Die Gischt des Atlantiks peitscht das Gras, der Wind fegt in Böen über die Inselerde hinweg. Dieser Flecken Erde eignet sich nicht für die Landwirtschaft. Dort, vor der rauen Kulisse der Orkney-Inseln im Norden Schottlands, ist die Literaturadaption „The Outrun“ angesiedelt, im titelgebenden Auslauf, wie „The Outrun“ übersetzt heißt. Maximal abgeschnitten von der Zivilisation, ein Paradies für Orcas, Basstölpel, Seeadler, Kegelrobben und andere Tiere. Ein Niemandsort am gefühlten Ende der Welt, dirigiert von der Natur.

Hierher kehrt Rona (Saoirse Ronan) zurück. In London war sie Post-Graduate-Studentin der Biologie, Partylöwin und Alkoholsüchtige. Sie soff sich in Trance, wusste am Morgen nicht mehr, wo und wie sie ihre Nächte verbrachte; ein Absturz folgte auf den nächsten. Ihr liebevoller Freund Daynin (Paapa Essiedu) setzte sie irgendwann vor die Tür. Rona wagt die Rückkehr an jenen Ort, wo alles anfing. Auch die Probleme mit ihren mittlerweile geschiedenen Eltern – mit der frommen Mutter Annie (Saskia Reeves) und ihrem bipolaren Vater Andrew (Stephen Dillane). Die Mutter floh einst in den Glauben, die Tochter in den Alkohol.

Nach einer Reha kehrt sie zurück in diese archaische Landschaft und zählt Wachtelkönige für die Royal Society for the Protection of Birds. Die Katastrophe tritt ein: Der Geruch von Wein lässt sie kippen, eine durchzechte Nacht ist die Folge; inklusive des Vorwurfs in den Augen der Mutter.

Saoirse Ronan torkelt sensationell mit jeder Faser ihres Körpers durch diese schwierige Reise, die ihre Figur durchmacht. Der Film berichtet eindringlich vom Kampf, aus dem Teufelskreis namens Sucht auszusteigen, mitsamt Selbstanklage, Zweifeln und Verlusten. Ronans Gesicht mutiert dabei zur Seelenlandschaft, das all ihre Ängste und Abgründe furios freilegt. Die deutsche Filmemacherin Nora Fingscheidt („Systemsprenger“) inszeniert die in Monologform verfassten Memoiren „Nachtlichter“ von Amy Liptrot beinahe als visuell rauschhaften Dialog der Protagonistin mit der Sucht – und der bestimmenden Nebenrolle der Natur zwischen Seegras-Sammeln, Robbenschreien und Sturmmusik. Ein Film, der einen fordert, aber mit all seiner schonungslosen Aufrichtigkeit auch reich beschenkt.

Bewertung: ●●●●○