Wandern, Klettern, Skitouren gehen oder Radl fahren: Bewegung am Berg boomt. Das belegen die Zahlen des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV). Im vergangenen Jahr sind dem größten alpinen Verein der Republik 21.762 Menschen beigetreten, was eine Steigerung von drei Prozent bedeutet. Der ÖAV zählte zum Jahresende exakt 748.046 Mitglieder – neuer Höchststand. „Immer mehr Menschen begeistern sich für den Bergsport. Umso mehr freut es uns, dass sich so viele dazu entschließen, Teil des Alpenvereins zu werden. So können wir dazu beitragen, dass sie einen naturverträglichen und sicheren Weg in die Berge wählen", erklärt Alpenvereinspräsident Wolfgang Schnabl.

Im steten Bergauf: In den vergangenen 15 Jahren konnte der ÖAV seine Mitgliedszahlen fast verdoppeln
Im steten Bergauf: In den vergangenen 15 Jahren konnte der ÖAV seine Mitgliedszahlen fast verdoppeln © Alpenverein

Anstieg auch in Osttirol

In Tirol sieht es noch einmal positiver aus. Um plus 5,5 Prozent stieg die Zahl der Mitglieder an. Dennoch ist man im Land der Berge mit 114.733 AV-Mitglieder „nur“ zweite Kraft. Spitzenreiter ist Wien mit 233.334 Mitgliedern. Und in Osttirol? Da trägt man zum aus Sicht des Alpenvereins erfreulichen Trend munter bei. Um 3,6 Prozent beziehungsweise um 205 Mitglieder konnte der Verein im Bezirk zulegen. Während der Zuwachs in den Sektionen Defereggental (1 Prozent) und Sillian (0,6 Prozent) eher bescheiden ausfiel, freut sich die Sektionen Matrei über ein Plus von 2,3 Prozent und ist mit 1574 Mitgliedern zweitgrößte Osttiroler Sektion.

AV Lienz mit enormem Zuwachs

Am stärksten fiel der Zugewinn in der Sektion Lienz aus. 161 mehr Mitglieder zählte man, ein Plus von 5,7 Prozent und damit sogar über dem Tirol-Schnitt. In Summe sind nun 2970 Personen von jung bis alt beim AV Lienz gemeldet. „Es läuft aktuell wirklich gut,“ freut sich Manuel Mascher, Obmann des AV Lienz, über die ungewöhnlich starke Steigerung. Die Gründe darin verortet Mascher, der im Sommer 2025 zum Kopf der Sektion wurde, auch im Bereich der Jugend: „Die Kinderkletterkurse werden super angenommen, unsere Bergwoche war innerhalb einer Stunde mit 20 Kindern ausgebucht.“ Neue Angebote sind dazugekommen. „Ich habe eine Kajakgruppe aufgemacht, jetzt suchen wir um Aufnahme im Verband an, damit wir an den Tiroler Meisterschaften teilnehmen können. Mitte Mai fahren wir mit 20 Personen an die Soca.“

Seit Juli 2025 ist Manuel Mascher Obmann des AV Lienz
Seit Juli 2025 ist Manuel Mascher Obmann des AV Lienz © privat

Das Klinkenputzen hat Mascher ebenfalls in Angriff genommen, war zu Gesprächen bei Bürgermeisterin Elisabeth Blanik und Gemeinderat Wilhelm Lackner (beide SPÖ) oder bei TVB-Obmann Franz Theurl und Werner Frömel von der Alpinplattform. „Für mich war es etwas erschütternd, dass rundherum niemand so genau wusste, was der Alpenverein in Lienz überhaupt bedeutet. Welche Dimension wir haben, dass das rund 3000 Menschen sind, wie viele Kinder dabei sind. Oder dass wir mehr als nur die Hochsteinhütte betreuen.“ In Summe seien es aber sehr gute, konstruktive Gespräche gewesen.

