Raus aus dem HamsterradSoll man sein Hobby zum Beruf machen?

Raus aus dem Hamsterrad und rein ins berufliche Freizeitvergnügen? Die Gesundheitspsychologinnen Kerstin Kulterer-Prodnik und Reinhild Wallner über Vor- und Nachteile der beruflichen Sinnsuche.

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Der Satz „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“, der gern Konfuzius zugeschrieben wird, lässt auch die Ideen am Rande des Hochbeets aufblühen – sollte man nicht einfach gleich aus dem Hobby ein Business basteln?

„Hobbys machen Spaß, motivieren und wir verbringen Zeit mit Gleichgesinnten, das ist Balsam für das Emotionshirn“, sagt die Grazer Gesundheitspsychologin Reinhild Wallner, die ihre eigene Praxis betreibt und psychologische Leiterin des Talentcenters der Grazer Wirtschaftskammer ist, wo Jugendliche unter anderem Antworten auf die Frage bekommen: Wo liegen meine Stärken? Auch die Villacher Gesundheitspsychologin Kerstin Kulterer-Prodnik kann in diesem Fall nur beipflichten. „Was man gerne macht, macht man gut.“

Bullshit-Jobs

Vor zwei Jahren erschien ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Bullshit-Jobs“. Private-Equity-Manager, PR-Spezialisten oder Investmentbanker berichten darin, wie sinnlos ihre Arbeit sei.

„Ich bin Firmenanwalt. Ich trage nichts zu dieser Welt bei und fühle mich ständig vollkommen elend.“


Was nun? Zähne zusammenbeißen, Herz und Hirn auf Stand-by stellen, das regelmäßige Gehalt kassieren und durch? Besser nicht – ein Job, der weder glücklich macht noch Sinn stiftet, schlägt nicht nur aufs Gemüt, sondern hat auch körperliche Auswirkungen.

Suche nach individuellem Notausgang

„Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen oder Verspannungen sind die Folge. Außerdem war die Zahl von Burn-out-Erkrankungen, Depressionen oder Angststörungen, die auf die psychische Belastung im Berufsalltag zurückzuführen sind, noch nie so hoch wie heute“, so Kerstin Kulterer-Prodnik.

Viele schlittern in der Folge in die Krise. Und lernen daraus. „Selbstverwirklichung, ein tieferer Sinn oder Nachhaltigkeit stehen nun aber auch bei vielen bei der Arbeitsplatzwahl an vorderster Stelle“, berichtet Kulterer-Prodnik. Auch die Anzahl von Neugründungen oder innovativen Start-ups steigt seit Jahren kontinuierlich, bisher konnte nicht einmal die Corona-Pandemie diese Entwicklung akut bremsen. Viele suchen sich also schon ihren individuellen Notausgang.

Hobby als Ausweg? Jein.

Aber: Ist das Hobby die beste Exit-Strategie aus dem Hamsterrad? Jein. Schließlich muss Stricken, Tanzen, Briefmarkensammeln auch auf ökonomisch tragfähige Beine gestellt werden. „Finde ich Kunden für meine Idee? Wer ist bereit, für mein Angebot zu bezahlen? Kann ich Vorgaben und Gesetze erfüllen? Bringe ich die notwendigen Qualifikationen mit? (Siehe Geschichte der „Mehlspeisenfräulein“ unten) Muss ich investieren – finanziell, persönlich, zeitlich?“, gibt Gesundheitspsychologin Reinhild Wallner zu bedenken.

Ein gewisses Maß an Geschäftssinn sowie eine ordentliche Portion Erfinderreichtum sind also Grundvoraussetzung, aber eine Unternehmensgründung ist nicht zwingend notwendig, so die Expertin. Denn es lässt sich auch eine sanfte und gesicherte Variante des „Hobby-Jobs“ leben. Reinhild Wallner: „Vielen Menschen gelingt es, sich durch ihre persönlichen Fähigkeiten an ihrem Arbeitsplatz einen Spezialjob zu gestalten.“

Das Zeichnen könnte aber als Nebenjob ausgeübt werden, genauso Geld bringen und den Joballtag motivierend ergänzen.

Reinhild Wallner
Aber lässt es sich nun beispielsweise als begabter Zeichner als Maler oder Architekt glücklich leben? „Stimmen das eigene Glück, das Umfeld und der Wert, den meine Arbeit hat, dann wird der Malerjob oder das Gebäudeplanen ein Hit. Werden aber baubehördliche Vorgaben oder Sicherheitsmaßnahmen als Einschränkung empfunden, dann sollte es ein Hobby bleiben“, rät Wallner. „Das Zeichnen könnte aber als Nebenjob ausgeübt werden, genauso Geld bringen und den Joballtag motivierend ergänzen.“
Elisabeth Köhl und Vera Straschek Foto © Valerie Maltseva

Mehlspeisenfräulein

Vom BWL-Studium in die Backstube. So ließe sich der Karriereweg der beiden Grazer Gründerinnen Elisabeth Köhl (31) und Vera Straschek (34), besser bekannt als „Mehlspeisenfräulein“, zusammenfassen. „Wir sind beide erblich vorbelastet“, berichtet Elisabeth Köhl. Schon Oma und Mama der beiden verwöhnten die Familien mit ihren Backkreationen. „Vera war während des Studiums bei mir in der WG und hat entdeckt, dass wir beide die gleichen Backmagazine zu Hause haben.“

Die BWL-Studentinnen tun sich zusammen, starten 2012 Pop-up-Bakeries und verkaufen ihre Kunstwerke in den verschiedensten Lokalen. „Aber in Österreich darf man nur Konditorwaren verkaufen, wenn man den Konditormeister und eine Backstube hat.“ Deswegen starten sie parallel zum Studium mit der Ausbildung zum Konditormeister. „Wir wussten, dass wir backen wollen, haben aber trotzdem das Masterstudium fertig gemacht, weil wir nicht wussten, ob das Backen auch aufgeht.“

2016 eröffnen die Mehlspeisenfräulein ihre Auftragskonditorei, heute haben sie vier Mitarbeiter und fertigen vor allem Torten für Hochzeiten, Geburtstage, Taufen und Firmungen an. Aber auch Backkurse kann man buchen.
Aber wie ist es, wenn man das Hobby zum Beruf macht?

„Wir machen ein schönes Produkt und haben nur mit glücklichen Leuten zu tun. Es ist aber auch so, dass ein Hobby zum Alltag werden kann. Es gehören beim Backen ja auch noch ganz viele andere Sachen dazu. Einkauf, Beratung, Organisation. Die Torten dekorieren heute vor allem die Mitarbeiter, weil ich in der Zeit schon wieder besser etwas anderes mache. Das Backen an sich macht nur einen kleinen Anteil meiner Arbeit aus. Das hat sich schon alles verlagert“, erzählt Elisabeth Köhl.

Jenen, die mit dem Gedanken spielen, das Hobby zum Beruf zu machen, rät sie, sich langsam vorzutasten – „man kann ja auch nebenbei als Kleinstunternehmer selbstständig sein“ – und vor allem auch ein Auge darauf haben, was Trend ist und die Konkurrenz so anbietet. Außerdem hänge es auch stark von der Situation ab. „Wir waren Studentinnen, das war vielleicht der beste Zeitpunkt zu gründen. Bei Leuten mit Familie ist das schon etwas ganz anderes.“

Und was macht Köhl heute in ihrer Freizeit? „Backen ist es nicht mehr. Dass ich mich nun privat hinstelle und einen Kuchen backe, eher nein.“