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40. Todestag

Das Geheimnis von Christine Lavant und Werner Berg

Vierzig Jahre tot, ist das ein Grund zu feiern? Nein, aber ein Grund, sich an Christine Lavant zu erinnern. Gerade für sie, die dem Tod immer ganz nah war. Und deren Beziehung zu Werner Berg wohl immer ein Gehemnis bleibt. Von Wilhelm Kuehs.

© KK
 

Als Christine Lavant am 7. Juni 1973 in der Geriatrie im LKH Wolfsberg starb, hatte sie die Dichtung schon lange hinter sich gelassen. Die Gedichte waren nur eine Etappe auf ihrem Lebensweg, wenn auch eine, die ihr Glück gebracht hat. Das Schreiben rettete sie in der Depression und hielt sie davon ab, in letzter Verzweiflung selbst gewaltsam den Weg in den Tod anzutreten.

Die Sache ist also ernst, viel zu ernst, um sie dem Deutschunterricht und Universitätsseminaren zu überlassen. Auch die öffentlichen Gedenkveranstaltungen scheinen nur bedingt dazu geeignet, der Dichterin und ihrem Werk gerecht zu werden. Viel besser, man liest nur für sich. Dann erst kann über die vierzig Jahre hinweg eine Verbindung entstehen, ein Gefühl, als ob einem die Dichterin aus dem Herzen spricht.

Um ihr Leben geschrieben

Christine Lavant schrieb um ihr Leben, und deshalb, jenseits aller Kunstfertigkeit, rauben uns diese Texte heute noch den Atem. Wie einst Werner Berg können auch wir der Dichterin verfallen. Werner Berg lernte Christine Lavant am Tonhof in St. Veit kennen. Dort, unter den aufstrebenden und wichtigen Schriftstellern und Malern, sah er eine ausgemergelte Frau, große Augen, Finger gleich Spinnenbeinen.

Über die Beziehung von Christine Lavant und Werner Berg wird viel gemunkelt. Das Geheimnis scheint die Fantasie anzuregen. Wir wissen nur, dass Berg 1955 einen Selbstmordversuch verübte. Ob das mit dem Bruch zwischen den beiden zusammenhing, bleibt Spekulation. Werner Berg hat Christine Lavants Wunsch respektiert und Mitte der Siebzigerjahre alle Briefe verbrannt, wie sich sein Sohn Veit Berg erinnert. Doch jeder, der die Bilder betrachtet, die Werner Berg von Christine Lavant gemalt hat, der ahnt, hier hatten sich zwei gefunden, hier sahen einander zwei mit den Augen des Paradieses an.

Existenzielle Fragen

Sowohl Christine Lavant als auch Werner Berg rangen in ihrem Sein und in ihrem Werk mit existenzialistischen Fragen. Von der Depression in den Abgrund gerissen, von Krankheit geplagt und immer wieder gescheitert, so stehen sie uns heute gegenüber. Sie haben das nicht verschwiegen, nicht darüber hinweggelebt, und gerade darin liegt ihre Anziehungskraft. Weil sie uns in ihren Werken in existenzieller Verzweiflung gegenübertreten, berühren sie uns und greifen sogar Menschen in China und den USA ans Herz.

Bei all den Kämpfen waren weder Lavant noch Berg verkannte Künstler. Die Mär von der armen Frau aus St. Stefan, die nebenbei ein paar Gedichte schrieb, ist falsch. Schon zu Lebzeiten wurde sie geehrt. Sie erhielt unter anderem zwei Mal den Trakl-Preis und 1970 den Großen Staatspreis für Literatur. Die drei Gedichtbände "Die Bettlerschale", "Spindel im Mond" und "Der Pfauenschrei" sind zentraler Bestandteil der Weltliteratur.

Autor. Wilhelm Kuehs studierte Germanistik und Komparatistik, hat mehrere Romane und Sachbücher veröffentlicht und ist als Lektor an verschiedenen Universitäten tätig.

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