Die Meldungen rund um Impfreaktionen und Nebenwirkungen in Zusammenhang mit AstraZeneca reißen nicht ab. Was ist in diesem Fall gesicherte Information? 
MARKUS ZEITLINGER: Was wir wissen ist, dass es nach der Impfung mit AstraZeneca zu Berichten über Gerinnungskomplikationen gekommen ist, in Österreich und auch in anderen Ländern der EU. Nun ist es wichtig, diesen Berichten in zweierlei Hinsicht nachzugehen. Zum einen auf der individuellen Ebene, das bedeutet, sich jeden einzelnen Fall anzusehen. Man muss sich hier anschauen: Gibt es einen möglichen Zusammenhang mit der Impfung, gibt es eine mögliche andere Erklärung oder treffen weder Punkt eins noch zwei zu, dann bleibt die Ursache ungeklärt. 

Gibt es einen Anhaltspunkt für einen der drei Punkte?
Nach dem aktuellen Erkenntnisstand sind wir bei Punkt drei. Es gibt keine gute andere Erklärung, es gibt keine Anhaltspunkte, dass es mit der Impfung zusammenhängt.

Das klingt nicht gut. Was passiert in einem solchen Fall?
Man ist auf die Epidemiologie angewiesen. Ich muss mir ansehen: Gibt es ein Signal? Dieses Signal ist immer in Relation zu sehen mit der Anzahl an geimpften Personen. In Österreich sind 140.000 Menschen mit AstraZeneca geimpft worden, in Europa sind etwa drei Millionen Menschen damit geimpft worden, in Großbritannien waren es rund acht Millionen. Dann kann man analysieren, wie viele Berichte gibt es. Diese muss ich immer in Relation setzen. Ein Beispiel: In Österreich haben wir drei Fälle. Das ist furchtbar. Ich könnte die Situation aber auch von der anderen Seite betrachten und sagen: "Von 140.000 Menschen haben 139.997 keine pulmonale Embolie bekommen." Das bedeutet, diese Impfung schützt enorm gegen eine pulmonale Embolie. Das macht natürlich niemand. Aber dieses Beispiel zeigt ganz gut, wenn man es nicht in Relation zu Zahlen setzt, ist es wertlos. 

Während der letzten Tage wurde immer wieder ein Satz gesagt und geschrieben: "Die Anzahl der thromboembolischen Vorfälle unter den geimpften Personen ist nicht höher als in der Bevölkerung allgemein?" Was bedeutet das? 
Das ist die sogenannte Hintergrundinzidenz. Diese liegt bei älteren Menschen bei ein bis zwei pro 1000 pro Jahr. Bei jüngeren Menschen, und die in Österreich beschrieben Vorfälle würde ich eher hier hinzuzählen, ist es ein Fall pro 10.000 pro Jahr. Wenn man sich das durchrechnet, kommt man auf diese drei erwarteten Fälle in Österreich, und etwa 150 in der EU - basierend auf den drei Millionen Impfdosen. Berechnet hat das in diesem Fall das PARC (Pharmacovigilance Risk Assessment Committee) der Europäischen Arzneimittelbehörde. Ebendort hat man aufgrund der Zahlen kein Signal entdeckt, aber die Meldung an die Mitgliedsstaaten herausgegeben: Bitte achtet besonders auf dieses Signal. 

Wenn die EMA keine Gefahr sieht, wieso hat dann zum Beispiel Dänemark dennoch die Entscheidung getroffen, die Impfkampagne auszusetzen?
Es gibt die Vermutung, dass es eine politische Entscheidung war, aber das kann ich nicht beurteilen. Aber es hat in anderen Ländern zu einer Kettenreaktion geführt. 

Die Daten aus Großbritannien, die sehr umfangreich sind, zeigen, in Bezug auf thromboembolische Vorkommnisse auch keine Häufung. 
Das ist richtig. Und der Vorteil der UK-Daten ist, nachdem ebenda schon länger geimpft wird, sieht man nicht nur die Nebenwirkungen, aber man sieht dort schon viel stärker die positiven Auswirkungen der Impfungen. Und ich wiederhole mich: Es gibt dieses Signal nicht, dass Menschen sterben, wenn sie die Impfung bekommen.

Angenommen ich habe morgen einen Termin für eine Impfung mit AstraZeneca, Sie empfehlen ihn wahrzunehmen?
Absolut, zu 100 Prozent. Mit wäre es egal, AstraZeneca oder Biontech/Pfizer, der Arzt soll entscheiden, welchen Impfstoff er mir verabreicht. 

Soll ich vor der Impfung, um sicherzugehen, eine Gerinnungsstörung ausschließen?
Diese Diskussion gibt es, das ist mir bewusst. Und sie ist zumeist an einen weiteren Punkt gekoppelt: Soll ich Medikamente nehmen, um die Blutgerinnung zu beeinflussen? Ein klares Nein in beiden Fällen. Zum einen um nicht eine Gruppe noch weiter zu verängstigen, zum anderen weil wir wissen, dass Covid-19, also die Erkrankung selbst Thrombosen verursacht. In Zusammenhang mit Blutgerinnung wird oft Aspirin genannt. Aber Aspirin hilft in diesem Fall nicht. Weiters müsste man fragen, wann nimmt man es? Zehn Tage nach der Impfung oder die ganze Zeit durchgehend? Wenn ich aber 140.000 Leuten über 14 Tage Aspirin gebe, garantiere ich Ihnen, dass 100 Blutungskomplikationen entstehen. 

Spielte in den aufgetretenen Fällen eventuelle die Anti-Baby-Pille eine Rolle?
Nein, war bei den Todesfällen kein Thema. Es haben sich diese Thrombosen etwas anders dargestellt, als jene, die auftreten, wenn man die Pille einnimmt. Diese europaweit bekannten 15 Fälle zerfallen in unterschiedliche Subgruppen, was eine gute Nachricht ist, denn es zerstreut den Zweifel an der Impfung. 

In der Steiermark haben über 600 Menschen nach den Meldungen der letzten Tage ihren Impftermin abgesagt, das hat Auswirkungen auf die Impfkampagne. Wie kann man das Vertrauen der Menschen wieder aufbauen? 
Ich weiß es nicht, muss ich gestehen. Wenn sich Menschen, oder ganze Gruppen nicht impfen lassen wollen, dann muss man zügig reagieren und jüngeren Menschen die Möglichkeit geben, den Impfstoff zu nutzen.  

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