Musiktheaterprojekte werden jahrelang im Voraus geplant, nun ist es aber so, dass das „Kriegsrequiem“ durch den Überfall Russlands auf die Ukraine eine neue Dimension erhalten hat. Wie hat sich diese Aktualität ausgewirkt?
LORENZO FIORONI: Die Ereignisse in der Ukraine beschäftigen uns jeden Tag, schon deshalb, weil wir Ukrainer in den Ensembles haben. Aber das Projekt ist schon vier Jahre in Planung, durch die Pandemie hat sich die Realisierung verzögert. Das Konzeptionelle hat sich durch den Krieg in der Ukraine nicht verändert, es hat davor genauso Kriege gegeben. Natürlich hat sich die Dringlichkeit des Stücks noch einmal verstärkt. Während der Proben haben wir sehr emotionale Momente gehabt.

Das „War Requiem“ ist 1962 in der Kathedrale von Coventry uraufgeführt worden. Was hat Sie am Werk interessiert?
Das Stück hat eine große emotionale Wucht. Aber in dem Stück gibt es auch Theatralik. Es sind zwei Stücke in einem: Es ist ein Requiem nach traditioneller lateinischer Liturgie, und dann gibt es noch die Kriegsgedichte von Wilfred Owen. Die liturgische Form, das ist der vorgegebene Ritus, der hilft, mit den Grauen und den Opfern des Krieges umzugehen. Man schafft dadurch eine Distanz zum Geschehenen, was überhaupt nicht negativ gemeint ist. Es gibt diese fixen Abläufe, wo dann auch von Hoffnung auf ein ewiges Leben gesprochen wird.

Und dann gibt es den subjektiven Ausdruck von Owen.
Das ragt wie ein Keil in das Stück hinein. Er bringt den individuellen Ausdruck, den Schmerz des Betroffenen, der den Krieg real erlebt hat, hinein. Das konterkariert den lateinischen Text und stellt ihn auch infrage. Wenn der Chor singt, dass Gott groß ist, und für die Sterbenden die Glocken erklingen, antwortet er, es gibt keine Glocken, sondern nur das Rattern der Geschütze und Gott ist auf den Schlachtfeldern abwesend. Die beiden Männer, die diese Texte singen, sind wie Störenfriede, die gegen die Stimmung der Liturgie rebellieren.