Aufzustehen, um ihre Gäste zu begrüßen und anschließend zum Tisch zu begleiten, lässt sich Vera Defner nicht nehmen. Obwohl sie mit 106 Jahren allen Grund hätte, im Lehnstuhl sitzen zu bleiben. Stattdessen geht sie, von ihrer Betreuerin gestützt, durch das Wohnzimmer. Vorbei an Wandteppichen, Gemälden, Skulpturen und Geschirr – Erinnerungsstücke an Reisen rund um den Globus, die schließlich hier in Keutschach ihren Platz gefunden haben. Sie fragt, ob jemand ein Spezi möchte. „Das habe ich gestern zum ersten Mal getrunken, das ist gut“, sagt sie. Dann beginnt sie zu erzählen.

Doch wo setzt man an, wenn ein Leben mehr als ein Jahrhundert umfasst? Vielleicht bei der Straßenbahn mit den offenen Waggons, mit der die kleine Vera durch Klagenfurt fährt: zum Bahnhof, zum See oder in die Herrengasse. Dort führt ihre Mutter, eine Ärztin, eine Praxis. Auch der Vater ist Arzt. Weil er in Wien arbeitet, bleibt die gemeinsame Zeit begrenzt.

Nach der Matura eröffnet die Tochter ihren Eltern, ebenfalls Medizin studieren zu wollen. „Meine Mutter war dagegen. Mach nicht denselben Blödsinn wie ich, hat sie gesagt“, erinnert sich Defner. Als sie bald darauf heiratet, reagiert die Familie regelrecht entsetzt. Das Glück währt nur kurz. Ihr Mann wird als Soldat in den Zweiten Weltkrieg geschickt, während sie in Wien ihr Studium fortsetzt. Nach Kriegsende trennen sich die beiden. „Es ist nicht mehr gegangen. Buben rückten in die Wehrmacht ein und kamen als Männer zurück. Das waren andere Menschen.“

Flucht mit dem Fahrrad

Auch wegen einer abenteuerlichen Flucht bleibt ihr das Jahr 1945 im Gedächtnis. Als die sowjetischen Truppen auf Wien vorrücken, verlässt sie die Stadt und versucht, nach Klagenfurt zurückzukehren. Weil die Bahninfrastruktur zerstört ist, bleibt ihr nur das Fahrrad. „Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage ich unterwegs war. Aber ich musste ständig daran denken, dass die Russen hinter mir sind. Ich hatte große Angst.“ Schließlich erreicht sie ihr Ziel. Zwei Jahre später promoviert sie.

Vera Defner ist nach wie vor aktives Mitglied des Klagenfurter Bridgeclubs
Vera Defner ist nach wie vor aktives Mitglied des Klagenfurter Bridgeclubs © Braunecker

Der Neustart danach ist schwierig. Defner möchte mit ihrer Mutter ordinieren, doch die Praxis läuft schlecht. Eine Kassenstelle zu bekommen, ist für Frauen angesichts der vielen von der Front zurückgekehrten Ärzte fast unmöglich. „Jede Stelle war umkämpft, und Männer wurden bevorzugt“, erzählt sie. Schließlich nimmt sie eine Stelle als Amtsärztin in Wolfsberg an. Die Position entspricht nicht ihren Wünschen, ist unter Ärzten wenig begehrt und schlecht bezahlt. Doch die junge Frau arrangiert sich. 17 Jahre lang fährt sie frühmorgens ins Lavanttal, besucht Schulen, führt Mutter-Kind-Untersuchungen durch und kehrt erst abends zurück. Die Fahrt über den Griffner Berg nennt sie heute „schrecklich“: Asphaltierte Straßen sind damals noch die Ausnahme.

Mit den Jahren arbeitet sich Defner nach oben: zunächst als Amtsärztin in Völkermarkt, später als Leiterin der „Zentralen Drogenüberwachungs- und Begutachtungsstelle“ in Klagenfurt. 1987 erhält sie als erste Frau das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Kärnten. Wenn sie daran denkt, muss sie schmunzeln: „Anscheinend war ich sympathisch.“

Kaffee mit dem Schah

Ihr privates Glück findet sie mit ihrem zweiten Mann Rudolf, den sie beim Bridge kennenlernt. Gemeinsam ziehen sie nach Keutschach. Bald verbindet sie nicht nur das Kartenspiel, sondern auch die Leidenschaft fürs Reisen. Anfangs sind sie mit dem Auto unterwegs und übernachten im Zelt. Ab den 1970er-Jahren, als das Fliegen billiger wird, werden die Ziele immer ferner. Es dauert nicht lange und es sammeln sich in ihren Pässen Stempel aus Ländern auf fünf Kontinenten. Sie durchqueren die Sahara auf Kamelen – „mir tut noch heute der Popo davon weh“ –, werden vom Schah von Persien zum Kaffee eingeladen („Die Bilder von Kaiserin Soraya hingen überall“), und besuchen die Antarktis. „Die Pinguine haben vielleicht gestunken“, erinnert sich Defner lachend. Auch am Mount Everest ist das Paar anzutreffen, wenn auch nicht am Gipfel. Die letzte gemeinsame Fahrt führt nach Alaska. 2011 stirbt Rudolf Defner.

Große Reisen unternimmt sie seither nicht mehr. Allerdings ist die 106-Jährige weiterhin erstaunlich agil. „Ich kann nicht nur herumsitzen und nichts tun. Da werde ich verrückt“, sagt sie. Besonders wichtig ist ihr die Gesellschaft anderer Menschen. Die Treffen des Klagenfurter Bridgeclubs im Gasthof Krall und im Rokohof gehören zu ihren wöchentlichen Fixpunkten. Hat sie ein Geheimnis für ein langes Leben? „Ich war immer sportlich, aber nie Leistungssportlerin.“ Dann lächelt sie: „Und wenn es nach mir geht, feiere ich noch hundert weitere Geburtstage.“