Natürlich, es gibt die Traviata und die Turandot, die Carmen und Tosca, die Medea und die Manon, aber es gibt vermutlich keine Frau der gesamten Opernliteratur, in der sich die unterschiedlichsten Facetten weiblichen Daseins, Verlangen, Opferbereitschaft, Liebe, Pflichtbewusstsein, Kampf und Auflehnung dermaßen konzentrierten wie in der Norma. Weil Vincenzo Bellinis Frauenfigur alle erdenklichen Emotionen durchläuft, hat man sie auch synthetisch genannt. Natürlich kommt so ein Mensch in der Wirklichkeit nicht vor: Die gallische Priesterin Norma hat ihr Keuschheitsgelübde gebrochen und mit dem römischen Besatzer Pollione heimlich zwei Kinder bekommen. Der hat sich unterdessen in ihre Schülerin Adalgisa verliebt, die sich wiederum Norma anvertraut. Diese möchte in ihrer Verzweiflung erst ihre beiden Kinder umbringen, später sich selbst, besinnt sich aber wieder. Als sie sich im Fortlauf der Handlung auch noch von Adalgisa verraten sieht, ruft sie die Gallier zum Krieg gegen die Römer. Am Ende lässt sie einen Scheiterhaufen für eine Verräterin errichten – sich selbst. Sie geht in den Tod, der von dieser Handlung völlig überwältigte Pollione folgt ihr in den Tod.