Sie war unter anderem Erzieherin, Stadtführerin, Reiseleiterin, Fernsehproduzentin, Verkäuferin, Biobäuerin, Familienaufstellerin, Karriereberaterin, Architektin, Videoproduzentin, Texterin, Opernagentin, Kardiologin, Tierpräparatorin, Tischlerin, Hebamme.

Und zuvor vor allem: unzufrieden mit ihrem Job.

Jannike Stöhrs Geschichte zeigt, dass am Anfang oft ein Ende steht. Ihr Vater war gerade in Pension gegangen, als er die Diagnose Krebs bekam. „Später wurde uns klar, dass er es nicht überleben wird und ich war gerade dabei, beruflich dasselbe Lebensmodell zu leben“, sagt Stöhr, die damals 27 Jahre alt und in der Personalabteilung von VW tätig war. Dieser Einschnitt gepaart mit der latenten Frage „Was will ich wirklich?“ ließen sie die Reißleine ziehen.

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Die 27-Jährige stößt auf einen Ratgeber, der sie auf die Idee zu ihrem Traumjob-Experiment bringt. „Man kann nicht werden, was man nicht kennt“, verweist Stöhr heute auf ein Zitat aus einem OECD-Bericht. Sie nimmt sich ein Jahr lang Auszeit, um in die 30 verschiedene berufliche Rollen zu schlüpfen.

Wichtig dabei: Sie muss eine Woche lang Menschen begleiten, die für ihren Job brennen. „Gefunden habe ich sie über mein Netzwerk. Ich wusste, dass ich in großen Unternehmen für so einen kurzen Zeitraum keine Chancen haben werde. Außerdem, wenn ich bei einer Firma frage, ob es jemanden Leidenschaftlichen gibt, dann bekommt man nur die, die das Beste über die Firma erzählen.“

So tingelt sie ein Jahr lang durch Deutschland, macht unter anderem aber auch in Wien Station. „Ich hatte immer einen positiven Blick auf den Job. Es blieb dann nur die Frage: Passt der Beruf zu mir oder nicht?“

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Vor allem habe sie in diesem Jahr viel über sich selbst gelernt. Auf die Frage, was ihre Stärken sind, hätte sie vor dem Experiment vielleicht nur ihre Liebe zum Lernen genannt. Heute ist die Liste um viele wichtige Punkte länger.

„Die Quintessenz für mich selbst ist, dass ich sehr gerne lerne, dass ich Abwechslung brauche, dass ich gerne gute und tiefgründige Gespräche führe, dass das Thema Arbeit und Orientierung und sein Platz in der Gesellschaft für mich Sinn stiftet. Aus diesen Faktoren habe ich mir dann auch mein perfektes Arbeitsleben zusammengeschustert“, sagt die heute 33-jährige, die als Patchworkerin, Autorin und Vortragende tätig ist und Menschen berät, die sich in ähnlichen Situationen wie sie damals befinden.

"Ich glaube nicht an den perfekten Job"

„Ich denke, dass Corona ein Beschleuniger von Digitalisierung und Automatisierung ist. „Umso wichtiger ist es, seine individuellen Stärken zu kennen.“ Trotzdem würde sie sich wünschen, dass es nicht immer eine Krise braucht, um sich zu verändern.

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„Viele haben Angst vor dem Ungewissen. Wird es besser werden? Viele erstarren aber auch ob der Vielzahl an Möglichkeiten. Viele meinen, dass sie die perfekte Variante für sich finden müssen. Ich glaube nicht an den perfekten Job. Ich glaube, dass es Tätigkeiten gibt, die uns erfüllen.“

Und für diese Veränderung, so die Expertin, müsse man nicht sofort den großen Schritt machen und seinen Job kündigen. „Man kann seine Arbeitszeit reduzieren und sich so an diesem freien Tag einer anderen Tätigkeit widmen. Man kann ein Ehrenamt ausprobieren. Man kann auch das Wochenende oder den Urlaub nutzen. Vielleicht ist auch eine Veränderung im Rahmen des Jobs möglich?“

Und wann sollte man sich am besten entscheiden? „Immer wieder“, lautet die überzeugte Antwort der Patchworkerin. „Ich will nicht mehr von dieser einen Karriere sprechen, die man ein Leben lang hat. Wir werden uns immer wieder im Laufe der Zeit verändern müssen.“

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