„Lungenkrebs ist sicher eine der herausforderndsten Krebserkrankungen“, sagt Gudrun Absenger und sie muss es wissen. Als Onkologin an der MedUni Graz hat sie sich auf den Lungenkrebs spezialisiert und ist tagtäglich mit der traurigen Gewissheit konfrontiert, dass ein weiterer Betroffener zu spät diagnostiziert wurde und eine Heilung nicht mehr möglich ist. „Erst wenn der Tumor in der Lunge schon sehr groß ist oder er bereits in andere Organe gestreut hat, bemerken Patienten Symptome“, sagt Absenger. Das sei auch der Grund, warum nur etwa 25 Prozent der Lungenkrebsfälle in einem gut behandelbaren Frühstadium entdeckt werden. Hat der Krebs einmal Metastasen, also Tochtergeschwülste, gebildet, kann die Therapie zwar noch wertvolle Lebenszeit schenken, eine Heilung ist dann in den meisten Fällen aber nicht mehr möglich.
Rauchstopp rentiert sich in jedem Alter
Lungenkrebs ist in bis zu 90 Prozent der Fälle durchs Rauchen bedingt – und auch wenn Österreich bei Rauchverboten nachgebessert hat, sterben noch immer etwa 14.000 Menschen in Österreich jährlich an den Folgen des Tabakkonsums. Wie viel Lebenszeit Raucher an die Zigarette verlieren, zeigt eine Studie, die die Daten von insgesamt 1,48 Millionen Menschen analysiert hat: Rauchen verkürzte die Lebenserwartung in der Altersgruppe der 40- bis 79-Jährigen unter den Frauen um zwölf Jahre und bei den Männern um 13 Jahre. Sah man sich die für Raucher typischen Todesursachen an (Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegsleiden), reduzierte sich die Lebenserwartung bei den Frauen gar um 24 Jahre und bei den Männern um 26 Jahre.
Aber dieselbe Studie zeigte auch: Der Rauchstopp rentiert sich in jedem Alter, besonders, wenn man noch vor dem 40. Geburtstag aufhört. Ein Rauchstopp vor dem 40. Lebensjahr brachte die Sterblichkeit der Ex-Raucher schon binnen drei Jahren auf jene der Nichtraucher zurück. „Es gibt wohl kaum eine andere Lebensstiländerung, die so stark zur Verlängerung des Lebens beiträgt, wie ein Rauchstopp“, sagt Bernd Lamprecht, Präsident der österreichischen Gesellschaft für Pneumologie.
Screening für Lungenkrebs gefordert
Um den Lungenkrebs früher zu entdecken, plädieren Experten seit Jahren für ein Lungenscreening zur Krebs-Früherkennung. Wie könnte ein solches aussehen? Das Screening würde sich an Menschen mit klar definierten Risikofaktoren richten: Also langjährige aktive und ehemalige Raucherinnen und Raucher im Alter zwischen 50 und 75 Jahren, aber auch Menschen, die jahrelang, zum Beispiel aufgrund ihres Berufs Staub, Gasen oder Dämpfen ausgesetzt waren. Diese Personengruppen sollen routinemäßig mittels strahlungsarmer Computertomografie (medizinisch: Low-Dose-CT) untersucht werden, um ein mögliches Lungenkarzinom frühzeitig zu entdecken und behandeln zu können. „Wir wissen aus der internationalen Datenlage, dass wir durch ein solches Programm viele Menschenleben retten können“, betont auch Lungenfacharzt Lamprecht. Österreichs Lungenärzte zeigen auf, dass mit einem solchen Screening auch andere Erkrankungen der Atemwege, wie Lungenfibrose oder COPD, frühzeitig entdeckt werden könnten.
Onkologin Absenger würde sich eine solche Früherkennung, wie es sie auch für Brust- oder Darmkrebs in Österreich gibt, für die Lunge ebenfalls dringend wünschen – doch sie sieht auch die Hürden: „Dafür bräuchten wir klar definierte Versorgungspfade, denn: Das CT-Bild alleine sagt noch nicht, ob es sich bei einem Herd wirklich um Krebs handelt.“
Gibt es nach der Bildgebung einen Verdacht, müsste eine Gewebeprobe entnommen werden – ein Eingriff in den Körper, der mit Risiken verbunden ist. Und: Diese Untersuchungen müssten innerhalb der knappen Ressourcen des Gesundheitssystems stattfinden können. Gleichzeitig müsste man eine solche Früherkennung mit der Rauchentwöhnung koppeln, unterstreicht Absenger. Trotz dieser Hürden ist die Expertin zuversichtlich, dass es Österreich schaffen wird, ein Lungenkrebs-Screening zu etablieren.
Immuntherapie brachte Durchbruch
In der Zwischenzeit hat auch die medizinische Forschung aufgeholt und dank neuer Therapien ist es möglich, den Lungenkrebs heute viel besser zu behandeln: „Die Immuntherapie hat für einen echten Durchbruch gesorgt“, erklärt Absenger. Lungenkrebs sei eine der Krebsarten, die besonders gut auf die Immuntherapie ansprechen – daher werden mittlerweile die meisten Patienten mit einer Kombination aus Chemo- und Immuntherapie behandelt. Bei vielen Patienten könne man damit sehr gute Erfolge erzielen: Die Fünf-Jahres-Überlebensraten sind dadurch von rund 12 Prozent im Jahr 2015 auf rund 24 Prozent im Jahr 2022 gestiegen. „Doch leider wirkt die Therapie nicht bei allen Betroffenen“, fügt Absenger an. Auch zielgerichtete Therapien kommen für manche Patienten mit Lungenkarzinom und speziellen Mutationen im Tumor in Frage.
Was die Krebsspezialistin außerdem mit großer Sorge beobachtet: „So viele junge Menschen verwenden Vaping-Produkte oder E-Zigaretten, das kann der Einstieg in eine lebenslange Sucht sein.“ Außerdem gebe es bisher noch keine Daten dazu, welche Langzeiteffekte diese Produkte haben. „Jeder Schadstoff, der in die Lunge gelangt, reizt das Gewebe und hat dort eigentlich nichts verloren“, sagt Absenger. In Bezug auf diese Vaping-Produkte befürchtet sie: „Es könnte ein unangenehmes Erwachen geben.“