Klagenfurt, London, Berlin, Frankfurt, New York und wieder retour nach Kärnten, genauer gesagt ins Mölltal. Nach drei Jahrzehnten in Top-Positionen in der internationalen Wirtschaft kehrte Ingrid Rothe in ihre Heimat zurück und geht es jetzt bodenständiger an. Die heute 51-Jährige betreibt mit ihrem Lebensgefährten Alberto Gargantini eine Glamping-Lodge im Mölltal.
Nach nicht einmal zwei Jahren in Betrieb, ist die „Riverside Fishing & Fascination“ am Ufer des Sternsees in Mühldorf bereits ein wahrer Geheimtipp unter passionierten Fischern aus dem In- und Ausland. „Ich habe mich schon immer getraut, etwas Neues zu probieren“, erzählt die studierte Juristin, die auf eine beispielhafte Karriere zurückblickt. „Aber nie in meinem Leben hätte ich gedacht, dass ich einmal eine Glamping-Lodge für Fischer im Mölltal führe.“ Ihr eigener Lebensweg hat sie eines Besseren belehrt.
Geboren und aufgewachsen ist Rothe in Klagenfurt. Nach der Matura landete sie in Graz, um Jus zu studieren – mit Auslandssemestern in London und Rom. „Mein Leben ist geprägt von Begegnungen“, weiß sie zu berichten. Eine solche war jene mit dem bekannten Musikmanager Monti Lüftner, der ihr im Schloss Seefels über den Weg lief. Und er gab ihr einen, für sie überaus wertvollen Tipp mit auf den Weg, den sie auch befolgte: Rothe spezialisierte sich im Zuge des Studiums auf Urheber- und Musikurheberrecht und schrieb die Diplomarbeit über die umstrittene Online-Musiktauschbörse Napster in den USA.
Michael Jackson, Tokio Hotel und Rolling Stones
Ihre Karriere startete sie bei Bertelsmann, dann folgte Universal Music in Berlin. Dort kümmerte sich die Klagenfurterin um das Merchandising, also um die Vermarktung der bei Universal Music unter Vertrag stehenden Bands, wie beispielsweise Tokio Hotel, Rolling Stones, Metallica oder Michael Jackson. „Ich war damals auch diejenige, die die Single ,Durch den Monsun‘ für die Band auswählte“, kramt sie in ihren Erinnerungen, die sie in keiner Sekunde missen will – im Gegenteil: „Es war eine tolle, aufregende Zeit.“
Von der Musikbranche wechselte sie in die Welt der Digitalisierung. Rothe heuerte bei PayPal an, arbeitete mit großen Firmen wie Adidas, DM, Airbnb, Microsoft, Facebook oder Google zusammen und übersiedelte nach New York, einer Stadt, die sie über alles liebte, sie aber auch in ihre Grenzen brachte. Denn nur kurz nach ihrer Ankunft brach die Pandemie aus. „Da saß ich nun in meinem 4500-Dollar-Appartement, verbrachte 24 Stunden alleine, davon acht Stunden in Video-Konferenzen“, lässt sie die Zeit Revue passieren und gibt zu: „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt.“ Mit dem Einbruch des Tech-Markts nach dem Corona-Hoch ließ Rothe New York hinter sich und kehrte zunächst nach Berlin zurück, um noch einmal neu anzufangen.
Genau zu dieser Zeit traf sie auf den um neun Jahre jüngeren Alberto Gargantini. „Wir lernten uns auf Tinder kennen“, verrät Ingrid Rothe. Der 42-Jährige stammt aus Mailand, sein Vater Adriano brachte die Fischerreisen nach Kärnten, seine Familie betreibt ein Hotel in Rosegg. Der professionelle Angelführer hatte eigentlich die Idee, eine kleine Hütte am See zu eröffnen. Doch daraus wurde nichts. Heute stehen auf dem 3000 Quadratmeter großen Areal am 22 Meter tiefen Sternsee bei Mühldorf nämlich insgesamt sechs Hütten, die das Paar gebraucht aus Sibirien gekauft hat. „Ich habe einfach gesehen, welches Potenzial in seiner Idee steckt“, sagt Rothe und hat selbst Hand angelegt, renoviert, gebohrt, geschliffen, gehämmert, gemalt und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Jedes Chalet ist aus Vollholz, hat eine Größe von 45 Quadratmetern, verfügt über zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer, eine Wohnküche, eine Veranda und einen Grillplatz mit Feuerschale. Von allen Hütten blickt man auf den See. Auf einen Fernseher und Internet wird in der Riverside-Lodge ganz bewusst verzichtet.
Das Angebot, das das Paar auf die Beine gestellt hat, richtet sich an Fliegenfischer und Spinnangler – auch für Tagesgäste. Diesen stehen kärntenweit elf Gewässer auf einer Länge von 40 Kilometern zur Verfügung. „Wir wollen kein Massenfischen, das ist auch zu viel Stress für die Tiere“, ergänzt Alberto Gargantini. Erst im Vorjahr investierten die Kärntnerin und der Italiener in die Fischzucht, wodurch ein großartiger Bestand an Regenbogenforellen, Saiblingen, Karpfen, Äschen, Stören und Schleien hergestellt werden konnte. Allerdings: Mitgenommen werden dürfen nur Regenbogenforellen und Saiblinge. Alle anderen Fischarten sind ausschließlich der schonenden Catch & Release-Methode vorbehalten.
Wanderer, Familien und Hundebesitzer
Doch nicht nur Fischer sind willkommen und gern gesehene Gäste: Das Riverside ist auch der perfekte Glamping-Ort für Familien, Hundebesitzer und Menschen, die eine Auszeit in der Natur suchen. Dies wollen Rothe und Gargantini für ihre Geschäftsidee weiter nutzen: „In unmittelbarer Nähe befinden sich drei Schluchten mit tollen Wanderwegen. Es gibt hier einfach so viel zu entdecken.“
Aktuell ist das internationale Paar mit dem Feinschliff für die kommende Saison beschäftigt. „Wir haben gerade zwei Tonnen Schilf geschnitten“, erzählt Rothe von ihrem neuen Alltag als Unternehmerin. Die Nachfrage ist hoch, der Betrieb ist bis weit über die Sommersaison ausgebucht. Für die Zukunft hat die 51-Jährige schon weitere Ideen für ihr Projekt im Hinterkopf, so hat sie beispielsweise gerade eine Klangschalenausbildung absolviert. Auch Yoga-Stunden könnten das Angebot am See bald ergänzen. Nach ihrem alten Leben sehnt sich die 51-Jährige nicht. „Wenn ich das Bedürfnis habe, setze ich mich in den Zug und bin in zehn Stunden in Berlin. Die meisten meiner Freunde kommen mich aber besuchen.“