Das Burgtheater ist im Augenblick nicht mit Personalia oder Inszenierungen, sondern mit den kriminellen Handlungen eines Schauspielers in den Schlagzeilen. Der Schweizer Stefan Bachmann (56) hat derzeit andere Sorgen. Seine nächste Inszenierung am Schauspiel Köln hat am 25. Februar Premiere, die Vorbereitungen für seine Burgtheater-Direktion ab 2024 sind angelaufen. Die APA hat ihn in Köln zum Interview getroffen. Im Büro ein Werbeplakat: "Kiss me! Touch me! Feel me! Now!"

Herr Bachmann, vor einem Monat wurden Sie in Wien als künftiger Burgtheater-Direktor vorgestellt. Was ist seither passiert?
Stefan Bachmann: Ich habe zum Beispiel diesen Dienstag das Ensemble und die Mitarbeiter:innen des Burgtheaters getroffen. Ich habe mich ihnen im Akademietheater vorgestellt und dabei auch schon drei Leute als mein Kernteam präsentiert. Das sind mir sehr nahe Menschen, mit denen ich auch schon hier am Schauspiel Köln zusammenarbeite – deren Namen und Funktionen ich aber in der Öffentlichkeit noch nicht nennen möchte. Dieses Team wird sich natürlich erweitern, aber für die Vorbereitung, die ich weitestgehend aus Köln leisten muss, ist es gut, dass ich hier schon Mitstreiter:innen habe.

Wie warm war die Aufnahme?
Ehrlich gesagt, war ich froh, dass der Termin überhaupt stattfinden konnte, weil das Haus gerade sehr belastet ist durch die aktuellen Vorkommnisse und wie sie auf das Haus abfärben. Das ist eine schwierige Zeit für alle. Aber was uns von verschiedensten Seiten an Herzlichkeit entgegengebracht wurde, fand ich phänomenal. Ich hab gemerkt: Das ist ein Haus, das ich noch kenne – und das mich noch kennt. Obwohl seit 2018, als ich zum letzten Mal hier gearbeitet habe, schon einige Jahre ins Land gezogen sind.

Gab es auch schon ein erstes Gespräch mit Martin Kušej?
Bis jetzt ist ein Gespräch noch nicht zustande gekommen. Ich kenne ihn seit über 25 Jahren, und wir sind uns immer wieder sporadisch begegnet. Ich hoffe, dass wir in der Übergabe einen guten Weg gehen können.

Haben Sie die Causa Teichtmeister verfolgt?
Ich kenne die Vorgänge nur aus der Zeitung und werde mich hüten, von außen eine Beurteilung abzugeben. Außerdem ist es mir immer suspekt, im Nachhinein zu wissen, was man hätte tun sollen. Hinterher ist man immer schlauer.

Diese Woche kam aus Köln die Meldung, dass der Umbau der Bühnen, weswegen Sie seit Beginn Ihrer Amtszeit in provisorisch adaptierten Hallen spielen, noch teurer wird. Haben Sie sich da gedacht: Aus dieser Sache bin ich ja nun Gott sei Dank draußen ...?
Das ist ambivalent. Ich hätte das neue Haus schon gerne eröffnet, so ist es nicht. Es ist ein Schlamassel, ja, aber ich habe die Zeit hier zunehmend geschätzt. Aus diesem Baustellenunglück ist etwas ganz Kreatives und Produktives entstanden, eine dann elfjährige Ära am Rand der Stadt. Irgendwann gab es den Turnaround, als wir uns gesagt haben: Wir machen das Beste aus dieser Situation und nutzen auch ihre Vorteile. Das hat mein Verständnis von Theater tatsächlich erweitert.

Sie haben sich für das Burgtheater ursprünglich nicht beworben, sondern wurden angerufen. Trotz Ihrer erfreulichen Erfahrungen in Wien haben Sie mit der Leitung des Burgtheaters nie geliebäugelt?
Die Burg ist ein Haus, das mir zu wünschen sich für mich verboten hat. Das hat etwas mit Respekt vor der Sache zu tun. Es gibt Dinge, die wünscht man sich nicht, sondern die kommen auf einen zu. Meistens eh nicht ... Ich bin mit angezogener Handbremse in die Gespräche rein und dachte, ich bin eh' nur einer von vielen. Mit jeder Runde hab ich mehr Lust bekommen – und am Ende wollte ich es tatsächlich.

