Eine der Schwestern heiratete, und viele Gäste waren in Mitteldorf ins Elternhaus geladen, um miteinander zu feiern, wie es der Brauch war. Da war Elfriede 17 Jahre alt. Sie kümmerte sich in der Küche um die eingemachte Suppe, damit die Dutzenden Besucher im Haus satt wurden. Unter die Gästeschar mischte sich an diesem Abend auch Friedrich, der an genau diesem Tag seinen siebzehnten Geburtstag feierte, und mit seinem besten Freund gekommen war.

Auf den ersten Blick verliebt

„Als ich dieses Mädchen in der Küche sah, war es um mich geschehen“, erinnert sich Friedrich Leitner, und seine Augen strahlen heute noch, wenn er davon erzählt. Mit seiner Elfriede, die ihm vor mehr als 60 Jahren schließlich das Jawort gab, sitzt Fritz, wie ihn alle nennen, am Küchentisch und erzählt weiter: „Ich habe in diesem Moment gewusst, das ist die Richtige für mich. Es war wirklich so.“

Weit weniger aufregend hat Elfriede Leitner diesen Abend des ersten Kennenlernens in Erinnerung. Auch in der Zeit danach, der ihr bis dahin völlig unbekannte Bub machte ihr den Hof, wollte die junge Frau nichts von ihm wissen. „Wir waren einfach zu jung. Ich habe nichts gewusst von der Liebe“, findet Elfriede eine mögliche Erklärung. „Außerdem bin ich fünf Tage älter als mein Mann. Es hat mir einfach nicht gepasst.“ Wenn sie zurückdenkt an diese Zeit, steigt Rührung in ihr auf. Hastig wischt sie Tränen aus den Augenwinkeln. „Ja, das war schon was.“

Fritz Leitner musste seine große Liebe erst erobern

Fritz, der in Lienz eine Malerlehre machte und nur an den Wochenenden heimkam ins Virgental, ließ keine Gelegenheit aus, seine Elfriede zu treffen. Wenn alles andere nichts half, vielleicht könnte ein Weihnachtsgeschenk ihr Herz erweichen? Der Malerlehrling erstand in der Stadt ein Mokka-Service. Bevor er den Bus, damals das einzige Verkehrsmittel, nahm, um für Weihnachten heimzufahren, rief er in Mitteldorf an. Zu dieser Zeit gab es in jedem Weiler nur in einem einzigen Haus überhaupt ein Telefon. Wollte man jemanden aus der Nachbarschaft benachrichtigen, wurde die Mitteilung mündlich überbracht. Fritz ließ also über die Nachbarn im Haus seiner großen Liebe ankündigen, dass er mit dem Bus ins Tal fahren würde und Elfriede ihn doch bitte an der Haltestelle erwarten möge. Die Enttäuschung war groß: Nicht Elfriede nahm das Geschirr entgegen, sondern ihre Mutter. „Ich wollte das nicht, also habe ich meine Mutter hingeschickt.“

Elfriede und Friedrich Leitner trinken aus dem Kaffeegeschirr, das er ihr vor 60 Jahren schenkte
Elfriede und Friedrich Leitner trinken aus dem Kaffeegeschirr, das er ihr vor 60 Jahren schenkte © Christoph Blassnig

Erst beim Wiesenfest wendete sich das Blatt. Obwohl gegen Abend hin mehrere junge Männer gehofft hatten, Elfriede nach Hause begleiten zu dürfen, gab sie ihrem Fritz erstmals die Erlaubnis, ihre Hand am Heimweg zu halten. Von da an wuchsen die beiden zusammen. Fritz wurde Stammgast in Elfriedes Elternhaus, und ihre Mutter begann Andeutungen zu machen, es sei doch langsam an der Zeit. Im März des Jahres 1964 rüstete Fritz beim Bundesheer ab. Einen Monat später heirateten die beiden und bezogen als 18-Jährige eine Wohnung im Mesnerhaus.

Rückblick auf ein entbehrungsreiches, aber zufriedenes Leben

„Wir haben ein schönes Leben gehabt“, sind sich die beiden mehr als 60 Jahre später einig. „Auch, wenn es nicht immer einfach war.“ Drei Kinder krönten die Beziehung. „Mir war immer wichtig, dass unsere Kinder fleißige, anständige und ehrliche Leute werden“, sagt Elfriede, die sich nicht nur um die Erziehung und den Haushalt kümmerte, sondern auch noch als Kellnerin im Gasthof arbeitete - immer von elf Uhr am Vormittag bis Mitternacht. Nach wenigen Stunden Schlaf stand sie um vier Uhr früh wieder auf, um die Wäsche zu machen. Noch anstrengender wurde es, wenn bis zu sechs Urlaubsgäste mit der Familie im Haus lebten. Die Eltern und die drei Kinder rückten dann im Wohnzimmer zusammen. „Wir haben nicht viel gehabt, aber wir waren zufrieden“, erklärt Elfriede. „Vielleicht macht ein Leben mit Entbehrungen glücklicher als eines im Überfluss.“

Fritz Leitner arbeitete für viele Jahre auswärts. Er ließ das Malerhandwerk bald hinter sich und gehörte zum Bautrupp für den Vollausbau des Felbertauerntunnels. Später war er im Zillertal und im Pinzgau beim Kraftwerksbau beschäftigt. Auf Bitten seiner Frau, er möge sich doch lieber um eine Arbeit in der Nähe umschauen, kam er zurück nach Osttirol und nahm eine Stelle im Baustoffhandel an.

Die Oldtimer-Ausfahrten sind ein gemeinsames Hobby

In der Pension erfand sich der rastlose Handwerker noch einmal neu: Fritz kaufte einen alten Traktor, um ihn zu restaurieren. „Ich habe mir gedacht, zerlegen geht immer, und wenn ich den Zusammenbau nicht schaffe, kann ich ihn zum Schrottpreis wieder loswerden.“ Inzwischen nennt er einen Fuhrpark von zehn perfekt restaurierten Traktoren sein Eigen. Mit Gesinnungsgenossen gründete Fritz eine Oldtimer-Gemeinschaft. Zehnmal im Jahr treffen sich die Traktorenfreunde für gemeinsame Ausfahrten. Die einzige Winterausfahrt findet am Sonntag, dem 16. Februar statt. Um zehn Uhr ist Treffpunkt bei der Tankstelle Brandstätter in Virgen, dann geht es über die Tratte hinauf zur Würfelehütte. Nicht schwer zu erraten, wer neben Fritz Leitner Platz nehmen wird: Elfriede, die Liebe seines Lebens.