Kletterhalle für den AV nicht finanzierbar

Das oft bemühte Thema Kletterhalle ist für den Verein jedoch zurzeit „beiseitegeschoben“, wie Mascher sagt. „Wir haben einen irren Zulauf beim Klettern. Aber wir können das finanziell nicht stemmen, auch die Haftung nicht übernehmen. Wir helfen gerne etwa beim Routenbau.“ Immerhin: Die Stadt Lienz spendete dem AV die Kletterwände und -griffe, die beim Abbau des kleinen Boulderraums in der zu sanierenden Dolomitenhalle abfielen. „Das hat uns extrem geholfen, das ist finanziell schon ein Batzen.“

Im Alpenvereinshaus in Lienz gibt es einen kleinen Kletterbereich im Keller sowie einen Boulderraum im Obergeschoss
Im Alpenvereinshaus in Lienz gibt es einen kleinen Kletterbereich im Keller sowie einen Boulderraum im Obergeschoss © Andre Schmidt

Höchstzufrieden ist Mascher mit der Entwicklung der drei dem AV Lienz gehörenden Hütten: der Hochsteinhütte, der Wangenitzseehütte in der Gemeinde Mörtschach und der Lienzer Hütte (Nußdorf-Debant). Am Lienzer Hausberg geht Multitalent Wolfgang Ladstätter in seinen dritten Wirtssommer, für Kasia Pawlus-Biel und Andrzej Biel ist es die zweite Saison am Wangenitzsee (Mascher: „Da haben wir nur super Feedback bekommen“). Neu an Bord sind Jeanette Pankratz und Christoph Weninger: Sie haben die auf fast 2000 Meter Höhe lauschig im Debanttal gelegene Lienzer Hütte gepachtet. Das Paar aus Bayern kommt mit reichlich Erfahrung, auch auf Hütten ähnlicher Größe wie der Austriahütte in Ramsau. „Die haben ein fix fertiges Team und bereits 300 Buchungen für die heurige Saison. Meist für mehrere Nächte. Bei Kasia und Andrzej sind es schon rund 400.“

Hochsteinhütte: rund 700.000 Euro getilgt

Finanziell sieht man sich in Lienz nach schwierigen Jahren auch dank der gut laufenden Hütten wieder „auf den Füße“ angekommen. „Wir konnten auch in Zusammenarbeit mit dem Hauptverein in Innsbruck viel bewegen, zudem Fördergelder abrufen. Wir haben noch Verbindlichkeiten, aber würden wir die 1:1 tilgen, wären wir auf Null. Wir können wieder aktiv arbeiten.“ Die Finanzierung der Hochsteinhütte ist endgültig abgeschossen. Mascher: „Da haben wir rund 700.000 Euro in den vergangenen Jahren getilgt.“

Die Lienzer Hütte auf 1977 Metern im Debanttal hat ein neues Pächterpaar
Die Lienzer Hütte auf 1977 Metern im Debanttal hat ein neues Pächterpaar © Andre Schmidt

Weitere Investitionen stehen an, etwa eine neue Materialseilbahn zur Wangenitzseehütte. Notbeleuchtungs- und Blitzschutzanlage auf Wangenitzsee- und Lienzer Hütte veranschlagen rund 60.000 Euro. „Womit wir kämpfen, ist die Bürokratie samt der ganzen Auflagen.“ So muss auf den Hütten teils das Wasserrecht wieder verliehen werden, dazu sind unter anderem teure Fremdgutachten nötig. Generell gilt es, die Hütten zukunftsfit zu machen. Dazu hat der AV-Obmann auch das Gespräch mit der Firma Liebherr gesucht. Neun Kühl- und Gefriergeräte werden angeschafft, auch um die Stromkosten zu senken. „Es ist alles sehr viel Arbeit, aber wir sind wieder auf einem guten Weg“, so Mascher abschließend.

Werner Schnabl ist Präsident des ÖAV
Werner Schnabl ist Präsident des ÖAV © Alpenverein / Freudenthaler

„Der Alpenverein hat die Hebel“

Der ÖAV ist sich indes bewusst, dass Wachstum begleitet werden muss: „Mit den Mitgliederzahlen steigt unsere Verantwortung“, betont Präsident Schnabl. Die zunehmende Begeisterung berge zudem Konfliktpotenzial: „Je mehr Menschen es in die Berge zieht, desto stärker steigt der Nutzungsdruck auf die Natur. Und ohne fundierte Ausbildung wird Bergsport umso mehr zum Risikosport.“ Bestärkt sieht sich der ÖAV in seiner gesellschaftlichen Verantwortung. Der Verein engagiert sich in der Jugendarbeit sowie der Inklusion und setzt sich als Anwalt der Alpen ein. „Begeisterung für die Berge und Schutz der alpinen Landschaft gehören für uns untrennbar zusammen.“ In Summe sieht man sich für den Boom gut gerüstet: „Der Alpenverein hat die Hebel, um den Trend in die richtigen Bahnen zu lenken.“