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100 Tage KulturlockdownSrećko Horvat: "Wir dürfen auf keinen Fall zur Normalität zurückkehren"

Große Teile der österreichischen Kultur befinden sich seit 100 Tagen im permanenten Lockdown. Der kroatische Philosoph Srećko Horvat über Kultur in Zeiten der Krise, über den wesentlichen Unterschied zwischen "Leben" und "Überleben" und warum wir auf keinen Fall zur Normalität zurückkehren sollten.

Der kroatische Philosoph Srećko Horvat © Oliver Abraham
 

Die Pandemie hat uns seit März 2020 im Griff, Regierungen ergreifen drastische Maßnahmen zur Bekämpfung. Große Teile der Kultur weltweit pausieren seit mehr oder weniger einem Jahr. Wie wird sich dieser Stillstand des Kulturlebens auf die Gesellschaft auswirken?

Srećko Horvat: Die Auswirkungen sind jetzt schon massiv. Angst, Einsamkeit, Depressionen: Der Lockdown und die Stilllegung der Öffentlichkeit samt der Zoomifizierung des Lebens sind zutiefst erschöpfend. Es ist sogar anstrengend, ein Theaterstück oder ein Konzert online zu verfolgen. Genau jetzt in der Pandemie erkennen wir die Relevanz von Kunst als Bedingung für eine psychisch und physisch gesunde Gesellschaft. Das gilt auch für den rein körperlichen Aspekt: andere Leute treffen, andere Körper berühren, die Spontaneität im Umgang, die verloren gegangen ist. Man bekommt ein bisschen davon im Supermarkt, während Politiker oft einmal Party machen.

Viele Kulturschaffende meinen, digitale Kunst sei kein Ersatz. Was halten Sie von digitaler Kunst?

Wir leben im 21. Jahrhundert und digitale Kunst ist Teil unseres Lebens geworden. Digitale Kunst bedeutet ja nicht, dass man etwas auf einem Bildschirm zeigt, da steckt sehr viel mehr dahinter. Es ist notwendig, Kunstformen neu zu erfinden. Wenn man sich das Phänomen der „Gamifizierung“, der „Spielifizierung“ in der Politik ansieht oder sogar die „Gamifizierung“ von persönlichen Beziehungen. Oder denken Sie an den Sturm aufs Kapitol und den Narzissmus, der auf sozialen Netzwerken herrscht. Das alles zeigt, wie ernst wir das Digitale nehmen müssen. Wenn Elon Musk so etwas wie „Neuralink“ entwickelt, bei dem das Gehirn direkt mit dem Digitalen verbunden werden soll, dann muss die Kunst hier eine wichtige kritische Rolle übernehmen.

Wie erfindet man neue Kunstformen?

Die entstehen jeden Tag, schauen Sie sich nur die Meme-Kultur an. Ich denke, die ist eine sehr wichtige Kunstform, die für das frühe 21. Jahrhundert steht, sehr politisch und oft subversiv. Und sie ist unterhaltsam.

Wird die Krise die Abhängigkeit der Kultur von Politik und Wirtschaft verstärken?

Die Wirtschaft bricht ja schon zusammen, während die Kunst bereits so stark vom Markt abhängig ist, dass sie oft schon selbst zum Markt geworden ist. Was ist also von der Zukunft zu erwarten? Es sieht nicht gut aus. Man müsste aus diesem Teufelskreis ausbrechen, die Pandemie könnte eventuell ein Katalysator für eine kreative Explosion sein.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die politische Kunst aus?

Wie bei jeder globalen Katastrophe werden wir viele Folgewirkungen erleben. Wenn der Vulkan Laki auf Island 1783 nicht ausgebrochen wäre, wer weiß, ob es 1789 die Französische Revolution gegeben hätte? Die ökologischen Folgen des Ausbruchs haben die Inkompetenz der europäischen Elite verdeutlicht. Und Kunst wurde damals eine virale Subversion des Systems.

Die Krise lässt die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinandergehen. Was können wir unter diesen Umständen dagegen unternehmen?

Wir dürfen auf keinen Fall zur „Normalität“ zurückkehren. Diese „Normalität“ war die Ursache für unsere heutigen Probleme. Wir benötigen offensichtlich eine radikale Neuordnung der Ökonomie und der Funktionsweise unserer Gesellschaft, einige kosmetische Korrekturen sind nicht genug.



Der italienische Philosoph Giorgio Agamben behauptet, dass die Pandemie und die Gegenmaßnahmen ein Beleg für seine Theorie vom „Ausnahmezustand“ seien. Die besagt in etwa, dass Macht dazu tendiert, Ausnahmezustände als neue Normalität zu installieren. Die Corona-Pandemie biete dafür eine Gelegenheit. Was halten Sie von Agambens Ansatz?

