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Zehnter TodestagJörg Haider: Das letzte Interview Stunden vor der Todesfahrt

Eine Erinnerung.

Jörg Haider (Mitte) bei seinem letzten Interview am 10. Oktober 2008 mit dem damaligen Chefredakteur der Kleinen Zeitung Kärnten, Reinhold Dottolo (links), und dem Chefredakteur der Kleinen Zeitung, Hubert Patterer (rechts) © GERT EGGENBERGER
 

Eigentlich war es ein Schlichtungsgespräch. Wir lebten mit Jörg Haider in einer dauerhaft prekären Beziehung, Antonia Gössinger, die heutige Chefredakteurskollegin in Kärnten, war seine „Lieblingsfeindin“, so nannte er sie im Scherz, und Scherz hieß: Sie war Zielscheibe von Schmähungen und Denunziation. An Parteitagen wurde sie öffentlich angepöbelt. Die Partei lancierte Abo-Abbestellungen unter den Funktionären und ließ Inseratenkampagnen stoppen, auch öffentliche. Darüber hinaus pflegte Haiders Jungschar umfangreiche Dossiers über kritische Berichte anzulegen, die dann, versehen mit einem persönlichen Beschwerdeschreiben Haiders und dem Ersuchen um ein klärendes Gespräch, an die Konzernleitung nach Graz geschickt wurden. 

Es war eines dieser Gespräche, 10. Oktober 2008, ein sonniger Nachmittag. Als Ort hatte Haider das Extrastüberl im Klagenfurter Hotel „Moser Verdino“ vorgeschlagen. Wir hatten das Dossier mit den gesammelten Berichten sicherheitshalber mitgebracht, um im Einzelfall darzulegen, warum an ihnen nicht zu rütteln sei. Haider machte eine wegwerfende Handbewegung. Das Bündel hat ihn schon nach wenigen Minuten nicht mehr interessiert, alles war Teil eines Spiels, in dem er mühelos die Ebenen wechseln konnte. Das unterschied ihn von den Nachkommenden. Sie haben nur eine.

Auf einem kleinen Tisch nebenan saß Stefan Petzner, die ganze Zeit mit sich und seinem Handy beschäftigt, in merkbar übler Laune, ohne dass sich den Anwesenden der Hintergrund erschloss.

Haider kam von einer Gedenkfeier zum 10. Oktober, dem letzten Routinetermin vor dem Wochenende, das er für den Neunziger seiner Mutter freigehalten hatte. Nach und nach fanden sich an diesem Nachmittag im Gasthof am nahegelegenen Plöschenberg die Mitglieder der Familie ein, um dort vor der großen Feier zu übernachten. Haider wirkte heiter und genoss es, wie er sagte, an diesem Freitag „frei von allem Zeitdruck“ zu sein.

Das Interview kreiste um die ausgebrochene Finanzkrise, den Absturz der Börsen und die Verantwortung der Manager, die zu bestrafen seien. Das Desaster der Hypo und das Ausmaß der eigenen Verantwortung war zum damaligen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Zwei Wochen davor hatte Haider in der Rolle des Gereiften mit dem BZÖ achtbare elf Prozent errungen. Im Gespräch warb er für eine Einbindung der Orangen bei der Bildung der künftigen Regierung. Er wolle Österreich jedenfalls weiter verändern. Wenn manches jetzt nicht gelänge, dann eben später, nach den nächsten Wahlen. So redete er und erinnerte daran, dass er ein Langstreckenläufer sei.

Foto © Kleine Zeitung


Gelöst erzählte er von früher, als er und Heinz Fischer Klubobleute im Parlament waren, und dass sie einander seither duzten. Auch berichtete er nicht ohne Stolz, dass er sich mit Heinz-Christian Strache bei einem Treffen ausgesöhnt habe. Und dass Strache es gewesen sei, der einen Fotografen bestellt habe, um das Ereignis festzuhalten, nicht er. Schmunzelnd fügte er an, dass er den Eindruck nicht losgeworden sei, dass manche in der FPÖ-Zentrale bei seinem Eintreffen gerne Beifall geklatscht, sich dann aber angesichts der Parteioberen doch nicht ganz getraut hätten. Schnurren eines Harmoniebedürftigen.

Das Interview war schon fertig auf Band, als Haider begann, die Teetasse und den vorbereiteten Zettel mit den Notizen beiseite zu legen und Chardonnay zu bestellen. Etwas, was er sonst so gut wie nie tat. Wir hatten den Eindruck, dass er bleiben wollte. Es war schon nach 17 Uhr, als wir zum Aufbruch drängten. Die Transkription und die noch leere Doppelseite warteten. Die Zeit bis zum Andruck der Ausgabe war bedrohlich knapp geworden. Das Interview schaffte es zwar klein auf die Titelseite, aber der Aufmacher war längst vergeben: „Der schwarze Freitag. Panik an den Börsen. Wien setzt den Handel aus.“

Kleine Zeitung
Die Titelseite vom 11. Oktober 2008 © Kleine Zeitung

Am nächsten Morgen, als die Zeitung um sechs Uhr zugestellt wurde, hatten wir das Interview mit einem Toten im Blatt.

Kleine Zeitung
Die Titelseite vom 12. Oktober 2008 © Kleine Zeitung

 

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Danke für Ihr Verständnis.

carpe diem
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Genug von Haider!

Dafür mehr Aufmerksamkeit für seine unsäglichen Nachfolger, die nicht minder populistisch regieren und die Sprache Haiders zum noch Schlimmeren entwickelt haben und weiter entwickeln. Diese braunen Rülpser und Ideologien sind zum Kotzen.

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ellen64
26
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Warum wird von ihrem

Medium so viel und vor allem so lange über einen Menschen berichtet der es sich absolut nicht verdient hat?? Steigen wir auf den Populismus Zug auf? Haben sie nicht nötig! Und aus!!

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BernddasBrot
6
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In merkbar übler Laune ,

saß Stefan Petzner mit sich und seinem Handy beschäftigt........schreiben Sie als kleines Nebengeräusch.
Der Beginn der Tragödie würden vermutlich einige sagen , aber das gehört nicht hierher.

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fans61
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54
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Heute würde er vermutlich im Häfn sitzen...

und das wäre nur gerecht.

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