Äste knacken, ein schweres Schnaufen ist zu vernehmen, dazu laute, aber besonnene Rufe – wer in diesen Tagen über die Rodelstrecke von Amlach wandert oder joggt, kommt kaum umhin, Bailando bei der Forstarbeit zuzuhören und zuzusehen. Der fünfjährige Wallach und sein Fuhrmann Peter Ladstätter sind aus Kötschach-Mauthen angereist und helfen Waldaufseher Sebastian De Jel, das geschlägerte Holz aus dem Gemeindewald zu ziehen beziehungsweise zu rücken, wie es in der Fachsprache heißt.

Das Ganze geschieht nicht ohne Grund: „Das Rücken per Pferd ist ein altes Handwerk, das wieder modern wird. Es ist für den Waldboden sehr schonend, ebenso für die Jungbäume. Auch an den bestehenden Bäumen entstehen kaum Schäden“, erklärt De Jel die wichtigsten Unterschiede zu den üblichen Arbeiten mit Traktoren und Co. und ergänzt: „Klimafreundlich ist es auch, Sprit braucht ein Pferd nicht.“ Was Pferdebesitzer Ladstätter lachend bestätigt: „Bailando frisst das, was die Vegetation hier hergibt.“

Gruppenbild mit Pferd (von links nach rechts): Fuhrmann Peter Ladstätter aus Kötschach-Mauthen, Bailando und Forstwart Sebastian De Jel aus Tristach
Gruppenbild mit Pferd (von links nach rechts): Fuhrmann Peter Ladstätter aus Kötschach-Mauthen, Bailando und Forstwart Sebastian De Jel aus Tristach © André Schmidt

De Jel stammt aus den Niederlanden und hat sich mit seiner sechsköpfigen Familie vor fast fünf Jahren in Tristach niedergelassen. Seitdem betreut er mit viel Herzblut den Forst von Tristach und Amlach, wobei der 42-Jährige Wert auf Biodiversität und Nachhaltigkeit statt auf die oft vorherrschenden Monokulturen legt – und mit seinen oft unkonventionellen Ideen nicht immer auf Gegenliebe stößt: „In dem Fall habe ich den Bürgermeister von Amlach gefragt. Und der fand die Idee mit dem Pferd gut.“ Bei der vorbeikommenden Bevölkerung stoßen die Arbeiten laut De Jel ebenso auf Zuspruch: „Die Leute finden das inspirierend, so ein großes Tier im Wald zu sehen. Und es wirkt trotz seiner Wucht, als würde es dahin gehören..“

Bailando fügt sich durchaus harmonisch in das sanfte Grün des Amlacher Gemeindewalds ein
Bailando fügt sich durchaus harmonisch in das sanfte Grün des Amlacher Gemeindewalds ein © André Schmidt

Da es in Osttirol keine Rücker mehr gibt, sucht De Jel in der Umgebung, aber auch in Südtirol oder Süddeutschland nach Pferdeführern, die diese traditionelle Technik beherrschen. Meist greift er auf Kärntner Hilfe zurück: „Neben Peter gibt es einen weiteren Rücker im Gailtal, dazu einen in Villach.“

Bei Ladstätter dreht sich das ganze Leben eh nur um eins: „Mein Tag beginnt mit Pferden und endet mit Pferden.“ Der Oberkärntner betreibt mit seiner Familie einen Pferdehof samt Landwirtschaft in Kötschach-Mauthen, ist im Dressur- und Vielseitigkeitsreiten aktiv und widmet sich dem Training der Tiere: „Ich bin durch eine schwere Krankheit zu den Pferden gekommen. Vor allem bilde ich Pferde aus, hauptsächlich zum Kutsche fahren, aber auch zum Holz rücken. Jetzt habe ich mir noch einen Wagen angeschafft, damit ich das Holz nach dem Rücken heimfahren kann. Das passt gut, ich habe zwölf Pferde, die müssen alle bewegt werden.“

Viel Wert auf das Tierwohl

In Summe drei Wochen Arbeit als Rücker kommen für Ladstätter im Jahr zusammen, die Technik hat sich der 50-Jährige zum Großteil selbst beigebracht: „Das ist viel ‚learning by doing‘, einiges habe ich mir bei anderen Rückern abgeschaut.“ De Jel findet, dass sich auch ein altes Handwerk weiterentwickeln kann: „Speziell beim Geschirr hat sich einiges getan.. Es wird viel auf Ergonomie, auf das Tierwohl geachtet.“

Bailando stammt aus der Rasse der Noriker, zu denen De Jel ausführt: „Generell braucht man Kaltblutpferde, die viel Kraft und eine entsprechende Statur haben. Die wiegen dann schon einmal 700 Kilo und mehr. In Österreich sind Noriker besonders beliebt, sie sind trittsicher, mittelgroß und ideal für das Gelände geeignet. Dazu sind sie so wesensruhig, dass es sie nicht stört, wenn eine Motorsäge aufheult.“ Ladstätter: „Das ist wie bei den Bergvölkern – wie bei den Lesachtalern – beim Noriker in der Genetik. Die können das einfach.“

Ganz ohne Benzingeruch geht es nicht: Hin und wieder muss der Weg für Bailando ein wenig aufbereitet werden
Ganz ohne Benzingeruch geht es nicht: Hin und wieder muss der Weg für Bailando ein wenig aufbereitet werden © André Schmidt

De Jel verhehlt nicht, dass es auch Kritik gibt: „Pferderückung hat ein Imageproblem. Es wird als althergebracht angesehen, viele Bauern denken: ‚Wenn ich einen Traktor habe, brauche ich doch kein Pferd.‘ Aber die Schonung des Walds ist unschlagbar, ebenso die Wendigkeit der Tiere. Mit einem Traktor könnte man hier trotz der Steilheit des Geländes durchaus Holz ziehen, aber immer nur in einer Linie per Seilwinde. Dann verursacht man zu den Bodenschäden noch Windenschäden an den bestehenden Bäumen.“

Es konnten auch Kosten gespart werden

Auch die Kosten würden oft als Negativargument ins Feld geführt. De Jel erklärt dazu, dass bereits die Schlägerung der Bäume von zwei Schulklassen der landwirtschaftlichen Landeslehranstalt Lienz (LLA) kostengünstig durchgeführt wurde: „Pferderückung ist generell nicht teurer als Forstarbeiten mit dem Traktor. Hier sind wir dank der LLA sogar günstiger als eine Traktorpartie, die normalerweise 35 Euro pro Festmeter Holz kostet.“ Apropos: Je nach Bedingungen schafft Bailando rund 15 Festmeter am Tag.

„Viele sagen auch, dass es mit dem Pferd ewig dauern würde“, führt der Niederländer weiter aus. „Aber wir benötigen jetzt mit dem Pferderücker vielleicht einen Tag länger als mit dem Traktor. Und was ist ein Tag, wenn das Holz hier hundert Jahre gewachsen ist?“