Es beginnt harmlos, mit Schwimmen im See. „In a Lake“ ist der erste Song auf „Nothing‘s About To Happen To Me“, dem neuen Album der japanisch-amerikanischen Musikerin Mitski Miyawaki, meist nur Mitski genannt. Sie beschwört die Natur, den blauen Himmel, das Rückschwimmen; das Lied ist ein schöner Country-Schunkler, das Akkordeon ächzt gemächlich, doch zwischen den Zeilen lauert schon die Gefahr. Ein Leben in einer Kleinstadt sei nichts für sie, singt Mitski. Dafür habe sie zu viele Fehler in ihrem Leben begangen. Am Ende dann explodiert der Song, wird lauter, das Idyll ist vorbei, zerbrochen.

Diese Mischung aus süßen Melodien, meist zerbrechlich und hochdramatisch, und schroffen Rockklängen ist ein Markenzeichen der Musikerin, die 1990 in der Präfektur Mie, Japan, als Mitsuki Laycock geboren wurde. Ihre Mutter ist Japanerin, der Vater Amerikaner. Dessen Job im US-Außenministerium brachte es mit sich, dass Mitski, wie später ihr Künstlername lauten sollte, in vielen Ländern aufwuchs, bevor sie sich in New York niederließ. Das ständige Reisen, die Heimat- und Rastlosigkeit wird sich später auch in ihren Songs niederschlagen.

Auch ihr musikalischer Werdegang ist eine Reise durch sehr verschiedene Sound-Landschaften. Anfangs klingen ihre Alben noch sehr nach Kammer-Pop mit filigranen Piano- und Streicherarrangements, ab dem Album „Bury Me At Makeout Creek“ setzt sich kratziger Gitarrenrock durch und Mitski wird bald zum Darling der Indie-Szene. Der Durchbruch kommt dann schließlich mit „Puberty 2“, auf dem Mitski ihren Chamber-Pop mit wilden Gitarrenausbrüchen und elektronischen Klängen vereint. Plötzlich taucht sie auch in den Feuilletons auf, wird zum Social-Media-Hype und zum „Sad Girl“ der Generation Z, das das Gefühl der Unzugehörigkeit und die Hürden des Erwachsenwerdens auf hohem musikalischen Niveau auf den Punkt bringt. Mit dem nächsten Album „Be The Cowboy“ katapultiert sich Mitski in den Pop-Mainstream, ihre Songs bleiben aber lyrische Meisterstücke.

Mit ihrem aktuellen Album beweist Mitski, dass Breitenwirksamkeit und Qualität einander nicht ausschließen. Es ist ein loses Konzeptalbum, in dem es um Katzen, das Handy und den Tod geht. Schauplatz ist ein surreales Spukhaus. Die Schönheit der Songs ist oft schmerzhaft, die Narrative sind unberechenbar. Wie das Schwimmen im See. Oben der blaue Himmel, unten gefährliche Strömungen.

Auf „Nothing‘s About To Happen To Me“ verbindet Mitski den akustischen Sound und die Orchestertöne des Vorgängers mit den kratzigen, verzerrten Indie Rock-Klängen früherer Scheiben. Dazu erzählt sie die Geschichte einer Frau, die sich als Außenseiterin fühlt, während sie in ihrem Zuhause Freiheit findet. Dabei tun sich allerlei emotionale Abgründe auf. Aber das „Sad Girl“ trägt viel Widerstandskraft in sich.

Mitski. Nothing‘s About To Happen To Me. Dead Oceans.