Sie haben auch in Köln Ihre Wien-Connection nie ganz aufgegeben, haben etwa den Autor Ibrahim Amir hier gespielt ...
 ... und ich habe richtig tolle "Geschichten aus dem Wiener Wald" gemacht (lacht). Ich hab mich richtig gegrämt, dass mir das – obwohl ich das Stück so mag – in Wien nicht gelungen ist. Ich glaube, dass es mir wirklich gelungen ist, das hier besser zu machen.

Ist die Produktion ein Übernahmekandidat für Wien?
Leider ist sie schon lange wieder weg vom Spielplan. Wir haben kein richtiges Repertoire aufbauen können. Wenn Stücke zwei Spielzeiten laufen können, sind sie schon sehr erfolgreich.

Das Stück, das Sie jetzt proben, käme für Wien infrage?
Ich mache jetzt "Johann Holtrop", die Uraufführung eines Romans von Rainald Goetz. Ich habe die Rechte nur deshalb bekommen, weil ihm meine Version von "Reich des Todes" so ausnehmend gut gefallen hat. Wenn das gut wird, wäre das schon ziemlich aufregend, das in Wien zeigen zu können. Wir haben ja noch eineinhalb Spielzeiten und werden natürlich jetzt genau hinschauen, was für Wien infrage käme.

Sie haben bei der Pressekonferenz gesagt, Ihnen sei bewusst: Wien ist nicht Köln. Tatsächlich könnte der Kontrast, wenn man sich hier umsieht, kaum größer sein. Welche Ihrer hier gewonnenen Erfahrungen werden Sie dennoch mitnehmen können?
Was ich hier noch einmal in besonderem Maße gelernt habe, ist die Frage der Teilhabe: Für wen bezahlen wir Bürger das Theater? Bei uns sind die Menschen, die normalerweise eher weniger ins Theater gehen, in der unmittelbaren Nachbarschaft. Wie überträgt man das ins Burgtheater, von dem ich mir auch wünschen würde, dass es sich öffnet? Gerade dieser Begriff "Burg", von dem mir gleich gesagt wurde, das heißt doch gar nicht mehr so, ist für mich interessant. Ich möchte das vermeintliche Paradox knacken und sagen können: Es ist eine zugängliche Burg!

Wien ist eine Stadt geworden, in der Deutsch neben vielen anderen Sprachen gesprochen wird. Müsste sich das nicht auch auf der Bühne abbilden?
Wir haben hier auch Aufführungen an der Schnittstelle von Schauspiel und Tanz, die auf Englisch sind und übertitelt werden. Aber das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Wir haben Beispiele in der Theaterlandschaft, wo das auf dogmatische, radikale Weise versucht wird und dabei viele Menschen wieder verloren werden. Themen, die derzeit ganz stark eingefordert werden – Diversität, Nachhaltigkeit, Inklusion, Genderfluidität – sind wichtige und tolle Strömungen, aber nicht die einzigen Themen, die es gibt. Ich habe immer schon Theatermacher bewundert, die das nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern in einer verführenden Art und Weise gemacht und so einen Wandel angestoßen haben.

