Nachdem aktuell vor allem auf Social-Media-Plattformen Fehlinformationen zu Bart- und Gänsegeiern verbreitet werden, sieht sich Florian Jurgeit von der Nationalparkverwaltung Tirol veranlasst, Fakten bereitzustellen. Hochalpine Ökosysteme sind sehr sensible Lebensgemeinschaften, in denen sich teils hochspezialisierte Anpassungsstrategien ausgebildet haben. Zu diesen Spezialisten gehören auch Aasfresser, wie zum Beispiel Geier-Arten, welche im Hochgebirge die unschätzbar wichtige Aufgabe als „Gesundheitspolizei“ und Endverwerter übernehmen.

Neuer Imagefilm Nationalpark Hohe Tauern Murmeltiere Bartgeier produziert von steirischer Firma Science Vision
Bartgeier sind neben Gänsegeiern die zweite Geier-Art im Nationalpark © KK/Schlamberger

Die Bejagung der Bartgeier aufgrund falscher Verdächtigungen und Schauermärchen als „Lämmergeier“ führten einst zu dessen Ausrottung im Alpenraum und zur starken Dezimierung der restlichen Geier-Arten. Diese Fehlinformationen kursieren aktuell wieder vermehrt in den Sozialen Medien. Die Aasfresser werden teilweise als gefährliche Beutegreifer und Bedrohung für das Weidevieh auf den Almen dargestellt. In ihrer Rolle als Aasverwerter bilden Bart- und Gänsegeier jedoch erwiesenermaßen keinerlei Gefährdung für die Weidetierhaltung in den Alpen.

Geiern im Alpenraum wieder ein Heimat geben

Aufgrund ihres Körperbaus sind Geier auf die Kadaverzerlegung spezialisiert und gar nicht dazu in der Lage, selbst Tiere zu jagen. Seit 1986 bemühen sich internationale Artenschutzprojekte darum, den Geiern im Alpenraum wieder eine Heimat zu geben, damit sie ihre wichtige Rolle im Ökosystem wahrnehmen können.

„Als Naturschutzlandesrat freut es mich, dass wir im Nationalpark Hohe Tauern und im restlichen Bundesland durch die jahrelangen Artenschutzmaßnahmen wieder zahlreiche Geier als Teil unserer Ökosysteme beobachten können. Auch für Nordtirol haben wir ein eigenes Bartgeiermanagement, um die Tiere besser zu schützen“, berichtet Landesrat René Zumtobel.

Restlose Verwertung der Kadaver

Während sich Gänsegeier vom Fleisch und den Organen verendeter Wild- und Nutztiere ernähren, setzt sich die Nahrung des Bartgeiers zu über 90 Prozent aus Knochen zusammen. „Jedes Jahr verenden Tiere durch Blitzeinschläge, Absturz, Lawinenabgänge, Entkräftung oder Krankheiten. Anders als oft behauptet, finden Geier somit auch ohne Beutegreifer ausreichend Nahrung und sind nicht auf Risse durch Beutegreifer angewiesen. Geier sind wichtige Indikatoren für Kadaver, da einige verendete Tiere erst nach mehreren Tagen gefunden werden. Letztendlich kümmern sich Aasfresser auch um die restlose Verwertung der Kadaver, wodurch der finanzielle Aufwand beispielsweise durch Hubschrauberbergungsflüge, der durch die Entsorgung entsteht, entfällt“, sagt Nationalparkdirektor Hermann Stotter.

Gänsegeier haben keine Reviere

In den Hohen Tauern kommen zwei Geier-Arten vor. Während Bartgeier das ganze Jahr im (Hoch-)Gebirge leben, befliegen Gänsegeier nur im Sommer die Hohen Tauern, bevor sie im Herbst in ihre Heimat, größtenteils in Südosteuropa zurückkehren. Monitoringdaten zeigen, dass sich Gänsegeier völlig ungebunden und über zahlreiche Ländergrenzen hinwegbewegen und kein festes Revier besiedeln. Aussagen, dass sich Gänsegeier nur auf ein spezielles Gebiet konzentrieren sind falsch, jedoch kann es durch verendete Tiere kurzfristig über einige Tage zu Konzentrationen aufgrund des Nahrungsangebotes kommen.