Es war ein Spektakel der Superlative, das am Samstag in Zagreb über die Bühne ging. Der nationalistische Sänger Marko Perković, besser bekannt als Thompson, lockte rund eine halbe Million Menschen in die kroatische Hauptstadt. Schon Tage zuvor herrschte dort Ausnahmezustand. Etliche Straßen und Brücken der Stadt waren gesperrt, der öffentliche Verkehr wurde umgeleitet, der kroatische Automobilclub warnte vor Megastaus und riet Reisenden dazu, den Großraum Zagreb zu meiden. Ein Lazarett mit 200 Betten wurde aufgestellt, Krankenhäuser mussten Betten blockieren, Polizei und Sicherheitskräfte waren zusammengezogen worden.

Monatelange Vorbereitung

Die lange akribische Vorbereitung von Stadt, Innenministerium und Veranstalter trug Früchte: Obwohl weltweit nie zuvor für ein Konzert mehr Tickets verkauft wurden, kam es kaum zu Zwischenfällen. Noch gibt es keine offizielle Bilanz, zwischen 450.000 und etwas über einer halben Million Menschen sollen dem Event auf der Zagreber Pferderennbahn beigewohnt haben. In den letzten drei Monaten vor dem Konzert standen die kroatischen Sicherheitsteams in Kontakt mit den Organisatoren des Festivals Rock in Rio und der italienischen Polizei, die gerade erst bei den Großereignissen rund um das Papstbegräbnis und die Ernennung von Leo XIV gefordert waren.

Doch nicht nur wegen der Größe der Veranstaltung blickte man gespannt in die kroatische Hauptstadt. Rechtsrocker Perković, der seinen Künstlernamen Thompson jener Waffe zu verdanken hat, die er im Kroatienkrieg trug, fällt in seiner bald 35-jährigen Musikerkarriere regelmäßig durch ultranationalistische Texte und Ustascha-Rhetorik auf. Für die Mehrzahl der Kroaten – egal, ob im Heimatland oder in der Diaspora – gilt Perković als Ikone und Sprachrohr, der die kroatische Seele einfängt.

Drohnen zeichneten Mutter Gottes in den Himmel

Und Perković lieferte. Nach einem eher verhaltenen Beginn zündete er im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuerwerk. Die Show, bestehend aus jeder Menge Pyrotechnik, Drohnen und anderen Lichteffekten, versetzte das Publikum in Staunen. Herzstück des Spektakels war eine 36 Meter hohe Bühne mit 1500 Quadratmetern Fläche, gebaut aus 500 Tonnen Gerüstmaterial. Perkovićs Texte, die sich um die Heimat, Krieg, Familie und den christlichen Glauben drehen, dröhnten aus rund 700 Lautsprechern über das Gelände. Mit den Drohnen ließ er Engel, ein Kreuz, einen Adler und die Mutter Gottes in den Himmel zeichnen.

Perković: „Kehrt zurück zu eurer Tradition und euren christlichen Wurzeln“

Religion war an diesem Abend überhaupt Thema bei Thompson. „Gelobt seien Jesus und Maria, mein liebes Volk!“, rief er der Menge zu. „Ich danke euch aus tiefstem Herzen, dass ihr in so großer Zahl gekommen seid.“ Er sprach von einem „Zeichen der Einheit“, das das Konzert setzen solle: „Ihr seid aus allen Teilen Kroatiens gekommen. Freunde aus dem Ausland sind ebenfalls hier. Uns alle verbindet die Liebe zur Familie und zur Heimat.“ Der Künstler appellierte: „Kehrt zurück zu eurer Tradition, kehrt zurück zu euren christlichen Wurzeln.“

Kriegsverherrlichung und Terroristen-T-Shirt

Auch kriegsverherrlichende Stücke des Sängers kamen bei dem dreistündigen Konzert, bei dem er 30 Lieder auf die Bühne brachte, nicht zu kurz. Seinen ersten großen Hit aus dem Jahr 1991 „Bojna Čavoglave“ spielte er ungewöhnlich spät – ließ es sich aber trotz der medialen Aufmerksamkeit und Kritik im Vorfeld nicht nehmen, ihn wie üblich mit dem faschistischen Ustascha-Gruß „Za dom – spremni“ (Deutsch: „Für die Heimat – bereit!“) einzuleiten. Dieser ist international, aber auch in Kroatien hoch umstritten. Ein pauschales Verbot des Grußes existiert nicht, stattdessen entscheidet das kroatische Verfassungsgericht seit Jahren im Einzelfall, ob es sich um ein „verfassungsfeindliches Verhalten“ handelt oder um „kulturelle Ausdrucksform“. Und gerade im Fall von „Bojna Čavoglave“ wird von den Behörden regelmäßig argumentiert, dass der umstrittene Satz „Teil des künstlerischen Werks“ sei.

Doch Perković provozierte auch mit seiner Kleidung. Er trug bei dem Konzert ein T-Shirt, auf dem die Nummer 03941158 aufgedruckt war. Die Zahl war die Häftlingsnummer von Zvonko Bušić, einem jener Terroristen, die im Jahr 1976 ein Flugzeug mit 92 Personen an Bord, in den USA entführt hatten, um die Veröffentlichung ihrer Propaganda-Texte zu erzwingen. Bušić, dem Perković einst bereits ein Lied gewidmet hat, war der ideologische Anführer der in den USA operierenden Gruppe Emigranten, deren politische Ziele die Errichtung eines autonomen kroatischen Staates waren.

