Gegen FachkräftemangelKommt der Lehrling nicht zum Betrieb - dann kommt das Lehrlingstaxi

Manchmal ist der Weg nicht das Ziel, sondern das Hindernis. Deshalb startete man bei einem Grazer Handwerksbetrieb ein „Lehrlingstaxi“. Eine Bilanz zum Einjährigen.

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© Ballguide/Pajman
 

Hermann ist mit dem Lehrlingstaxi stets zu Diensten. Nämlich dann, wenn es den jungen Fachkräften der Handwerksmeister Roth mit Niederlassungen in Graz, Gleisdorf und Gnas an einer Mitfahrgelegenheit mangelt. Die Idee zu diesem ganz speziellen und für die Lehrlinge kostenlosen Service hatte Geschäftsführerin Jasmin Überbacher – und das nicht ganz uneigennützig. Denn die Frage der Mobilität sei leider in viel zu vielen Fällen ein Hinderungsgrund, wenn es um die Wahl der passenden Lehrstelle für den Nachwuchs geht. „Viele Eltern sagen ihren Kindern, dass sie sich lieber eine Lehrstelle in der Nähe ihres Wohnortes suchen sollen, weil es sonst Probleme geben könnte, täglich hin- und herzukommen. Deswegen entscheiden sich dann leider viele für einen Lehrplatz in der unmittelbaren Nähe, auch wenn es nicht der Wunschlehrplatz ist.“

Potenzial geht verloren

So geht Unternehmen auf der Suche nach den Fachkräften von morgen viel Potenzial verloren. „Nur weil jemand in der Stadt lebt, heißt das ja noch lange nicht, dass dort auch die perfekte Lehrstelle zu finden ist und umgekehrt“, so Jasmin Überbacher, die sich noch gut erinnern kann, wie ihre Eltern als Taxi einspringen mussten, als es um die Lehrstelle ihrer Schwester ging.

Jasmin Überbacher, Geschäftsführerin Handwerksmeister Roth Foto © Ballguide/Pajman
So entstand die Idee zum eigenen Lehrlingstaxi, das den jungen Mitarbeitern auf Abruf zur Verfügung steht. „Viele haben noch keinen Führerschein, einige haben ein Moped, aber da muss das Wetter mitspielen“, erklärt die Geschäftsführerin weiter. Deswegen machte sich Jasmin Überbacher auf die Suche nach dem perfekten Chauffeur für das Lehrlingstaxi. „Ich wollte jemanden mit Lebenserfahrung, der mit jungen Menschen gut umgehen kann und natürlich auch ein guter Fahrer ist.“

"Als ob meine Enkel auf dem Rücksitz säßen"

Nach kurzer Suche wurde sie bei Hermann Gindl fündig. Der ehemalige Lastkraftwagenfahrer ist 60 Jahre alt, hat 1,3 Millionen Kilometer am Tacho und musste das Lkw-Fahren aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen. Wird es nun zeitlich eng oder ist das Wetter schlecht, ist „Hermann“ von 5.30 bis 9.30 Uhr und ab 16.30 bis 19.30 Uhr für die Lehrlinge unterwegs.

„Die Oma und Eltern eines Lehrlings sind so froh, dass ich das Mädchen heimbringe, dass ich immer noch auf Kuchen und Kaffee reinkommen muss. Es macht schon Freude, wenn man sieht, wie dankbar die Leute sind“, erzählt der zweifache Vater und vierfache Großvater. „Mein Anspruch ist es ja auch, so zu fahren, als hätte ich meine Enkelkinder auf der Rückbank. Ich rede auch nicht viel, weil ich mich konzentrieren muss und ich große Verantwortung trage.“ Hermann Gindl hat auch vollstes Verständnis für die anfängliche „Musterung“ einiger Eltern, als er die Lehrlinge zum ersten Mal abgeholt hat. „Ich hätte meine Mädchen auch nicht bei irgendjemandem ins Auto steigen lassen, ohne genauer nachzufragen.“
Hermann Gindl, Lehrlingstaxi Foto © Ballguide/Pajman
Am Montag feiert das Lehrlingstaxi jedenfalls seinen ersten Geburtstag. Und Jasmin Überbacher sowie Eltern und die Lehrlinge selbst sind so zufrieden mit diesem Zusatzangebot, dass man mittlerweile schon eine weitere Person zur Verstärkung des Lehrlingstaxis sucht.