine Lebensinvestition tätigen können, eine Perspektive bietet, in ihren bestehenden Ställen das Bestmögliche für sich und ihre Tiere zu verändern. Das war für mich einer der berührenden Podcasts. Da habe ich viel gelernt und begriffen.

GEIGER: Ich kann das gar nicht sagen. Jedes auf seine Art. Als halber Soziologe hat mir das Gespräch mit Christian Dürnberger natürlich voll getaugt. Martin Grassberger war auch mega-spannend, weil wieder eine komplett andere Perspektive. Aber auch das Gespräch mit dem tiefenentspannten Sepp Brandstätter wär sehr inspirierend. Am liebsten würde ich jetzt alle aufzählen, denn es geht bei all den Gesprächen nicht nur um das gesprochene Wort oder den Inhalt, sondern um so viel mehr, was man an Zwischentönen und menschlichen Facetten lernt und mitbekommt. Jedes Gespräch war tatsächlich in ganz unterschiedlicher Art und Weise sehr wertvoll.

Seit zwei Jahren ziehen Bianca Blasl und Wilhelm Geiger mit ihrem Feuerwehrauto namens “Roter Blitz” von Bauernhof zu Bauernhof
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Wenn Ihr einen Wunsch frei hättet und eine politische Forderung zum Thema sofort in die Realität umsetzen könntet. Welcher wäre das? 

BLASL: Politisch will ich nichts fordern. Was ich mir wünsche ist, dass wir die Menschen tatsächlich zusammen bringen, gerne auch die PolitikerInnen und so viele wie möglich an einem Strang ziehen. Es gibt so viele Menschen, die sinnvolle Dinge tun, nur hauen sich davon viel zu wenige auf ein Packl.

GEIGER: Wir arbeiten extrem hart und vor allem konsequent daran, dass uns Akteure von allen Seiten Vertrauen schenken. Also nicht uns, sondern der Integrität des BauertothePeople-Ansatzes. Politik bedeutet im Kern, gesellschaftliches Zusammenleben so lebenswert wie möglich zu gestalten und über den Dialog einen Ausgleich von Interessen zu schaffen. Das geht nur mit Vertrauen. Mein politischer Wunsch wäre es daher, dass es uns gelingt, dieses Vertrauen zu gewinnen, nachhaltig zu bewahren und damit Räume zu schaffen, in denen man sich zum Dialog begegnen kann. Und sofern das erfolgreich ist, hoffen wir natürlich auf möglichst viele ähnliche Projekte!

Ihr stellt ja aktuell euer Buch „BauertothePeople“ vor. Was erwartet all jene, die an einem der kommenden Abende vorbeischauen wollen?

Ein gemütlicher und ungezwungener Abend mit euch und uns. Wir bringen euch die Bauern aus unserem Buch, aus eurer Region mit. Also in und um Graz. Die bringen ihre Produkte mit. Ihr könnt sie kennenlernen und alle Fragen stellen, die ihr immer schon stellen wolltet und sie euch auch! Wir erzählen ein wenig aus unserer Arbeit aber vor allem wollen wir miteinander reden. Wenn ihr also einen Blick hinter die Kulissen von eurem Essen und eine Buchpräsentation der anderen Art wollt, kommt zu uns. So nahe wart ihr eurem Buch noch nie. Feiert, redet und esst mit den Menschen, über die wir schreiben, und mit denen, die das Buch geschrieben haben. Also uns. Esst genau das, was die Bäuerinnen und Bauern aus unserem Buch, aus eurer Region produzieren: Denn sie bringen es an diesem Abend mit. Naja. Und durchs Reden kommen die Leut zusammen. Wir freuen uns auf euch!