Die Debatte über den Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-Chef geht weiter. Der Ex-Generaldirektor, der sich mit Vorwürfen einer Mitarbeiterin konfrontiert sah (die er zurückweist), hat nun eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft einbringen lassen. Eine rechtliche Prüfung habe den Verdacht eines strafbaren Verhaltens mehrerer Personen ergeben, sagt er. Weißmanns Rücktritt und die Bestellung von Radio-Direktorin Ingrid Thurnher als interimistische Generaldirektorin prägen weiterhin die Nachrichten. Doch diese Zäsur sollte die Probleme des ORF nicht überdecken. Denn der Küniglberg ist ein Berg an ungelösten Baustellen.

Die grundlegendste Frage lautet: Wie kann der ORF in einer neuen Medienwelt relevant bleiben? Denn die Herausforderungen sind nicht aufschiebbar. Der digitale Umbau des ORF etwa verläuft nicht ohne Brüche. Streamingangebote sind vorhanden, aber zu wenige und strategisch nicht klar ausgerichtet. Inhalte werden weiterhin aus der Logik des linearen TV-Programms entwickelt. Das führt zu einem hybriden System, das für das Publikum schwer nachvollziehbar ist. Im Vergleich zu Netflix oder YouTube wird dieser Unterschied besonders sichtbar, weil dort Produktion, Distribution und Nutzeroberfläche aus einer digitalen Perspektive gedacht werden. Der ORF hingegen hat bestehende Strukturen und muss zusätzlich neue aufbauen – das macht die Transformation komplex und langsam.

Grundlegende Verschiebung des Wettbewerbs

Dazu kommt eine Verschiebung des Wettbewerbs – und sie ist grundlegend. Der ORF konkurriert nicht mehr mit Fernsehsendern, sondern mit globalen Plattformen. Diese funktionieren nach anderen Prinzipien: Sie sind schneller, datengetrieben und international. Der ORF kann diese Logik nicht übernehmen, ohne seinen Auftrag zu verändern, wird aber zunehmend an diesem Umfeld gemessen. Besonders sichtbar wird das bei jungen Zielgruppen. Für sie beginnt Mediennutzung nicht mehr mit der Frage, welcher Sender etwas zeigt, sondern damit, was ihnen vorgeschlagen wird. Ein Video, ein Interview oder ein Reel erscheint auf TikTok im Strom weiterer Inhalte – ausgewählt durch Algorithmen. Der ORF verliert damit seine Rolle als Zugangspunkt und wird Teil eines Systems, das er nicht kontrolliert.

Dazu kommt die immer schwierigere Finanzierung. Mit dem ungeliebten ORF-Beitrag wurde zwar eine planungssichere Einnahmebasis geschaffen, doch die Konfliktlinie verschiebt sich. Es geht nicht mehr darum, ob der ORF finanziert werden soll, sondern wofür. Damit entsteht ein Legitimationsdruck, auf den der ORF bislang keine überzeugenden Antworten gibt. Er ist nur teilweise vom Markt abhängig, dafür stark von öffentlicher Akzeptanz.

In der Struktur selbst liegt ein weiteres Problem. Der ORF ist finanziell stabil, aber organisatorisch kaum beweglich. Hohe Fixkosten, gewachsene Strukturen, parallele Systeme und Spardruck binden nahezu alle Ressourcen. Der Betrieb klassischer Programme für immer weniger Konsumenten läuft weiter, während gleichzeitig in digitale Angebote investiert werden muss. Das verlangsamt die Anpassungsprozesse spürbar.

Dazu kommen technische Defizite. Der ORF investiert erhebliche Mittel in hochwertige Inhalte wie Sportrechte. Gleichzeitig erfolgt die digitale Ausspielung oft nicht auf Ballhöhe. Während Full HD oder sogar UHD beim Mitbewerb üblich sind, spielt der ORF oft nur in HD (720p) aus – ein deutlich sichtbarer Unterschied.

Derzeit beurlaubt: Ex-ORF-General Roland Weißmann
Derzeit beurlaubt: Ex-ORF-General Roland Weißmann © APA

Am deutlichsten wird die Lage jedoch in der Wahrnehmung als Institution. Über Jahrzehnte hinweg war klar, wofür der ORF stand: als zentraler Anbieter von heimischer Information, Unterhaltung und Orientierung. Diese Eindeutigkeit ist heute weniger ausgeprägt. Der ORF erfüllt zahlreiche Funktionen, doch diese Vielfalt erschwert die Zuschreibung. Für unterschiedliche Teile des Publikums steht er für Unterschiedliches. Das ist kein Imageproblem, sondern eine Frage der Bedeutung. Öffentlich-rechtliche Medien sind auf Akzeptanz angewiesen. Sie müssen als Institution wahrgenommen werden. Wird dieser Platz unscharf, verändert sich auch die Beziehung zum Publikum. Der ORF wird zwar genutzt, aber nicht mehr in derselben Selbstverständlichkeit. Er ist präsent, aber nicht mehr so prägend.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Konzentration auf Personalfragen verkürzt. Sie kann einzelne Entwicklungen beeinflussen, löst aber keine der grundlegenden Fragen. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, die Widersprüche zu klären. Der Platz an der Spitze ist wichtig. Entscheidend ist aber eine andere Frage: Funktioniert dieses System überhaupt noch, wie es soll?