Die Anforderungen sind überschaubar. Zumindest nach der offiziellen Ausschreibung, die 2021 zur Wahl von Roland Weißmann zum ORF-Generaldirektor geführt hat. Demnach braucht es nicht viel, um Österreichs größtes Medienunternehmen zu leiten: Es reicht ein „Nachweis entsprechender Vorbildung oder einer fünfjährigen einschlägigen oder verwandten Berufserfahrung“ sowie „Kenntnisse über Unternehmensführung, elektronische Medien sowie über die rechtliche Stellung und die Aufgaben des ORF“.

Die Ausschreibung für den Top-Job kommt mit wolkig formulierten Sätzen aus. Ein bestimmtes Studium war da ebenso wenig Voraussetzung wie genau definierte Berufserfahrung. Die Botschaft zwischen den dürren Zeilen der Ausschreibung: Wer geeignet ist, entscheidet ohnehin die Politik.

Roland Weißmann ist zurückgetreten
Roland Weißmann ist zurückgetreten © APA / Eva Manhart

Zumindest das sollte sich 2026 nicht wiederholen. Denn eine noch zu beschließende Gesetzesnovelle soll mehr Zeit für die Ausschreibung lassen und auch die Ausarbeitung eines genauen Kriterienkatalogs für die Bestellung des ORF-Direktoriums vorschreiben. Auch die Abwahl des ORF-Chefs soll neu geregelt werden. Schafft die Bundesregierung rechtzeitig das Gesetz, gilt dieses auch schon bei der Neuausschreibung der ORF-Generaldirektion am 1. Mai dieses Jahres. Amtsinhaber Roland Weißmann war am Sonntag nach Vorwürfen der Belästigung, erhoben durch eine Mitarbeiterin, zurückgetreten. Er bestreitet die Anschuldigungen.

Aber was muss ein Manager oder eine Managerin eines Milliardenkonzerns eigentlich wirklich können? Headhunterin Agnes Schaumann sieht gegenüber der Kleinen Zeitung die Schlüsselqualifikation darin, „die Vision zu entwickeln, wie die Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks am besten für das digitale Zeitalter zu übersetzen ist.“. Dazu brauche es öffentlich-rechtliches Bewusstsein, internationale und nationale Vernetzung, Erfahrung im Innovationsmanagement und bei Transformationsprozessen sowie starke Kommunikation und Stakeholdermanagement nach innen und außen.

Ein unmöglicher Job

Tatsächlich ist der Job fast unmöglich. Denn das Haus ist mitten in einer schmerzhaften Transformation ins Streaming-Zeitalter sowie in umfassenden Sparmaßnahmen, die die Politik im Zuge der Haushaltsabgabe eingefordert hat. Der nächste Generaldirektor des ORF muss daher mehr sein als ein Medienmanager. Der ORF ist keine Plattform unter vielen, sondern eine Institution der demokratischen Öffentlichkeit, die auch öffentlich finanziert wird. Wer ihn führt, muss Bewusstsein für das Privileg dieser Situation haben und willens sein, Kooperationen mit privaten Medien zu suchen. Zudem muss er oder sie eine angstfreie, nichtdiskriminierende Betriebskultur schaffen können, in der journalistische Arbeit ohne Druck und ohne ideologische Engführung möglich bleibt.

Gleichzeitig braucht die Person ein klares Verständnis der Plattformökonomie: Aufmerksamkeit funktioniert heute völlig anders als vor 15 Jahren. Wie Inhalte zirkulieren, hängt heute vor allem von globalen US-Konzernen ab. Gefragt ist ein Balanceakt zwischen Tradition und Innovation sowie eine empathische Persönlichkeit: jung genug, um auf der Höhe der Zeit zu sein, aber alt genug, um Gravitas und Gelassenheit auszustrahlen.

Alle wollen etwas

Der ORF kommuniziert tagtäglich mit außergewöhnlich vielen Gruppen, die Unterschiedliches von ihm erwarten. Der nächste Generaldirektor muss sich mit allen austauschen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso im Blick haben wie Bürgerinnen und Bürger, dazu Wirtschaft, Kultur, Sport, Politik und nicht zuletzt den Stiftungsrat.

Gesucht ist daher eine verbindliche Persönlichkeit, die über politische Lager hinweg respektiert wird. Idealerweise auch eine publizistische Persönlichkeit – etwa in der Tradition von Gerd Bacher. Jemand, der sich nicht fürchtet und groß denken kann. Gleichzeitig muss diese Person immun gegen den klassischen Machtrausch sein, der große Institutionen manchmal befällt.

Wer an der Spitze des ORF steht, sollte inhaltlich sattelfest sein: in Politik und Wirtschaft ebenso wie in Sport und Kultur. Wer ihn führt, sollte zumindest eine Ahnung davon haben, wie Film, Theater, Literatur und Kunst funktionieren – und vor allem schon einmal gezeigt haben, dass er oder sie innovative Projekte tatsächlich umsetzen kann.