Das wird ernst“: Diesen Gedanken hatte Dorothee von Laer das erste Mal im Jänner, als sich in Fachkreisen herumsprach, dass Infizierte mit dem neuartigen Coronavirus schon ansteckend sind, bevor sie erste Symptome entwickeln. „Da wussten alle Virologen, wir kriegen ein Problem“, sagt von Laer, die das Institut für Virologie an der Med Uni Innsbruck leitet und damit eine von zwei Lehrstuhlinhaberinnen für das Fach in Österreich ist. Seit Beginn dieser Pandemie arbeitet die geborene Hamburgerin quasi durch: 80-Stunden-Wochen sind die Regel, ihre Tage beginnen um 6 Uhr am Laptop, dauern bis 21 Uhr, wenn sie das Labor verlässt. Dabei hatte sie für dieses Jahr ganz andere Pläne.

"Aber dann kam Corona"

„Ich bin 62 Jahre und letzten Herbst in Altersteilzeit gegangen“, erzählt sie – sie wollte mehr Zeit für ihre Reitanlage im Burgenland haben, Pferde sind ihr großes Hobby. Die Virologie wollte sie nur noch halbtags machen. „Aber dann kam Corona“, sagt von Laer und damit ist nicht nur sie als Person, sondern auch ein medizinischer Fachbereich in den Lichtkegel der Öffentlichkeit getreten, der bis dato ein Schattendasein führte. Wenn nicht gerade Pandemie ist, dann hat die Virologie, erklärt von Laer, drei Hauptaufgaben. Da ist erstens die Forschung – die Virologie sei schon immer „ein forschungsstarkes Fach“ gewesen.

Zweitens die Diagnostik: „Auch ohne Coronavirus gibt es viele Virusinfektionen.“ Hochsaison dafür ist der Winter, mit der Influenza und vielen anderen Atemwegsinfekten – aber Virusinfektionen wie HIV oder Hepatitis gibt es das ganze Jahr. Drittens: die Lehre an der Uni. „Bisher war es sehr schwierig, Nachwuchs zu finden, nun interessieren sich plötzlich doch Mediziner für diesen Fachbereich“, sagt von Laer, die nach Stationen in Hamburg, Freiburg und Frankfurt vor zwölf Jahren nach Innsbruck kam.

Virologin Dorothee von Laer
© (c) FLORIAN LECHNER

Forschungsgelder flossen spärlich

Für die Virologie war die neu erlangte Aufmerksamkeit ein Gewinn, sagt von Laer: „Das Fachgebiet stand immer im Hintergrund, die wenigsten wussten, was Virologen machen, wir wurden auch von Kollegen nicht ernst genommen.“ Das hatte zur Folge, dass auch Forschungsgelder nur spärlich flossen – „in der Virologie wurden nur halb so viele Forschungsanträge bewilligt wie in anderen Fächern.“ Für von Laer persönlich war der plötzliche Übergang in die erste Reihe der Corona-Erklärer „anstrengend“, aber sie hat bald für sich erkannt: „Ich kann mich nicht drücken, sonst wird zu viel Müll von Scheinexperten erzählt – von Medizinern, die vor Corona keine Virologen waren, sich jetzt aber so bezeichnen.“

Traumberuf Virologie?

Ob die Virologie ein Traumberuf ist? „Es war auch für mich nicht das erste Ziel im Medizinstudium“, sagt von Laer. Sie kam über die Tropenmedizin und ihre Doktorarbeit in die virologische Forschung. „Irgendwann“, so erinnert sich von Laer, „hatte ich nicht nur eine Ehe und drei Kinder, sondern auch die Patientenversorgung und die virologische Forschung. Das war zu viel und worauf ich am ehesten verzichten konnte, war die Patientenversorgung.“ So entschied sie sich für das theoretische Fach der Mikrobiologie und Virologie und schätzt bis heute die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Keine Nacht- oder Wochenenddienste, das ist selten in der Medizin.“