Viele Wiener trauern noch immer Claus Peymann nach, der politisch Flagge gezeigt hat. Gerade heute haben wir so viele politische und gesellschaftliche Probleme wie selten zuvor. Sie gelten aber eher als Theatermacher, der mehr für Pop als für Politik steht und Theater auch als Unterhaltung sieht. Oder werden Sie sich an der Burg neu erfinden?
Man sollte sowieso das Theater immer wieder neu erfinden. Aber ich komme aus einer Generation, die das Politische durch etwas Ästhetisches abgelöst hat. Unser Clinch mit den Papas war ein ästhetischer: Wir erzählen anders, nämlich frecher, freier, unterhaltsamer ... Jetzt steht eine neue Generation vor den Toren. Ich beobachte, dass die jungen Künstler:innen extrem politisch, wenn nicht gar aktivistisch sind. Ich finde das spannend, aber mir geht da manchmal das Ästhetische dahinter verloren. Kunst ohne Ästhetik ist keine Kunst. Vielleicht muss man aufpassen, dass man Politik und Kunst nicht verwechselt. Das Theater ist immer auch eine Gegenwelt. Schönheit zu produzieren, finde ich etwas sehr Utopisches, und das kann uns auch helfen, den ganzen Herausforderungen gewachsen zu sein. Ich muss ja auch eine Liebe entwickeln zum Leben und der Welt!

Also Haltung und Unterhaltung?
Ich bin von einem hemmungslosen Pluralismus, auch persönlich gefallen mir sehr viele sehr unterschiedliche Dinge. Die Berliner Volksbühne konnte ihre Position zuspitzen, weil sie ein Piratenschiff sein konnte. Ich glaube, dass das Volkstheater so ein Piratenschiff sein kann oder vielleicht schon ist – aber die Burg kann kein Piratenschiff sein. Die Burg muss mehr abbilden – und dabei eine Balance finden zwischen Pluralismus und Gemischtwarenladen.

Die Burg gilt ja allgemein weniger als Piratenschiff denn als großer Theatertanker, der etwas behäbig und schwer steuerbar ist. Das öffentliche Interesse galt zuletzt immer wieder den Zuständen auf der Kommandobrücke. Auch in Köln gab es zu Beginn Ihrer Amtszeit Vorwürfe von Mobbing und nicht zufriedenstellenden Umgang damit. Sieht Ihr Führungsstil heute anders aus als früher? 
Bei Vorwürfen ist immer auch die Frage, wie weit sie zutreffen. Aber in dem Moment, wo man so etwas auslöst, muss man sich reflektieren. Wir erleben einen großen Strukturwandel und ich habe gelernt, dass ich mir bestimmte Dinge bewusst machen muss. Wir hatten schon damals flache Strukturen, aber was ich lernen musste, war Kommunikation: Wie wird man lesbar, transparent, berechenbar? Ich musste auch lernen, dass die Aufgabe des Intendanten sich unterscheidet von der Aufgabe des Regisseurs. Spontanität und nicht-kohärentes Handeln geht als Intendant nicht. Und zu sagen, mich interessiert Macht nicht, war ein Fehler. Wenn man sie hat, muss sie einen interessieren – denn nur dann kann man verantwortlich mit ihr umgehen.

In Ihrer Inszenierung von "Der eingebildete Kranke" steht Ihre Frau auf der Bühne, die Bearbeitung stammt von Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin. Machen Sie sich mit solchen Family Affairs nicht unnötig angreifbar? Der Bundestheater-Holding-Chef hat gleich gesagt: Beschäftigung von Familienangehörigen ist genehmigungspflichtig.
Das war durchaus auch Thema im Findungsprozess, und ich sehe das recht entspannt. Dadurch, dass es in Wien ein Reglement gibt, ist man mit dieser Entscheidung nicht alleine. Das sind alles Künstler, die ich sehr schätze. Für diese Molière-Bearbeitung sind mir einfach keine Besseren eingefallen. Hier in Köln hat sich niemand darüber aufgeregt. Aber ich bin ein lernbereiter Mensch.

Sie haben noch rund 15, 16 Monate bis zu Ihrer ersten Spielplanpressekonferenz in Wien. "Sportlich" haben Sie das genannt. Wie sieht Ihr Zeitplan bis dahin aus?
Das hängt von ein paar Parametern ab, die wir gerade lernen. Etwa: Wie viel Vorlauf hat an der Burg ein Bühnenbild? Da muss man für die ersten Stücke der Saison 2024/25 schon vor dem kommenden Sommer die Konzepte abgeben. Ich muss schon erste Entscheidungen treffen – auch, was das Ensemble betrifft. Ich hab am Dienstag versprochen, dass auch das bis zum Sommer klar sein wird.