Roland WeißmannWas auf den neuen ORF-Chef wartet

Eine heikle Übergabe, die Rückkehr der Gebührendebatte und eine Baustelle. Was es im ORF jetzt zu tun gilt und worauf sich das Publikum einstellen muss.

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++THEMENBILD++ ORF-WAHL 21
© APA/ROLAND SCHLAGER
 

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Feier- oder Katerstimmung, je nach Lager, wird im ORF von der Dringlichkeit der nächsten Schritte verdrängt. Nach der Bestellung von Roland Weißmann als Generaldirektor stehen eine Reihe an Veränderungen und Entscheidungen an. Auch auf die Zuschauerinnen und Zuschauer kommen Änderungen zu.

Entpolitisierung. Aufmerksam wird verfolgt werden, welche Maßnahmen Weißmann setzt, um die Unabhängigkeit des ORF zu sichern. Dazu zählen neben Personal- auch Programmentscheidungen: Keine „Lebensretter“ mehr als Hauptabendshow, keine unkommentierten Livestreams von Jugend-Parteitagen, keine Kanzler-Sondersendungen, die den Eindruck von Willfährigkeit vermitteln könnten. Äquivalenz und Diversität müssen mehr als bloß Schlagworte sein.

Personal. Der multimediale Newsroom soll 2022 schrittweise in Betrieb genommen werden. Er vereint Radio, Fernsehen, orf.at und die ORF-Auftritte in sozialen Netzwerken wie Facebook. Alexander Wrabetz hatte vor der Wahl angekündigt, die zentralen Leitungsjobs noch selbst vor der Übergabe an seinen Nachfolger durchführen zu wollen. Gestern brachte er unter anderem Armin Wolf für eine Schlüsselposition ins Spiel.

Wolf als Digitalchefredakteur im Gespräch

Noch-Generaldirektor Alexander Wrabetz kündigte nach der Wahl-Niederlage an, in den verbleibenden vier Monaten „die Rechte der Redaktion noch besser absichern zu wollen“. Möglichkeit dazu hat er durch die anstehenden Personalentscheidungen im neuen multimedialen Newsroom: Als künftigen Digitalchefredakteur brachte er Armin Wolf ins Spiel. Dieser reagiert auf diese Ankündigung per Tweet: „Ich bin seit Jahren in der ZiB-Chefredaktion für Digitalprojekte und die erfolgreichsten Social-Media-Kanäle des ORF verantwortlich. Warum sollte sich das im neuen Newsroom ändern?“, fragt der ZiB-2-Anchorman.

Bundesländer. Mit der Entscheidung der Generaldirektion beginnt die Ausschreibung für die neun Landesdirektoren, die bis zum 16. September gefunden werden müssen. Vorgeschlagen werden sie von Weißmann, bestellt vom Stiftungsrat. Für den designierten ORF-Chef ist es die erste Möglichkeit, seinen Wahlslogan „jünger, weiblicher und diverser“ umzusetzen. Was in den Bundesländern für Freude sorgt: Der Neue kündigte an, „die Autonomie der Landesstudios auszubauen“.

Digitalisierung. Der Fernseher ist nur noch eines von vielen Geräten, um den ORF zu konsumieren. Die Struktur und Arbeitsweise im ORF wird diesem Medienwandel nicht gerecht. Weißmann kündigt plattformunabhängigeres Produzieren an, den nonlinearen Anker soll der ORF-Player bilden. Will Weißmann erfolgreich sein, muss dieser mehr als nur eine bessere TVthek sein.

Programmentgelt. Auch am sparsamen Umgang mit Ressourcen wird der neue ORF-Chef gemessen werden. Eine Gebührenerhöhung oder „Gebührenanpassung“, wie Weißmann es nennt, dürfte kommen. Damit steht auch eine neue GIS-Debatte bevor. Im Vorjahr nahm der ORF 645 Millionen durch Gebühren ein.

Jugend. Weißmann hat angekündigt, das junge Publikum zurückzuholen. Er versprach „neue Inhalte“, die „in erster Linie über Drittplattformen und soziale Medien verbreitet werden“. Ein eigenständiges Angebot wie „Funk“ schloss er aus finanziellen Gründen aus.

Presseschau

Dass die Kurz-Regierung, die auf präzise Message-Control setzt und dafür bekannt ist, wahlweise mit direkter Kritik oder mit hohen Anzeigenbudgets unverhohlenen Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen, sich zurückhalten würde, damit hatte ohnehin niemand gerechnet.
Süddeutsche Zeitung

Dieses Mal wurde die Stellenausschreibung auch international veröffentlicht. Doch dass ein Ausländer zum Zug kommt, ist dabei eher Wunschdenken. Schließlich wäre ein Deutscher oder Schweizer wohl ein unkalkulierbares Risiko für die hiesige Politik.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Dass sich sämtliche Räte, die einer der Regierungsparteien zumindest nahestehen, für denselben Kandidaten entschieden haben, ist wohl Beleg dafür, dass es politische Absprachen gegeben hat.
Salzburger Nachrichten

Der ORF gehört allen Gebührenzahlern, nicht den politischen Parteien. Eine ,Wahl‘ wie diese sollte es nicht mehr geben.
Die Presse

Die einen nennen das einen ,politischen Durchmarsch der ÖVP‘. Die anderen kontern, die SPÖ solle sich nicht aufpuddeln, sie habe als Kanzlerpartei auch nicht anders agiert.
Kurier

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