In den „Letzten Tagen der Menschheit“ liest uns Karl Kraus die Leviten. Und Dušan David Pařízek (Regie und Bühne) haut sie dem Publikum bei der Premiere auf der Pernerinsel mit einem großartigen Ensemble treffsicher um die Ohren. Was die Koproduktion von Salzburger Festspielen und Burgtheater aus dem rund tausendseitigen Monumentalwerk mit mehr als 200 Szenen in dreieinviertel Stunden (inklusive Pause) herausdestilliert, ist eine beklemmend dichte Collage über die Verblendung, Verrohung und Verdummung der Menschheit.

Sprache als wichtigster Hauptdarsteller

Die Sprache ist hier neben nur sieben Schauspielerinnen und Schauspielern der wichtigste Hauptdarsteller. Dialekte vom breitesten Wienerisch bis zum Norddeutschen, Schweizer Zungenschlag und Soldaten-Jargon, Kanzleisprache und kindliches Gegreine gehen dem Ensemble teils weihevoll, teils zunehmend hysterisch von den Lippen. Paradebeispiel ist dabei Marie-Luise Stockinger als legendäre und lautstarke Reporterin Alice Schalek, die als mediale Kriegstreiberin durch das Stück führt. Mit einer Kamera erzeugt sie Live-Bilder, die auf einem aufklappbaren Riesen-Kubus als zentralem Bühnenelement übertragen werden. Sie schimpft, schmeichelt, keift und dreht den Interviewten die Worte um Mund um.  

Worte, die verharmlosen oder zerstören, manipulieren und ausgrenzen, kennzeichnen die Kriegsrhetorik, die Karl Kraus anprangert und die auch zunehmend die Sprache der Gegenwart mit ihrer Dauerberichterstattung und sozialen Medien kennzeichnet. Die Analogien von damals zu heute sind beklemmend offensichtlich und werden in der Bühnenfassung des Regisseurs gelegentlich mit Anspielungen auf das aktuelle Zeitgeschehen akzentuiert. Der Holzhammer ist in dieser Inszenierung nicht nötig, es reichen Text und Schauspielkunst der Darsteller, um sich am aufkeimenden Lachen zu verschlucken.

Peter Fasching (Musik und Videodesign) illustriert die gesprochenen und gesungenen Passagen mit akustischen Donnerschlägen und Alphornklängen, Felix Rech als Geistlicher fordert „mehr Stahl ins Blut“ und schenkt dem großartig grantelnden Patrioten Branko Samarovski einen Rosenkranz, der aus Waffenresten geschmiedet ist. Elisa Plüss steht als Kommentator „Fackel-Kraus“ und schweizerdeutscher Nörgler meist am Rande und bedient zusätzlich den Overhead-Projektor, mit dem verblüffende Schattenspiele erzeugt werden.

Angeführt wird das spielfreudige Ensemble von den Burgtheater-Stars Michael Maertens und Dörte Lyssewski. Er ist der deutsche Politiker Sigmund Schwarz-Gelber (der auch im Original, aber seltener vorkommt). Die treibende Kraft hinter ihm ist die sprachgewaltige Dörte Lyssewski als seine Ehefrau, eine Schauspielerin und Mutter, die bedauert, nur ein Mädchen und einen noch nicht wehrpflichtigen Sohn zu haben. Die beiden verkörpern jene Gesellschaft, die den Krieg abseits der Front zwischen Diplomatie und Pseudo-Wohltätigkeit erleben. Es sind ihre oft in Karikaturen überzeichneten Szenen, die den Theaterabend zusammen und die Konzentration im Publikum wach halten.

Vorhang auf, Vorhang zu

„Ist es schon aus?“ Als eine halbe Stunde vor Schluss plötzlich der Vorhang fällt und verfrühter Applaus einsetzt, wundern sich die Zuseherinnen nur kurz. Denn es geht mit Vorhang auf, Vorhang zu und kurzen Monologen weiter. Der Epilog liefert viel Stoff zum Nachdenken: „Was empfinden Sie jetzt?“ fragen die Schauspieler da mehrfach. „Am Anfang war das Wort, am Ende ist die Phrase.“ Wer erinnert sich nicht an Helmut Qualtingers legendäre Interpretation dieses als Lesedrama geschriebenen Antikriegsstückes? Auch die frenetisch applaudierenden Premierenbesucher dürften die Worte von Karl Kraus noch lange in Erinnerung behalten.