Seit 40 Jahren forscht von Laer schon an Viren – in dieser Zeit hat sie ein „intuitives Gespür“ für sie entwickelt: „Es ist wie mit dem Partner, mit dem man lange zusammenlebt und schon vorher weiß, was er denkt.“ Das Faszinosum der Viren liegt für von Laer in ihrer absoluten Effizienz: „Viren bestehen manchmal aus weniger als fünf Proteinen und können die ganze zelluläre Maschinerie der Vermehrung in einem Wirt übernehmen. Das Ziel der Evolution ist, das eigene genetische Material zu erhalten – Viren setzen diese Maxime am effizientesten um.“

Sachlich und unaufgeregt

Auch Elisabeth Puchhammer-Stöckl ist fasziniert von diesen infektiösen organischen Strukturen, die die Welt schon seit Monaten in Atem halten. Der beste Moment bei der Arbeit? „Wenn man durch Labordaten plötzlich und zum ersten Mal versteht, wie etwas funktioniert. Das ist dermaßen schön“, sagt die Leiterin des Zentrums für Virologie der Med Uni Wien mit unüberhörbarer Begeisterung für ihr Fach. Seit Beginn der Coronakrise steht die 58-Jährige im Rampenlicht, um den Menschen das anfangs schwer Verständliche und nun immer schwerer Hinnehmbare zu erklären. Sachlich, unaufgeregt, auf Daten basierend.

Virologin Elisabeth Puchhammer-Stöckl
© (c) Christian Houdek
Dabei war es ein „Zufall“, dass sie in der Virologie landete. „Nach meinem Medizinstudium wollte ich meinen Turnus machen, musste aber warten und konnte bei einem Projekt an der Virologie mitarbeiten.“ Es waren die geistige Regheit am Institut, die spannenden Fragen und die Aussicht, die Welt etwas besser verstehen zu lernen, die Puchhammer-Stöckl dazu bewogen, am Institut zu bleiben.

"Man hilft vielen auf einmal"

1987 beginnt sie als Assistentin am Institut für Virologie der Med Uni Wien und absolviert die Ausbildungen zur Fachärztin für Hygiene und Mikrobiologie sowie zur Fachärztin für Virologie. 1994 habilitiert sie für das Fach Virologie. „Als Mediziner will man ja meist im Spital dem einzelnen Patienten helfen. Aber in der Virologie haben wir zum Beispiel neue Methoden entwickelt, um Virusinfektionen rasch nachzuweisen. Mit so einem Test hilft man sehr vielen Menschen auf einmal“, erklärt die Tochter eines verstorbenen Biochemie-Professors an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der bei ihr schon früh das Interesse für Naturwissenschaft geweckt hat.

"Dass ich aber in der Virologie geblieben bin, war das direkte Erlebnis am Institut – zu sehen, wie Forschung funktioniert“, so die zweifache Mutter. Was zukünftige VirologInnen mitbringen müssen? „Man muss nachdenken können, klug und vor allem auch geduldig sein. Experimente können lange dauern und funktionieren oft auch nicht gleich, das muss man aushalten können.“ Sie selbst habe ihre Entscheidung noch nie bereut. Obwohl dieses Jahr schon ein ganz besonders anstrengendes für sie und ihre KollegInnen war. „Die anderen Virusinfektionen pausieren ja nicht“, sagt Puchhammer-Stöckl, die auch Leiterin der österreichischen HIV-Referenzzentrale ist.

"Bis April wird es nicht angenehm"

Nicht nur das Fach eint die zwei Frauen, sondern auch die Frage, die sie immer wieder gestellt bekommen: Wann bekommen wir unser Leben zurück? Von Laer: „Ich denke, wir haben Ende April das Schlimmste überstanden.“ Ab dem Frühsommer 2021 sollten die Zahlen aufgrund des Wetters – das Leben spielt sich vermehrt im Freien ab – zurückgehen, bis Oktober sollten genug Menschen geimpft sein, damit keine weiteren Lockdowns mehr notwendig sind. „Aber bis April wird es nicht angenehm“, sagt von Laer.

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