„Die Bushaltestelle steht, die Busse fehlen.“ Sabine Walder, Betriebsratsvorsitzende bei Loacker, blickt auf eine nagelneu wirkende Haltestelle. Zwei bis drei Gehminuten sind es von der etwas abseits der B100 Drautal Bundesstraße im Grünen stehenden Halte zum Firmengelände. Auch einen Wendekreis gibt es, ebenso eine Extradrehtür am Weg für die Loacker-Mitarbeitenden. Was fehlt, ist ein Fahrplan. Seit fast zwei Jahren kämpft Walder dafür, dass für die Schichtarbeiterinnen und -arbeiter auf der Achse Lienz–Sillian ein Bus in den Randzeiten rollt. Die Haltestelle wurde in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsverbund und der Gemeinde dafür errichtet: „Einer unserer Mitarbeiter hat sie voller Freude aufgebaut.“
Unzählige Gespräche habe man geführt. Mit dem Verkehrsverbund Tirol (VVT), mit dem Osttiroler ÖPNV-Gemeindeverband, mit dem für Mobilität zuständigen Landesrat René Zumtobel (SPÖ). Doch noch kein Bus fuhr den Extrahalt an. Walder hat sich nun das Okay der Geschäftsleitung eingeholt, die „Geisterbushaltestelle“ in die Öffentlichkeit zu bringen. Loacker-Geschäftsführer Gerhard Figl ließ sich nicht bitten, wohnt selbst dem Pressegespräch bei: „Normal sind Betriebsrat und Geschäftsleitung nicht ein Herz und eine Seele, aber hier stehen wir eng beisammen. Eine funktionierende öffentliche Busanbindung hat für uns in Zeiten steigender Mobilitätskosten einen großen Mehrwert.“
Auch für Lukas Prautzsch wäre dies bares Geld. Seit 14 Jahren arbeitet er bei Loacker im Schichtdienst, pendelt täglich von Lienz nach Heinfels. 15.000 bis 20.000 Kilometer kämen für ihn jährlich zusammen, „Aufgrund der Spritpreiserhöhungen bin ich bei den Kosten mehr denn je betroffen.“ Walder ergänzt: „Wir werden in Osttirol in Sachen Öffis stiefmütterlich behandelt.“ Figl verweist darauf, dass man in der Suche nach Mitarbeitenden stark eingeschränkt sei: „Viele können sich kein zweites Auto leisten.“ Auch bei den Lehrlingen wäre das Einzugsfeld dadurch auf die lokale Umgebung begrenzt.
Plötzlich sei kein Geld dagewesen
Walder erläutert die Historie. Anfänglich gab es im Gespräch mit Zumtobel und Verbandsobfrau Elisabeth Blanik (Bürgermeisterin von Lienz, SPÖ) positive Signale: „Sie sagten zu, das Projekt zu unterstützen. Aber plötzlich hieß es, dass man nicht genug Bus-Chauffeure habe.“ Im Herbst 2024 erreichte Loacker dann doch ein Entwurf mit den Fahrzeiten, sodass das Unternehmen die Schichtwechsel um 6 Uhr und um 22 Uhr – um diese beiden Randzeiten geht es – noch hätte etwas anpassen können. Auch das besagte Baumaterial wurde vom VVT angeliefert.
„Doch auf einmal hatten die Gemeinden kein Geld“, so Walder weiter. „Aber es wäre wichtig, dass die Leute, die arbeiten wollen, mit den Öffis in die Arbeit kommen können. De facto besteht jetzt vor der Früh- und nach der Spätschicht keine Möglichkeit.“ Zumtobel sei im vergangenen November noch einmal vor Ort gewesen: „Er sicherte uns Mittel zu, um uns zu unterstützen. Problem seien aber weiter die Gemeinden, die sich nicht beteiligen wollen. Es sollte sich jemand vom ÖPNV bei uns melden. Passiert ist nichts.“
Auf Nachfrage der Kleinen Zeitung erklärt Blanik, dass man in der Vergangenheit mit der Innos GmbH in vielen Gesprächen etwa mit iDM, Liebherr oder eben Loacker untersucht hat, wie man den Werksverkehr in den ÖPNV eingliedern kann. Übriggeblieben sei aber nur Loacker. Alle anderen sprangen laut der Obfrau ab, auch die an Loacker angrenzende Großwäscherei Hotex. „Die Kosten sind nun abzüglich der Landesförderung 100.000 Euro pro Jahr für diese Randverbindungen. Die Bürgermeister im Verband zahlen fast eine Million Euro im Jahr etwa für den Schulverkehr. Den Werksverkehr einer einzigen Firma kann die öffentliche Hand nicht komplett tragen.“ Hella und andere Firmen würden sich selbst organisieren.
Dennoch: „Die Bürgermeister sind bereit, einen Anteil für die zu zahlen, die diese Busse mitnutzen, aber mehr geht nicht“, sagt Blanik. Loacker-Geschäftsführer Figl kontert: „Wie sehen es nicht als unsere Aufgabe an, den öffentlichen Verkehr zu finanzieren.“ Und man arbeite bewusst nicht an einem eigenen Konzept: „Wir sind kein Busbetreiber, wir sind Waffelhersteller.“
VVT würde die Linie anpassen
Beim VVT verweist man auf laufende Gespräche. „Grundsätzlich ist das Interesse an einer Mobilitätslösung des Unternehmens Loacker bekannt“, so Sprecherin Karin Bachmann, die erklärt, dass die zusätzlichen Bestellungen der Regiobuslinie 961 Sache des Gemeindeverbands sei: „Zur Finanzierung der entstehenden Mehrkosten wurden bereits konstruktive Gespräche geführt.“ Generell gibt es keinerlei Vorbehalte: „Aus Sicht des VVT bleibt das Ziel, die Linie an die Arbeitszeiten der Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter anzupassen.“
Pilotphase als Kompromiss
Figl strebt jetzt einen Kompromiss in Form einer zwei bis drei jährigen Pilotphase an. Zwei Busse am Tag mit bis zu 45 Personen bekäme man voll, und Loacker sichert nun doch finanziellen Beistand zu. So würde man nicht nur den Mitarbeitenden das Öffi-Ticket zahlen („In Sachen CO2-Emission wollen wir besser werden, da nehmen wir auch Geld in die Hand“), sondern sich auch gestaffelt an den Kosten der Gemeinden beteiligen. Circa ein Drittel im ersten Jahr, also rund 30.000 bis 35.000 Euro stellte der Geschäftsführer gegenüber der Presse in Aussicht. So könnte also doch noch buchstäblich Bewegung in die Busse kommen.