Weibliche und männliche Gehirne reagieren unterschiedlich auf Stress und Alkohol. Ein möglicher Hintergrund dafür ist, dass zentrale Stress-Mechanismen im Gehirn geschlechtsspezifisch organisiert sein könnten, zeigt eine präklinische Studie eines Forschungsteams von Universität Wien und MedUni Wien. Weibliche Gehirne reagieren generell stark auf Stress, männliche erst in Verbindung mit Alkohol, fasste Studienleiterin Sophia Khom zusammen.

Im Zentrum der kürzlich im Fachjournal „Neuropharmacology“ veröffentlichten Untersuchung stand ein kleiner, aber entscheidender Bereich des Gehirns: die zentrale Amygdala. Sie spielt eine Schlüsselrolle bei der Verarbeitung von Emotionen, Stress und belastenden Erfahrungen. Das Forschungsteam untersuchte im Mausmodell, wie das sogenannte Substanz-P/Neurokinin-1-Rezeptor-System die hemmende Aktivität von Nervenzellen in diesem Hirnareal beeinflusst. Durch diese hemmende Aktivität „fühlen wir uns schlecht“, etwa ängstlich, gestresst oder reizbar, erläuterte Khom.

Stress ist zunächst „etwas Positives“

Stress sei „zuerst etwas Positives“, betonte die Professorin vom Department für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Wien. Dieser mache ängstlich, wachsam und vorsichtig. Experimente zeigten nun deutliche Geschlechterunterschiede. Im weiblichen Gehirn ist das Substanz-P/Neurokinin-1-Rezeptor-System in der zentralen Amygdala bereits ohne Alkohol aktiv und verstärkt dort die hemmende neuronale Aktivität.

Dieses Video könnte Sie auch interessieren

Im männlichen Gehirn zeigt dieser Mechanismus ohne Alkoholkonsum dagegen kaum Aktivität. Erst durch akuten Alkoholeinfluss wird das System stark aktiviert – also „eingeschaltet“ – und verstärkt ebenfalls die hemmende Aktivität in der zentralen Amygdala. Das ist eine in der Wissenschaft bisher nicht beschriebene geschlechtsspezifische Funktion dieses Mechanismus.

Weibliches Gehirn empfindlicher auf Stress

„Es gibt verschiedene Stress-Systeme“, berichtete Khom. Diese sei bisher relativ wenig untersucht worden. Generell sei bekannt, dass das weibliche Gehirn empfindlicher für Stress ist und diesen besser aufnehmen und besser darauf reagieren kann. Das männliche Gehirn reagiert auf den gleichen Stress-Stimulus anders, es registriert ihn, aber als „nicht so dramatisch“ – mit Alkohol aber „ganz stark“, wie das weibliche Gehirn bereits ohne Alkoholeinfluss, erläuterte die Wissenschafterin.

„Wir wissen schon länger, dass dieses Botenstoffsystem eine zentrale Rolle bei Stress-Reaktionen und in der Entstehung von Alkoholkonsumstörungen spielt. Neu ist, dass wir nun klar zeigen können, wie unterschiedlich es im weiblichen und männlichen Gehirn organisiert ist“, erklärte Khom. „Stress gilt als ein wichtiger Risikofaktor für problematischen Alkoholkonsum. Solche biologischen Unterschiede müssen wir verstehen, wenn wir nachvollziehen wollen, warum Menschen unterschiedlich empfindlich auf Stress reagieren und warum manche ein höheres Risiko haben, eine Alkoholkonsumstörung zu entwickeln“, so die Wissenschaftlerin.

Weitere Studien zu chronischem Konsum

Die Studie liefert laut den Forschenden neue Einblicke in geschlechtsspezifische Unterschiede der Stress- und Alkoholverarbeitung im Gehirn. Auch wenn es sich um präklinische Forschung handelt, würden die Ergebnisse eine wichtige Grundlage für weitere Untersuchungen schaffen, die langfristig zu einem besseren Verständnis individueller Unterschiede in stress- und suchtbezogenen Prozessen beitragen könnten. „In zukünftigen Studien wollen wir verstehen, wie sich dieses System bei chronischem Alkoholkonsum anpasst und wie es mit anderen Stress- und Emotionsnetzwerken im Gehirn interagiert“, berichtete Khom.