Als die gebürtige Berlinerin Carola Nitsch vor Jahrzehnten nach Italien umzog, hätte sie sich einen Austausch mit gleichsprachigen und gleichgesinnten Italienfreunden in ihrer neuen Heimat gewünscht. Da es damals noch keine sozialen Medien gab, war es schwierig, sich zu vernetzen - doch der Wunsch war stets da.
Also suchte die Architektin, die nach ihrem Studium in Venedig hängenblieb und seit mittlerweile zwei Jahrzehnten in Udine lebt, vor ein paar Monaten erneut nach deutschsprachigen Treffen, fand in ihrer Nähe aber keine. „Dabei gibt es haufenweise Stammtische. In Bergamo, im Veneto, aber ich kann da ja nicht stundenlang fahren, dachte ich“, sagt Nitsch. Also gründete die 55-Jährige einen eigenen „Stammtisch Friuli Venezia-Giulia“.
Steirer wanderten aus
Gleich der erste Termin Ende Februar war ein voller Erfolg. Mittlerweile gab es das dritte Treffen im „Il Biergarten“ in Ronchis bei Latisana, ganz in der Nähe des Badeortes Lignano. Neben Schweizern und Deutschen waren diesmal auch einige Steirer dabei. „Unsere Kinder beauftragten uns, für sie ein Feriendomizil beim Meer zu suchen. Das haben wir leider nicht gefunden. Aber dafür ein Haus für uns beide, mich und meine Frau Sonja in Palazzolo Dello Stella, wo wir uns sehr wohl fühlen und bestens integriert sind“, erzählte Heinrich Radaelli aus dem steirischen Rottenmann, der schon seit vielen Jahren ein Lignano-Fan ist. Er sorgte mit seiner ungewöhnlichen Geschichte für Aufheiterung und erntete Sonderapplaus.
Susanne Neschmach, Volksschullehrerin aus Deutschlandsberg, hat den umgekehrten Weg eingeschlagen, wie sie erzählte. „Ich habe mir Friaul zu uns nach Österreich geholt. Mein Mann, Daniele Cozzi, ist aus Udine, wir haben aber mittlerweile eine Ferienwohnung in Caorle im Veneto und pendeln“, sagte die Steirerin.
Unverhofft zum „Bed and Breakfast“-Inhaber
Interessant ist auch die Geschichte des aus Frankfurt stammenden Paares Denise Gramlich und Andreas Bäumert. „Wir sind da jetzt im Februar unverhofft zu einem ,Bed and Breakfast‘ gekommen. Eigentlich wollten wir etwas privat für uns kaufen. Aber das Landgut gibt uns eine neue Aufgabe“, sagte die frisch gebackene Inhaberin der „Tenuta Aganis“ in Palazzolo, gleich beim Fluss Stella.
Italienische und deutsche Küche
Das Stammlokal des Stammtisches, das „Il Biergarten“ betreibt die Münchnerin Ingrid Munisso mit ihrem Mann Danilo, der aus dem Veneto stammt. Und so gab es beim Stammtisch ab 19 Uhr wahlweise auch Münchner Kartoffelsalat zum Wiener Schnitzel. Viele der Teilnehmer sind aber bereits so italienisiert, dass sie auch gerne Italienisches bestellten, wie zum Beispiel die mit Ricotta gefüllten Zucchiniblüten mit einem Hauch von Tomatensugo.
Aber die von Nitsch organisierten Stammtische bieten wesentlich mehr als Essen und Trinken: „Bei uns stellt sich jeder allen vor. Auch die Schüchternsten tauen mit den ersten gemeinsamen Lachern auf.“ Mittlerweile hat man bei den Treffen bereits eine kleine Änderung vorgenommen: „Beim ersten Stammtisch begannen wir vor dem Essen. Aber das wurde dann bei den vielen Leuten so umfangreich, dass wir es mit dem Küchenchef zu tun bekamen, der das Essen vorbereitet hatte.“
Freunde gefunden
Jeder ist willkommen, egal ob Auswanderer, Urlauber oder künftiger Einwanderer. Ein Bayer reiste diesmal sogar extra zum Stammtisch an. „Er suchte eigentlich in Italien ein Haus. Aber jetzt sucht er nur noch in Friaul, weil er hier schon Freunde gefunden hat“, freut sich Nitsch. Der Andrang ist mittlerweile allerdings so groß, dass man gar nicht mehr alle Interessenten unterbringt, bedauert Nitsch: „Da der Speisesaal für 30 Personen Platz bietet, musste ich einigen aus Platzmangel schweren Herzens absagen.“
Ihr liegt der Austausch von Informationen sehr am Herzen. „Jene, die schon länger da sind, helfen den anderen mit ihren Erfahrungen und Kontakten“, sagt Nitsch. Sie beobachtet, wie sich nach dem Essen und der Vorstellungsrunde Grüppchen bilden. „Klar gibt es auch jene, die sich zusammensetzen, weil sie aus der gleichen Gegend stammen. Unlängst sind sich drei aus Landshut hier das erste Mal begegnet. Aber genauso oft sehe ich jetzt, dass die zusammenhocken, die in Italien im gleichen Ort leben. Gruppenbildungen gibt es auch nach der Berufssparte oder nach dem ‚Ich-suche-finde‘-Prinzip“, erklärt die Wahl-Italienerin. Wo jemand herkomme, sei aber nicht so bedeutend.
Der nächste Stammtisch ist für Ende Juni/Anfang Juli geplant. Vernetzen und anmelden kann man sich in der Facebook-Gruppe „Stammtisch Friuli Venezia-Giulia“.