Es begann mit der „Bozner Waffel“. Als Alfons Loacker (1901 bis 1970) im Jahr 1925 die Konditorei übernahm, in der er vorher angestellt war, ahnte er wohl nicht, was seine erste Kreation auslösen würde. Heuer feiert die Südtiroler Firma ihren hundertsten Geburtstag und hat sich zu einem Unternehmen von Weltruf entwickelt, das seine Produkte in 110 Ländern vertreibt, maßgeblich nach Nordamerika und in den Mittleren Osten. Der globale Marktanteil beträgt laut Euromonitor 4,5 Prozent, womit das Familienunternehmen weltweit zweitgrößter Hersteller von Waffel- und Schokoladenspezialitäten ist. Einen großen Anteil am Gruppenumsatz von 459,4 Millionen Euro hat dabei der Standort Heinfels.
Osttirol produziert am meisten
„Osttirol hat im weltweiten Loacker-Netzwerk eine sehr wichtige Rolle inne“, sagt Andreas Loacker, der das Unternehmen in dritter Generation führt. Der Enkel des Firmengründers blickt im Rahmen der Hundertjahrfeier in Heinfels zurück: „Ich war 1999 das erste Mal hier und durfte den Standort mit hochfahren. Das war unser erster Schritt vom Stammwerk weg und entsprechend von enormer Bedeutung.“ Seitdem ist die Fabrikfläche im Osttiroler Oberland auf etwas mehr als das Doppelte gewachsen, zuletzt wurden unter anderem Café und Mitmachkonditorei erneuert und vergrößert.
Die über 400 Mitarbeiter in Heinfels produzieren sogar mehr als die in Südtirol. Das liegt am hohen Automatisierungsgrad des Osttiroler Werks, aber auch an den Waffeln selbst: „Wir stellen hier rund 30 verschiedene Cremes und vier Teigarten her. Daraus entstehen vor allem die ‚A-Produkte‘, Waffeln, die wie unsere Quadratini keine oder kaum Handarbeit verlangen und in großen Mengen in die Welt hinausgehen“, erklärt Bernhard Origer, Marketing-Manager in Heinfels, bei der die Feiern abschließenden Werksführung. „65 Sattelzüge mit Waffeln verlassen Osttirol pro Woche“, so Origer weiter.
Andreas Loacker erfüllt vor allem die Familiengeschichte mit Stolz: „Hundert Jahre Loacker, das klingt nach einer langen Zeit. Aber die Hälfte davon habe ich ja selbst erlebt. Ich kann mich noch an die Zeit vor fünfzig Jahren erinnern, an die großen Tische, an denen die Damen produzierten und einpackten.“ Tatsächlich war es die Verpackung, die – neben dem Inhalt natürlich – den Weg zum Erfolg ebnete: „Mein Großvater war leidenschaftlicher Fußballer. Deshalb wollte er einen handlichen Snack, der einfach zu transportieren ist und lange frisch schmeckt.“ In Folge erfand Loacker die rechteckige, kleine Waffel, die er in Zellophan-Folie verpackte und mit zum Kicken nahm.
Nachdem in den 1950er-Jahren die industrielle Fertigung startete, folgte in den 1960er-Jahren der nächste Schritt unter Leitung von Armin Loacker, Vater von Andreas. Da die Produktionsstätte in Bozen zu klein wurde, zog Loacker mit nach Unterinn, wo seitdem der Stammsitz ist. Abgelegen in der Natur auf über 1000 Meter Höhe, was damals viele für irrational hielten. „Mein Vater wie mein Großvater waren Querdenker. Sie wollten raus aus der Stadt. Sie wollten die Arbeit mit etwas Schönem verbinden“, sagt Loacker, der die wichtige Rolle der Familientradition betont: „Wir sind noch immer eine Konditorei, aber mit Industrieanbindung.“
Für die kommenden Jahre hat sich Loacker neben Wachstum weitere Ziele gesetzt, wie den Schritt hin zur „Società benefit“, zu einer Firma, die Ethik, Nachhaltigkeit und Transparenz in ihren Statuten verankert. Loacker: „Wir denken in die vierte Generation hinein. Wir müssen dabei überlegen, was diese benötigt, damit sie auf einer Erde leben kann, die eben nur die eine ist.“
Erste Erfolge gibt es schon länger, so findet die Haselnussproduktion seit 2011 zu hundert Prozent in Italien statt, Milch und Molke stammen gentechnikfrei aus den Dolomiten, der Plastikanteil in den Verpackungen konnte zuletzt um 15 Prozent gesenkt werden. „Wir müssen Genuss auch in der Zukunft ermöglichen. Das beginnt beim herbizidfreien Rohstoffanbau, geht über die Logistik etwa mit Elektrofahrzeugen bis hin zu den Produktionsstätten, die CO2-frei werden sollen.“
Mission hört nicht beim Produkt auf
Ulrich Zuenelli, Cousin von Andreas Loacker und Verwaltungsratspräsident, unterstreicht: „Unsere Mission hört nicht bei den Produkten auf, die wir anbieten, sondern erstreckt sich auf die Verantwortung, die wir gegenüber den Menschen und der Umwelt haben.“ Ein weiteres Ziel sei es, bis 2027 die „B-Corp“-Zertifizierung zu erlangen und Teil eines globalen Netzwerks von Unternehmen zu werden, die einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft und den Planeten haben. Loacker: „Das ist ein Riesenspagat. Man muss Kompromisse eingehen, was wir täglich in der Familie und im Management diskutieren. Wir hätten viele Möglichkeiten, um zu wachsen. Aber wir machen vieles davon nicht, wenn es unserer Philosophie widerspricht.“
Eine neue Botschaft zum Jubiläum gibt es auch: „Rebellen wählen nur Gutes.“ Dies soll „die beiden Seelen von Loacker“ zusammenfassen: das Auflehnen gegen billige Kompromisse und den Fokus auf Qualität. Unter dem Motto bemalte der italienische Street-Art-Künstler „Etsom“ in Mailand drei Wände – aber auch eine Wand am Loacker-Werk in Heinfels, die den Besuchern schon auf dem Weg zu Napolitaner oder Quadratini ein Lächeln ins Gesicht zaubern soll.