Als Gerda Fröhlich beschloss, sich als Intendantin des Carinthischen Sommers zurückzuziehen, schlug sie dem Verein Thomas Daniel Schlee als ihren Nachfolger vor. Der Komponist, Organist und Musikmanager übernahm dann auch tatsächlich als ihr „Wunsch- und Idealkandidat“ die Intendanz. Nun ist der gebürtige Wiener nur wenige Tage nach dem Tod von Gerda Fröhlich 68-jährig gestorben.

Geboren wurde Schlee als der ältere von zwei Söhnen des österreichisch-deutschen Musikwissenschaftlers, Theaterwissenschaftlers und Musikverlegers Alfred Schlee (1901–1999). Thomas Daniel Schlee studierte in den Jahren von 1976 bis 1983 an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Orgel bei Michael Radulescu sowie Harmonielehre und Kontrapunkt bei Erich Romanovsky, parallel dazu auch Musikwissenschaften und Kunstgeschichte. Von 1977 bis 1978 war er außerdem Hörer in der Kompositionsklasse von Olivier Messiaen am Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris. Schlee arbeitete als Musikdramaturg am Salzburger Landestheater, von 1990 bis 1998 war er Musikdirektor des Linzer Brucknerhauses, 1998 bis 2001 Präsident der Guardini Stiftung Berlin, ab 1999 stellvertretender Intendant der Internationalen Beethovenfeste Bonn.

carinthischer sommer, gerda fröhlich mit thomas daniel schlee
Thomas Daniel Schlee mit Gerda Fröhlich © Gert Eggenberger/CS

Beim Carinthischen Sommer war er schon als Jugendlicher erstmals zu Gast: „Mich hat mein Vater das erste Mal nach Ossiach geführt zu einem Kurs von Anton Heiller. Ich war, glaub ich, 14. Damals hatte die Orgelmusik eine ganz bedeutende Rolle beim Carinthischen Sommer, in Wien wusste jeder Musikfreund Bescheid über dieses neue Festival, das war unbeschreiblich.“ 1981 wurde seine „Kleine Suite op.5“, 1983 sein 1. Streichquartett beim Carinthischen Sommer uraufgeführt. 2001 war ihm bei diesem Festival ein Komponistenporträt mit zwei Uraufführungen gewidmet.

Als Intendant war Schlee im Jahr 2004 mit „sanften und sehr wohl überlegten Erneuerungen“ angetreten mit besonderem Schwerpunkt auf der Kirchenoper. In seinem ersten Jahr etwa zeigte er „Das Martyrium des heiligen Magnus“ vom Composer in Residence Peter Maxwell Davies – der Brite war damals gerade von der Queen zum Hofkomponisten ernannt worden. Schlee selbst steuerte im Jahr 2007 seine Kirchenoper „Ich, Hiob“ zum Festival bei. Als Intendant ging es ihm weniger um große Namen, als um kluge Programmierung, denn für ihn hatte der Carinthische Sommer auch einen Bildungsauftrag. Oder, wie er es einmal formulierte, das Festival habe „nicht die Funktion eines Gewürzes, sondern eines Grundnahrungsmittels.“ Von der Kirchenoper musste er sich schließlich aufgrund „massiver Subventionskürzungen“ verabschieden – die letzte Uraufführung war im Jahr 2012 Bruno Strobls „Sara und ihre Männer“.

Untermieter

Besonders schwierig wurde es nach der Gründung der Carinthischen Musikakademie. „Nachdem der Carinthische Sommer vom Mieter zum Untermieter degradiert worden ist, waren wir bei jeder Neuverhandlung beziehungsweise Verlängerung des Mietvertrages in Stift Ossiach mit neuen Absurditäten konfrontiert“, erinnerte er sich einmal in einem Interview. Als Schlee nach internen Konflikten drohte, den CS nach Villach zu verlegen, zog der eigene Vorstand nicht mit, 2015 trennte man sich im Streit um neue Förderverträge, die nach Schlees Ansicht seine Entscheidungsfreiheit als Intendant eingeschränkt hätten. Ihm folgte bekanntlich Holger Bleck nach.

Schlee wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2010 mit dem Österreichischen Kunstpreis für Musik. Auf eine sehr persönliche Weise verbinde er „in seinem Schaffen musikästhetische Positionen von Gegenwart und Vergangenheit ebenso wie beispielsweise französische und österreichische Einflüsse, Geistliches und Weltliches. Diese geistige Weite seines Zugangs macht sein Schaffen gleichzeitig aktuell wie auch zeitlos“, urteilte damals die Jury. Sein kompositorisches Œuvre umfasst Werke für Orchester, Ensembles, Vokal- und Instrumentalmusik, wobei der Tonsetzer bis zuletzt an neuen Werken gearbeitet hat. Er selbst sagte einmal in einem Interview: „Es bekümmert mich auch gar nicht, wie bedeutend das ist, was ich schreibe. Nein: Ich komponiere zu meinem Vergnügen und das ist eigentlich alles, was ich brauche.“

„Ist erschütternd“

Nadja Kayali, Intendantin des Carinthischen Sommers, würdigt Thomas Daniel Schlee mit den Worten: „Dass wir innerhalb weniger Tage zwei bedeutende Menschen des österreichischen Kulturlebens und insbesondere des Carinthischen Sommers verlieren, ist erschütternd. Wir sind sehr betroffen, dass mit Thomas Daniel Schlee ein großer Komponist von uns ging, der auf Basis seiner umfassenden Kenntnisse erlesene Programme beim Carinthischen Sommer gestalten konnte, die international große Beachtung fanden. Wir werden ihn und sein Wirken stets in bester Erinnerung behalten.“