Der ORF ist Ziel einer koordinierten Hasskampagne in sozialen Medien geworden. Wie eine aktuelle Analyse des ORF zeigt, stecken dahinter offenbar organisierte Bot-Netzwerke, die gezielt Desinformation und Hetze verbreiten. „ORF defacto“ hat zuletzt mit Hilfe eines eigenen Programms mehr als sechs Millionen Kommentare der letzten vier Jahre unter den Postings der Zeit im Bild auf Instagram analysiert. Accounts, die über einen längeren Zeitraum immer wieder zur selben Zeit Ähnliches oder gar Identes posten und das auch noch mit hoher Frequenz, ergeben ein Netzwerk. Das auffälligste davon hat ORF defacto näher untersucht.

Ausgangspunkt der Erkenntnisse ist eine umfangreiche Untersuchung von mehr als sechs Millionen Kommentaren. Diese zeigt, dass zahlreiche Beiträge nicht von echten Nutzerinnen und Nutzern stammen, sondern automatisiert erstellt wurden. Die Bots agieren dabei koordiniert und posten in kurzer Zeit große Mengen an Inhalten. 

Betroffen ist unter anderem der Instagram-Auftritt der Nachrichtensendung „Zeit im Bild“. Dort häufen sich laut Analyse aggressive, teils antisemitische und stark polarisierende Kommentare.

Stimmungsmache und Verunsicherung

Expertinnen und Experten sehen in der Kampagne ein klares Muster: Die Beiträge sollen gezielt Emotionen schüren und das Vertrauen in etablierte Medien untergraben. Häufig würden identische oder sehr ähnliche Inhalte von unterschiedlichen Accounts verbreitet – ein typisches Zeichen für automatisierte Netzwerke. 

Und die Hintermänner seien äußerst schwierig zu identifizieren, sagt Bernhard Gander, juristischer Hauptreferent im Bundeskriminalamt: „Die Tätergruppen machen vor Länderschranken keinen Halt. Für die gibt es nicht die nationale Zuständigkeit, die wir haben, sondern für die gilt: Der Raum ist unserer und wir operieren europaweit, international, wo auch immer.“

„Neue Dimension“

Die Extremismusforscherin Julia Ebner spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen Dimension digitaler Einflussnahme. Bot-Netzwerke seien mittlerweile in der Lage, Debatten gezielt zu manipulieren und künstlich zu verstärken: „Gesteuerte Bots sind eine große Gefahr für die öffentliche Meinungsbildung.“ Auffällig sei, dass durch Bots vor allem sehr radikale Inhalte verbreitet werden, die eine Spaltung der Gesellschaft bewirken sollen oder „demokratische Institutionen ins Wanken bringen sollen“, beschreibt Ebner die Intention der Bots. 

Andere, wie Influencer oder Verkäufer eines Produkts, wollen durch Zugriffe finanziell profitieren. Sprechen darüber will keiner der Nutznießer. Eine Influencerin räumt ein, testweise Kommentare bei einer Firma in der Türkei gekauft zu haben. Recherchen zeigen, dass vor allem in diesem Land zahlreiche Anbieter Social-Media-Interaktionen wie Likes oder Follower verkaufen, um Reichweite künstlich zu erhöhen und Accounts sichtbarer zu machen. Ein größerer Anbieter bietet 500 Kommentare für 36 Dollar (etwa 31 Euro) an. 

Medienkompetenz wird entscheidend

Für die User bedeutet das vor allem eines: Vorsicht im Umgang mit Inhalten in sozialen Netzwerken. Nicht jeder Kommentar spiegelt eine echte Meinung wider - oft steckt ein automatisiertes System dahinter.