Verbindungen bauten sich ratternd auf, Telefone klingelten laut, Schreibmaschinentasten hämmerten und die Kameras waren schwerfällig: Das war die Realität für Sportberichterstattung bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Bis am titelgebenden 5. September palästinensische Attentäter der Organisation Schwarzer September elf israelische Mitglieder des Teams als Geisel nahmen, zwei von ihnen wurden gleich in der Früh ermordet.
Und die Welt schaute dem Martyrium stundenlang daheim vom Wohnzimmer aus zu. „September 5“ erzählt nun auf packende Weise von der ersten Live-Übertragung eines Terrorangriffs. Wie es dazu kam: Ein Team des US-Senders ABC berichtete zwischen einzelnen Wettbewerben über diese Breaking News von der beengten Senderbaracke. Der junge, motivierte Producer Geoffrey Mason (John Magaro) hatte die Idee: Kabel verlängern und die Studiokamera auf den Hügel rollen. Gesagt, getan. So hatte man das Terror-Appartement im olympischen Dorf im Blick.
Der Schweizer Filmemacher (“Tides“) packt ein Stück Sport-, Medien- sowie deutsche Geschichte in einen packenden, durchgetakteten Thriller. Und er trifft eine kluge Entscheidung: Der Film mit der Tagline „Der Tag, als der Terror live ging“ bleibt nah an dem Protagonisten und seinem Chef Roone Arledge (Peter Sarsgaard) dran: an der Zeitknappheit, an all den guten und falschen Entscheidungen, den Zweifeln, dem Kampf mit der US-Zentrale – und an ethischen Debatten, was man den Angehörigen dieser Athleten zu Hause zumuten kann und darf.
Mit Bildern vom Terror werden wir 50 Jahre später überschüttet. Wie das Fernsehen sie damals produzierte – u.a. mit Einblendungsbuchstaben – und welche Blickwinkel gewählt wurden, faszinieren. Auch dank des Originalmaterials von ABC, das die Geschichte noch authentischer macht. Die Kamera bleibt großteils mit den Berichterstattenden im Sendezentrum, auch wenn es der legendäre Reporter Peter Jennings in eine Wohnung gegenüber des Terror-Appartements schaffte. Das Publikum sieht ihn nicht, hört nur seine Stimme. Die deutsche Dolmetscherin Marianne (“Lehrerzimmer“-Star Leonie Benesch) wurde als fiktive Figur hinzugefügt. Ihre Expertise – was die deutsche Sprache sowie München betrifft – verleiht der Nachkriegsgeschichte und einem Deutschland, das sich als weltoffen präsentieren wollte – zusätzliche Brisanz. Marianne steigt kurzerhand zur Außenreporterin am Flugplatz von Fürstenfeldbruck auf, wo die finalen Schüsse fallen und nebst den anderen neun Geiseln auch Geiselnehmer und Polizisten sterben. Zu sehen ist nur Filmmaterial, das sie mitbringt. Zu hören ist ihre Stimme – nachdem die Verbindung glückt.
Bewertung: ●●●●○