Festivaleröffnungsteirischer herbst: Die Kraft, die unzufrieden macht

„The Way Out“: Der steirische herbst beschwor zur Eröffnung in Graz den Weg nach draußen – und dabei die Kunst als Kraft der Veränderung.

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Performance "Disorder Patrol" im Grazer Volksgarten © Danner
 

Mit einem Plädoyer für die erlösende Kraft der Künste hat am Donnerstag der steirische herbst begonnen. In ihrer Rede auf dem Europaplatz vor dem Grazer Bahnhof beschwor Intendantin Ekaterina Degot zeitadäquat die Kunst als Ausweg aus intellektueller, sozialer, politischer Enge. Nicht nur in der Sowjetunion ihrer Jugend, auch im Graz der Nachkriegszeit und aktuell in Afghanistan sichere die Kunst als einzige das „Recht, woanders zu sein, jemand anders zu sein.“

Bereits vor der Pandemie argumentierte die Intendantin vor politischen Honoratioren und Publikum, habe sich bei uns eine Haltung eingenistet, die verleite, „die Tür zur Welt für den inneren Frieden und die innere Stabilität zu schließen“. Umso mehr brauche unsere überregulierte Existenz „ Kunst, in der alles Unvorhersehbare möglich ist“. Schließlich gelinge es nur ihr, „uns unzufrieden zu machen mit den Orten, an denen wir uns befinden, und den Menschen, die wir sind“.

Die Kunst als verlässliche Kraft der Veränderung: Konsequenterweise führt „The Way Out“, der Weg nach draußen, im herbst diesmal mitten in die Stadt. Mit dem Ziel, ihre öffentlichen Plätze zu jenen politischen und sozialen Foren zu machen, die im Grazer Alltag sonst allzu oft fehlen. Das Festival zelebriert also das „Draußen“. Und es nimmt, verkündete Degot, „das aufregende ästhetische Risiko“ auf sich, „mit aggressiver Werbung, gesprächiger, überpräsenter Architektur sowie abgelenkten und ablenkenden Massen um die Aufmerksamkeit des Publikums zu streiten.“

Wie das gehen soll, zeigt Marinella Senatores Installation „Assembly“ auf dem Europaplatz: Eine Licht-Architektur in der Tradition der handgefertigten „Luminarie“, die in süditalienischen Städten Feiertage ins rechte Licht setzen – und dabei Raum und Rahmen für festliche Zusammenkünfte geben. Auch in Graz beeindruckt die Installation speziell nach Sonnenuntergang mit Hunderten bunten Glühbirnen, da wird sogar der Bahnhof instagramabel.

Sehr auffällig ist auch, ein paar Gassen weiter, Thomas Hirschhorns „Simone Weil-Memorial“ für die französische Philosophin, Mystikerin und Sozialrevolutionärin (1909-1943). Die Arbeit am Esperantoplatz spielt mit der Ästhetik improvisierter urbaner Gedenkstätten für Unfall- oder Verbrechensopfer.

Degot spricht vor versammelten Honoratioren und der Installation von Marinella Senatore am Europaplatz Foto © Danner


Die pointierteste Darbietung des Eröffnungsnachmittags bot die estnische Künstlerin Flo Kasearu mit der Performance „Disorder Patrol“ im Volksgarten. Sechs Reiterinnen in Fantasieuniformen mit grotesk großen Schirmkappen vollzogen auf riesigen Friesen-Rossen scheinbar Patrouillenrunden im Park. Eine Show, die sowohl das übersteigerte Sicherheitsbedürfnis in urbanen Räumen als auch das Selbstinszenierungsbedürfnis halböffentlicher Ordnungsmächte aufs Korn nimmt. Und, nicht zu vergessen: Von berittenen Eingreiftruppen träumten bei uns vor nicht allzu langer Zeit ja sogar höchstrangige politische Entscheidungsträger. Das ist inzwischen Geschichte. Im Volksgarten bleiben von dem Spuk immerhin Pferdeäpfel übrig.

www.steirischerherbst.at

Kommentare (1)
Ragnar Lodbrok
0
2
Lesenswert?

Was für ein prächtiger Andalusier

am Foto.