Ich habe ihn einmal getroffen, wir haben ein paar Tage im schönen Kotor in Montenegro verbracht. Er ist einer der wichtigsten Philosophen der Gegenwart, dem wir extrem viel verdanken, wenn es darum geht, Totalitarismus, Biopolitik und „Ausnahmezustände“ zu analysieren und zu verstehen. Deshalb ist es eher interessant zu sehen, wie seine „pandemischen Schriften“ rezipiert werden, und dass es nicht mehr opportun ist, ihn zu zitieren. Natürlich hat er einige problematische Dinge gesagt und liegt vielleicht falsch, aber sein Grundgedanke über unseren derzeitigen „Ausnahmezustand“ und dass das normalisierte Leben nur mehr ein bloßes Überleben ist, der hat Bestand.

Agamben klingt, merkwürdig genug, bisweilen wie ein rechter Verschwörungstheoretiker, der Corona für eine Lüge hält. Woher kommt diese Ähnlichkeit?

Ich glaube, Agamben interessiert sich nicht dafür, was Corona ist, sondern für die Folgen der Krise auf unsere sozialen Beziehungen, auf Arbeitsbedingungen, Universitäten und unser Gemeinschaftsgefühl sowie das gemeinschaftliche Leben, das über das bloße Überleben hinausgeht – ich meine etwa, sein Geld zum Supermarkt zu tragen. Verschwörungstheorien sind die Folge eines gerade ablaufenden fundamentalen Wandels. Wenn wir die Gegenwart verstehen wollen, müssen wir uns die 1920er ansehen, eine verrückte Epoche nach dem Ersten Weltkrieg und der Spanischen Grippe, mit Millionen Arbeitslosen und gedemütigten Menschen, die in den Ruinen nach einer Zukunftsperspektive Ausschau gehalten haben. Üblicherweise ist das der Nährboden für Verschwörungstheorien aller Art. So wie die Thule-Gesellschaft mit ihren Mythen und Verschwörungstheorien den Nazismus mit hervorgebracht hat, haben wir heute Verschwörungstheorien, die in absehbarer Zeit zu etwas führen könnten, was noch unheilvoller ist als der Nazismus. Warum noch unheilvoller? Weil die heutige Technologie so weit entwickelt ist, dass sie zu etwas wie einem Massenaussterben führen könnte.

In Österreich ist der Protest gegen Corona-Maßnahmen von weit rechts angeführt, und gerade rechte Machthaber wie Trump und Bolsonaro haben sich wenig um Corona-Maßnahmen gekümmert. Die Aufstände in den USA mögen zum Teil wie linke Proteste aussehen, werden aber von Faschisten angeführt. Was halten Sie von solchen Verdrehungen?

Es gibt einen berühmten Satz von Antonio Gramsci, wonach die Krise gerade darin bestehe, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum komme es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen. Österreich ist das Land Sigmund Freuds, Sie werden also nur zu gut wissen, dass er Krankheitssymptome als Folge eines Unterdrückungsvorgangs definiert. Wer diese unterdrückte Energie, das Unbewusste selbst, erkennt und nutzt, der wird die Welt beherrschen. Es ist entscheidend, nicht nur die politische Ökonomie zu verstehen, sondern auch die „Ökonomie der Triebe“, die Begierden, Ängste, Hoffnungen, das Unbewusste selbst.

Zur Person

Srećko Horvat wurde 1983 in Osijek geboren. Er lebt in Zagreb, wo er 2008 das „Subversive Festival“ gründete.
Horvat Mitglied der Bewegung Demokratie in Europa 2025.
Auf Deutsch erschienen die Bücher „Nach dem Ende der Geschichte“ (2013), „Was will Europa?“ (2013), „Radikalität der Liebe“ (2016).
Horvat war zu Gast bei Festivals wie dem Elevate in Graz und steirischem herbst. Den ersten Lockdown verbrachte er in Wien, wo er fürs Burgtheater die Reihe „Europamaschine“ kuratierte. Neuigkeiten verbreitet er über Twitter.

Buchtipp

Giorgio Agamben. An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik. Turia + Kant. 155 Seiten. 160 Euro.

Kommentare (1)
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zweigerl
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Lesenswert?

Ins Out philosophiert

Auch so kann man sich ins Out philosophieren: Die Pandemie als Symptom und nicht als Ursache der globalen Turbulenzen? Und dann auch noch das: Diese ganze Scheiße wird sich demnächst als ein prima Anlass für "eine kreative Explosion" erweisen! Wenn's hart auf hart geht, hält sich die Philosophie am besten im vorläufigen Ruhemodus und beginnt erst wieder in der Dämmerung ihren Flug. Gilt wohl auch für den Herrn Agamben, der jeden auch noch so großen Blödsinn nachgebetet bekommt.