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Atlantis in OberitalienSeltener Anblick: Verschwundenes Geisterdorf wieder aufgetaucht

Unheimlich und fast unzerstörbar: Das für einen Stausee geflutete Dorf Movada gilt als einer der bekanntesten „Geisterorte“ in Italien. Es taucht nur selten auf.

Skelette aus Stein. Sogar die Dachziegel nahmen die Bewohner mit, als sie ihre Häuser verlassen mussten © Helmuth Weichselbraun
 

Für eine Geisterstadt ist Movada zu klein. Ein Feldweg und drei Gebäude: Das reicht höchstens für ein Geisterdorf oder, wenn man es noch genauer nimmt, für ein Geisterdörfchen. Aber dafür stimmt das mit den Geistern. Denn Movada ist oft monate-, manchmal sogar jahrelang spurlos verschwunden. Die Überreste der Siedlung liegen am Grund eines Stausees. Sie tauchen nur auf, wenn es lange Zeit extrem trocken gewesen ist. Witterungsunabhängig und deshalb ganzjährig geistern die Ruinen durchs Internet. Dort fehlt Movada auf keiner Liste, die „Geisterorte in Italien, die du unbedingt besucht haben musst“ aufzählt.

Die Ortschaft im dünn besiedelten Tramontina-Tal nordöstlich der Stadt Pordenone fiel 1952 dem Aufschwung zum Opfer. Weil die großen Industriebetriebe in Friaul-Julisch Venetien immer mehr Energie benötigten, wurde in der wasserreichen Gegend ein bis zu 70 Meter tiefer Stausee zur Stromerzeugung angelegt. Die Bewohner von Movada, die hauptsächlich von der Landwirtschaft gelebt hatten, erhielten für ihre alten Häuser nur eine geringe Ablöse. Sie nahmen deshalb alles mit, was wiederverwertet werden konnte: Dachziegel, Fenster- und Türrahmen. Die Gebäude blieben als Skelette aus Stein zurück.

Geisterdorf: Im italienischen Atlantis

Nur nach extremen Trockenperioden gibt der bis zu 70 Meter tiefe Stausee die Ruinen wieder frei

Helmuth Weichselbraun

Der Stausee wurde 1952 angelegt

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Normalerweise sind die Häuser nicht zu sehen

Helmuth Weichselbraun

In der Gegend erzählt man sich, dass es in den Ruinen spuken soll

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Besuch in Movada

Helmuth Weichselbraun

Die Bewohner von Movada, die hauptsächlich von der Landwirtschaft gelebt hatten, erhielten für ihre alten Häuser nur eine geringe Ablöse

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Blick in eine der Ruinen

Helmuth Weichselbraun

Klicken Sie sich durch die Fotos!

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Nach der Expedition

Helmuth Weichselbraun
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Unter den Menschen, die damals ihre Heimat verloren, waren die Eltern des Autors Giacomo Miniutti. „Wenn ich sehe, wie die Häuser langsam aus dem Wasser kommen, empfinde ich mehr Zuversicht als Wehmut“, schreibt er. „Die Mauern halten noch. Das bedeutet, dass nichts für immer verloren ist. Wir können also hoffen - trotz aller Tücken des Glücks und aller Widrigkeiten im Leben.“ Abseits dieser philosophischen Betrachtungen erzählt man sich im Tal mittlerweile auch eine Spukgeschichte über Movada. Ihr zufolge soll im Stausee, den man Lago dei Tramonti nannte, der Geist eines verstorbenen Dorfpfarrers die Gebäude vor der Zerstörung durch eine böse Hexe bewahren.

Vom Ergebnis dieser angeblichen Kämpfe konnten sich Neugierige zuletzt Anfang Oktober überzeugen. Zuvor war von den Ruinen wegen des hohen Wasserstandes mehr als eineinhalb Jahre lang kein Stein zu sehen gewesen. Praktische Hinweise für Besucher: Der Stausee wird auch Lago di Redona genannt - unter dieser Bezeichnung sind die Koordinaten der Ruinen zum Beispiel auf Google Maps im Internet zu finden. Über ihr Auf- oder Abtauchen informiert man sich über Instagram und packt, wenn es endlich so weit ist und man die Mauern unter die Lupe nehmen will, Gummistiefel ein.

Eine unentdeckte Ecke

Das Tramontina-Tal in den Julischen Voralpen liegt - wenn man Mountainbiker und Motorradfahrer ausnimmt - abseits bekannter Routen. Besiedelt dürfte die Nord-Süd-Verbindung zwischen der Ebene und dem 1052 Meter hohen Pass über den Monte di Rest aber schon in vorrömischer Zeit gewesen sein.

Der mit dem glasklaren Wasser aus den umliegenden Bergen gespeiste Fluss Meduna und die geschützte Lage waren günstige Voraussetzungen, um Landwirtschaft zu betreiben. Als bedeutendster archäologischer Fund im Tal gilt ein Friedhof bei Tramonti di Sotto. Die zehn Gräber stammen aus dem 7. Jahrhundert, also aus der Zeit, in der in Friaul der germanische Stamm der Langobarden herrschte.

Das Tramontina-Tal ist außerdem Heimat einer der ersten Spezialitäten, die auf die Liste der Slow-Food-Spezialitäten kamen: Die in Traditionslokalen aufgetischte Pitina ist eine Wurst aus Ziegen- und Schaffleisch, Schweinespeck und Stücken von Reh und Gams.

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