Es hatte den Anschein, dass im November und Anfang Dezember in Osttirol gefühlt fast jeder an Corona erkrankt war. Das nahmen wir zum Anlass, beim heimischen Virologen Gernot Walder anzufragen, wie es denn um Bakterien und Viren in der Osttiroler Bevölkerung bestellt ist. Walder stellt fest, dass Weihnachten jedes Jahr eine entscheidende Phase für das infektionlogische Geschehen im Bezirk sei. „In diesen Tagen ändert sich das Erregerspektrum durch die starke Reisetätigkeit, Familienzusammenkünfte und intensivere Freizeitkontakte. Nach Dreikönig lässt sich die Lage bis zu den Semesterferien im Februar schon recht gut einschätzen. Die Zeit ist also günstig für ein epidemiologisches Update zur Situation in Osttirol und den angrenzenden Gebieten“, sagt der Mediziner.

Er hat 200 Abstriche bei symptomatischen Patienten ausgewertet – und zwar Abstriche, die seit 1. Dezember 2023 gemacht worden sind. Diese zeigen für Walder ein buntes Bild. In rund 75 Prozent der Fälle konnte die Ursache der Infektion festgestellt werden, in Kombination mit einer Routinekultur erhöht sich die Aufklärungsrate auf 85 Prozent.

Grippe steigt seit Weihnachten an

Die am häufigsten nachgewiesenen Erreger betreffen nicht etwa Corona (SARS CoV2) oder die Grippe. Nein, da ist ein besonderes Bakterium unterwegs. Es ist das Haemophilus influenzae. Es kann bei Kindern eine schwere und früher gefürchtete Entzündung des Kehldeckels verursachen, die durch die Impfung in den letzten Jahren fast verschwunden ist. Walder: „Hier dürfte die Sechsfachimpfung heuer einiges an Leid verhindert haben.“ Vor einer klassischen Rachenentzündung mit Fieber schützt die Impfung aber nicht. Auf diesen Erreger folgt die Grippe (15,5 Prozent), die den Osttirolern zu schaffen macht. Dahinter rangieren Pneumokokken (17 Prozent), Corona (13,7 Prozent), Enteroviren, die Fieber, Kopf- und Halsschmerzen verursachen (10,8 Prozent), Atemwegsinfektionen (5,7 Prozent) und klassische respiratorische Coronavieren, die es vor der Pandemie auch schon gegeben hat.

Walder erläutert: „Während die Zahl der Coronafälle seit Anfang Dezember abnimmt, steigt die Zahl der Infektionen mit Influenzaviren seit Weihnachten stark an.“  Als positiv erwähnt er, dass die Grippeimpfung heuer recht verlässlich schütze. Impfdurchbrüche seien kaum registriert worden. Deutlich zurückgegangen sind laut dem Virologen die Infektionen mit Keuchhusten, aktuell weniger als ein Prozent der Fälle. Das zeige, dass die im Herbst gesetzten Maßnahmen zur Eindämmung gegriffen hätten.

Insgesamt bietet sich für Gernot Walder das Bild einer „normalen“ Wintersaison mit einem vielfältigen, von Interaktionen zwischen mehreren Erregern geprägten Bild, das im Einzelfall eine sorgfältige Abklärung erfordere. In den nächsten Wochen rechnet er mit einem weiteren Rückgang von SARS-CoV2 zugunsten von Grippe, humanem Metapneumonievirus (Atemwegsinfektionen), Adenoviren (Atemwege, Magen-Darm-Trakt, Augenbindehaut, Hornhaut) und klassischen respiratorischen Coronaviren. Die Bedeutung von Haemophilus influenzae wird noch eine Zeit lang anhalten, erst im späteren Frühling sollten Erreger wie Streptokokken wieder die Oberhand gewinnen.