Die Menge störte das alles nicht – im Gegenteil, Thompson wurde stundenlang gefeiert. Überall sah man das charakteristische weiß-rote Schachbrett, das neben der kroatischen Fahne auch die Trikots des Fußballnationalteams, dem Perković eng verbunden ist, ziert.

Kärnten kommt vor

Thompson nutzte das in seiner Größe in Europa einzigartige Konzert auch, um sein neues Album Hodočasnik vorzustellen. Herzstück: Kroatische (Kriegs)Geschichte. Auch Kärnten hat hier einen unrühmlichen Auftritt. „Slike Bleiburga“ (Bleiburger Bilder) dreht sich um das „Massaker von Bleiburg“ – eine Sammelbezeichnung für eine Reihe jugoslawischer Nachkriegsverbrechen, die ab Mai 1945 ebendort stattfanden. Dabei wurden Angehörige des faschistischen Unabhängigen Staates Kroatien (NDH) Opfer von Folter und Massentötungen. Bis zu 45.000 Kroaten, aber auch tausende Slowenen und Bosniaken verloren damals ihr Leben.

Der 58-jährige Sänger beschloss sein Konzert mit seiner ganz persönlichen Ode an Kroatien „Lijepa li si“. Besonders kontrovers daran: Er besingt das „stolze Herz Herceg-Bosna“. Für Perković ist klar, dass ein großer Teil des heutigen bosnischen Staatsterritoriums zu Kroatien gehören sollte.

Konzert mit politischer Dimension

Das Mega-Konzert sorgte in der Politik der ehemaligen Länder Jugoslawiens für viel Wirbel. Der kroatische Minister Branko Bačić hat sich auf Facebook zum Statement der oppositionellen SDP geäußert, die sich entsetzt über das nationalistische Konzert gezeigt hatten und es als eine „weltweite Blamage“ bezeichneten. Die SDP hatte in ihrer Erklärung Premierminister Andrej Plenković kritisiert und betont, das Problem liege nicht in der Musik selbst, sondern in dem, was diese Musik begleite – in den Liedtexten, Symbolen, Botschaften und Ideologien, die offen den Ustascha-Faschismus verherrlichten. Bačić konterte daraufhin: „Sie sagen, es sei eine Schande. Aber wo genau haben sie diese Schande gesehen? In einer halben Million junger Menschen, die über Liebe, Glauben und Heimat singen? In zwei Tagen ohne Zwischenfälle, mit Lächeln und Fackeln, mit Gesang und Fahnen?“

Ehemaliger serbischer Präsident kritisiert Kroatien und die EU

Der ehemalige serbische Präsident und Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Serbiens, Boris Tadić, bezeichnete den Thompson-Auftritt als „große Schande für Kroatien – aber auch für die Europäische Union“.

„Es ist erschreckend, dass im 21. Jahrhundert, auf europäischem Boden, Konzerte organisiert werden, die faschistische Kollaborateure und das Töten der Angehörigen eines Volkes – in diesem Fall des serbischen Volkes – verherrlichen“, schrieb Tadić. Er zeigte sich besonders beunruhigt über die Anzahl junger Menschen, die zum Konzert kamen, und über die Tatsache, dass der Künstler sein Publikum mit dem Ustascha-Gruß begrüßt habe: „Es ist niederschmetternd zu sehen, wie viele junge Menschen einem Mann folgen, der das Publikum mit einem faschistischen Gruß anspricht, und wie viele dabei Symbole der Schwarzhemden-Bewegung des Zweiten Weltkriegs mittragen.“

Tadić kritisierte zudem das Schweigen aus Brüssel: „Noch schlimmer ist, dass aus der EU kein ernsthafter Protest kommt – geschweige denn ein Aufruf, solche nazistisch-ustašischen Veranstaltungen zu verbieten, die mit Musik nichts zu tun haben. Die EU untergräbt damit ihre eigene Glaubwürdigkeit, wenn sie auf ihrem Boden solche Manifestationen zulässt, und gleichzeitig anderen Ländern politische und wertebezogene Lektionen erteilen will.“

Aufregung in Slowenien

Auch in Slowenien schlug das Konzert Wellen. Janez Janša, Vorsitzender der Slowenischen Demokratischen Partei (SDS) und ehemaliger Ministerpräsident, ließ sich vor Ort fotografieren. Die slowenische Partei Levica („Die Linke“), die Teil der Regierungskoalition ist, kritisierte den Konzertbesuch scharf: „Die Konzentrationslager, die während des Krieges vom Ustascha-Regime betrieben wurden, waren besonders brutal. Der Besuch des Thompson-Konzerts, bei dem Ustascha-Parolen gegrölt werden, ist ein weiterer Schritt in der Relativierung der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs – und Ausdruck einer völlig staatsfeindlichen und im Grunde unpatriotischen Haltung der slowenischen radikalen Rechten unter der Führung von Janez Janša.“